Vize-Präses der Handelskammer im Interview „Viele Unternehmen sind finanziell am Ende der Fahnenstange“

Die Handelskammer Bremen fordert eine schrittweise Öffnung des Einzelhandels und der Gastronomie. „Man muss einen klaren Rahmen definieren“, so Vize-Präses Stefan Brockmann im Interview.
20.02.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Viele Unternehmen sind finanziell am Ende der Fahnenstange“
Von Peter Hanuschke

Wann sollte der Einzelhandel wieder öffnen dürfen?

Stefan Brockmann: Wenn Wirtschaftsminister Peter Altmaier Öffnungsszenarien zum 1. März ins Spiel bringt, finden wir, dass das zu spät ist. Erst ging es um den 10. Januar und um Ende Januar, dann hieß es, am 15. Februar kann es wieder losgehen. Nichts passierte. Als Handelskammer setzen wir uns seit Monaten massiv dafür ein, dass die betroffenen Branchen eine Perspektive brauchen. Wir können nicht im Drei-Wochen-Takt den Lockdown immer weiter verlängern. Viele Unternehmen sind finanziell am Ende der Fahnenstange. Die Corona-Hilfen fließen nur schleppend.

Die fehlende Perspektive belastet. Wie macht sich das auf der emotionalen Ebene bemerkbar?

Das geht an die Nerven und ist frustrierend. Was viele geschockt hat, ist, dass nun der neue Inzidenzwert 35 kurz vor einer möglichen Öffnung der Geschäfte aufgetaucht ist. Bislang war immer das Erreichen des Wertes 50 definiert gewesen, um Lockerungen vornehmen zu können.

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Welche Ideen, welche Forderungen haben Sie, damit der Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistungen wieder agieren können?

Man muss einen klaren Rahmen definieren. Schlecht wäre es, wenn bald der Inzidenzwert 20 als Maßstab zugrunde gelegt würde. Wir haben an den Bürgermeister und die Wirtschaftssenatorin Briefe mit unseren Vorschlägen und Forderungen geschickt. Wir haben beispielsweise vorgeschlagen, dass der Einzelhandel als ersten Schritt zur Wiederöffnung Beratungstermine mit Einzelkunden vornehmen darf. Dabei würde der Laden ansonsten geschlossen bleiben. Die Möglichkeit einer Ansteckung geht dabei unter Einhaltung aller erforderlichen Hygienemaßnahmen wohl gegen null. Umgekehrt ist es ja möglich, Beratung beim Kunden vorzunehmen, was auch in Einzelfällen praktiziert wird. Warum das also nicht im Geschäft selber möglich sein darf, erschließt sich uns nicht. Das wäre eine Lockerung, die Bremen im Alleingang vornehmen könnte, ohne dass dadurch ein Einkaufstourismus aus dem niedersächsischen Umland ausgelöst wird.

Haben Sie eine Antwort auf Ihre Briefe bekommen?

Bislang noch nicht. Die jüngsten Briefe sind aber auch erst kürzlich übersandt worden. Wir gehen davon aus, dass sich der Senat in seiner nächsten Sitzung damit befasst. Und wir werden das weiterhin in die Bürgermeister-Runden einbringen, in denen wir uns für den Handel stark machen. Ich kann allen Betroffenen versichern: Die Handelskammer setzt sich erheblich für sie ein.

Ab welchem Wert kann es losgehen?

Wir sind alle keine Virologen. 50 wurde als der Wert festgelegt, weil man argumentiert hat, dass die Gesundheitsämter dann in der Lage wären, die Kontakte bei Corona-Fällen nachverfolgen zu können, um entsprechend zu handeln und eine weitere Ausbreitung der Pandemie zu vermeiden. Man darf auch nicht vergessen, dass wir Ende November eine Inzidenz von knapp 200 hatten, und da waren alle Läden geöffnet. Jetzt sind wir bei einem Wert von unter 60 und haben noch keine Perspektive, wann wir öffnen dürfen. Es ist nun Aufgabe von Politik, schnell und klar festzulegen, was bei welchem Wert möglich ist.

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Was wären die nächsten Schritte auf dem Weg zum Öffnen?

