Bremer BLG vom Autoexport-Boom überrascht Hafenbetrieb holt entlassene Mitarbeiter zurück

Bremen. Mehr als 800 befristete und 200 feste Mitarbeiter waren in Krisenzeiten im Hafen entlassen worden. Jetzt braucht die Bremer Lagerhausgesellschaft wieder mehr Personal - so viel, dass der Gesamthafenbetriebsverein gar nicht genügend Personal zur Verfügung stellen kann.
21.07.2010, 18:06
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Hafenbetrieb holt entlassene Mitarbeiter zurück
Von Petra Sigge

Bremen. Noch im vergangenen Jahr hatte der für den Personalausgleich der BLG zuständige Gesamthafenbetriebsverein Bremen/Bremerhaven (GHB) mehr als 800 befristete und 200 feste Mitarbeiter entlassen, um eine drohende Insolvenz abzuwenden. In Zeiten der Krise waren die Beschäftigten von der Hafenumschlagsfirma BLG nicht mehr angefordert worden. Das rächt sich nun: Mit seinen noch verbliebenen 500 Mitarbeitern konnte der GHB längst nicht so viel Personal liefern, wie in diesen Wochen benötigt wurde. 'Bis zu 800 Leute wurden bei uns pro Tag zum Autofahren angefordert. Das hat es in den besten Zeiten nicht geben. An der Tagesordnung sind in guten Zeiten zwischen 300 und 500', berichtet GHB-Geschäftsführer Hubertus Ritzke.

Zusätzlich zu 270 gerade angeheuerten Aushilfskräften soll deshalb jetzt ein Großteil der entlassenen GHB-Mitarbeiter zurückgeholt und wieder fest eingestellt werden. Die Gespräche laufen bereits. Insgesamt hätten rund 140 der ehemaligen Stammbeschäftigten Interesse gezeigt, wieder in ihrem alten Job zu arbeiten, sagt Ritzke.

Grund ist der Boom beim Autoexport, der zwar schon seit Monaten existiert, aber in seinem Ausmaß den geschrumpften Hafenbetrieb nun überfordert. Mit einer so rasanten Entwicklung, wie sie sich in den vergangenen Wochen darstellte, hatte die BLG als Betreiber des Bremerhavener Autoterminals offenbar nicht gerechnet. Es fehlte schlicht an Personal, um die angelieferten Exportauto-Mengen abzufertigen. BLG-Sprecher Hartmut Schwerdtfeger bestätigt, dass zeitweise mehrere Schiffe auf Reede lagen und nicht pünktlich abgefertigt werden konnten. In einem Fall habe ein Autotransporter sogar mehrere Tage auf Beladung warten müssen. Im Schnellverfahren wurden in der vergangenen Woche schließlich 270 Leute gesucht und binnen weniger Tage zu Aushilfsfahrern geschult. 'Wir haben wieder alles im Griff. Bis Ende dieser Woche ist der Engpass auf jeden Fall beseitigt', versichert der BLG-Sprecher. Nach seinen Angaben sind in erster Linie die anstehenden Werksferien der Autobauer Ursache für die

Abfertigungsprobleme. 'In den Wochen davor wollen die Hersteller alles vom Hof schaffen, was sie überhaupt nur wegschaffen können.' Mit solchen Spitzenmengen habe man nicht gerechnet.

Flotten wieder ausgelastet

Nicht nur der Autoumschlag, auch der Seeverkehr insgesamt scheint wieder in Fahrt zu kommen. Die meisten deutschen Reeder haben die Krise nach eigener Einschätzung schon hinter sich. Bei vier von fünf Befragten ist die Flotte wieder voll ausgelastet, vor Jahresfrist war dies nur bei jedem zweiten der Fall, wie aus einer Umfrage der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) hervorgeht. Angesichts der steigenden Auslastung will die Mehrzahl der Unternehmen in den nächsten Monaten mehr Personal einstellen.

'Wir haben in der Containerschifffahrt eine deutlich bessere Entwicklung als noch zu Jahresbeginn prognostiziert wurde', sagt Burkhard Lemper, Leiter der Abteilung Maritime Wirtschaft und Verkehr am Bremer Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL). 'Es bestehen sogar gute Chancen, dass wir den Mengenverlust aus 2009 in diesem Jahr zumindest annähernd ausgleichen können - vor allem dank des starken Wachstums in Asien.'

Die steigenden Frachtmengen führten auch dazu, dass nach und nach immer mehr stillgelegte Schiffe wieder in Dienst genommen wurden. Im Zuge der Wirtschaftskrise hatte jede zweite Reederei in den vergangenen zwölf Monaten Schiffe aufgelegt, also zumindest vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Noch gibt es Überkapazitäten: 'Derzeit liegen weltweit 150 Containerschiffe auf. Aber dieser Bestand reduziert sich praktisch von Woche zu Woche', so Lemper.

Während es bei den Schiffen noch einen Überhang gibt, werden Container dagegen offenbar mehr und mehr zur Mangelware. Die vorwiegend in China angesiedelten Hersteller der stählernen Transportboxen hatten ihre Produktion im vergangenen Jahr deutlich heruntergefahren. Statt 3,5 Millionen wurden laut Lemper im vergangenen Jahr nur 300000 neue Kisten hergestellt - ein Einbruch um 90 Prozent. Um auch die zusätzlichen neuen Schiffe voll nutzen zu können, so der Experte, müsste die Produktion jetzt eigentlich wieder auf Hochtouren laufen. Doch das sei nicht machbar, weil den Herstellern nun im Aufschwung das Personal fehle. Die entlassenen Schweißer seien längst woanders untergekommen - im Stahlbau oder bei den Werften. Für den Logistikexperten Lemper kein gravierendes Problem: 'Das ist sicher eine Geschichte, die das Wachstum kurzfristig ein bisschen bremsen kann, aber nicht dauerhaft.'

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+