Ich denke, wir sollten wie im Frühjahr 2020 in Teilschritten vorgehen – etwa, dass zunächst nur ein Kunde pro – sagen wir mal – 20 Quadratmeter zulässig ist. Und wünschenswert ist natürlich, dass wir mehr Tempo beim Impfen hinbekommen, damit wir schneller einen Weg in die Normalität einschlagen können. Das ist uns als Handelskammer extrem wichtig. Sonst haben wir eine Einzelhandel- und Gastronomielandschaft, die sich keiner vorstellen kann und wünscht, weil einfach ein Großteil der Betriebe nicht mehr da ist.

Vermissen Sie seitens der Politik einen konkreten Plan, der Wege zum Wiederöffnen aufzeigt?

Ja, auf jeden Fall. Ich denke, unsere Vorschläge kann man umsetzen, ohne dabei das Gesundheitsrisiko zu vernachlässigen. Fahren auf Sicht, so wie es seit Monaten von der Politik gemacht wird, war unumgänglich, aber auf Dauer im Nebel rumzufahren, führt nie ans Ziel.

Wie finden Sie es denn, dass Friseurläden ab 1. März wieder öffnen dürfen und eine Praxis für Fußpflege beispielsweise nicht?

Ich gönne es natürlich den Friseuren und ja auch den Blumenläden. Jeder Schritt, der in Richtung Öffnung führt, ist ein guter Schritt. Dennoch ist die Frage berechtigt, weshalb ich Blumen kaufen darf und ein Sofa nicht. Nachvollziehbar ist das nicht. Wir wollen nun nicht erreichen, dass diese Teilöffnungen zurückgenommen werden, sondern diese Regeln für alle Geschäfte gelten. Diese Ungerechtigkeiten lassen sich nicht wegdiskutieren und bringen die Politik in eine schwierige Situation. Die Ansteckungsgefahr bei der Fußpflege kann nicht größer sein als im Friseurladen. Ich befürchte, es wird wegen dieser Ungerechtigkeiten eine Menge weiterer Klagen geben. Es ist ja auch nicht erklärbar, warum A geht und B nicht. Um das zu vermeiden, benötigen wir jetzt einen strukturierten Plan, wann wer demnächst bei welchem Inzidenzwert öffnen darf.

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Hat Politik im Umgang mit der Pandemie viel dazugelernt?

Ich denke, so wie der Einzelhandel und die Gastronomie dazugelernt und gute Hygienekonzepte entwickelt und umgesetzt haben, hat auch Politik ihre Erfahrungen gesammelt. Es ist zweifellos eine schwierige Aufgabe, ich möchte jetzt nicht Politiker sein. Was wir uns wünschen, ist aber mehr Mut zu einem klaren entschlossenen Weg. Es geht darum, wie wir schrittweise und unter Einhaltung aller notwendigen Hygienemaßnahmen aus der Situation herauskommen. Wir können ja immer neue Lockdown praktizieren. Danach gibt es den Wohlstand, den wir bislang kannten, in Deutschland und Europa nicht mehr. Und eines hat sich nachweislich herausgestellt: Der Einzelhandel und die Gastronomie sind aufgrund von Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen keine Infektionstreiber.

Das Gespräch führte Peter Hanuschke.

Info

Zur Person

Stefan Brockmann von der Brockmann Design GmbH wurde im
Januar zum neuen Vizepräses der Handelskammer Bremen gewählt.

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Zur Sache

Senat: Öffnung nicht in Sicht

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat dem Einzelhandel in seinem Bundesland Hoffnung gemacht: Laut Medienberichten könnte Baden-Württemberg das erste Land sein, das einen Inzidenzwert von 35 erreicht. Bei einer solch stabilen Inzidenzlage werde der Einzelhandel schrittweise unter Vorgaben wieder geöffnet, wird Kretschmann zitiert.

Nach Angaben eines Sprechers des Bremer Senats stellt sich diese Frage in der Hansestadt derzeit nicht: „Bremen ist – Stand heute – von der Inzidenz 35 noch deutlich entfernt.“ Klar sei aber, dass sich Bund und Länder darauf verständigt hätten, bei einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz von höchstens 35 den Handel zu öffnen.

Der Sprecher sagte, dass sich Niedersachsen und Bremen bei Entscheidungen zur Öffnung des Einzelhandels „eng abstimmen“ würden. Denn: „Die Öffnung des Handels nur in Niedersachsen oder nur in Bremen würde automatisch einen regen Einkaufstourismus auslösen.“ Der Inzidenzwert der Stadt Bremen lag am Freitag bei 62,4. Bremerhaven kam auf 108,7 und das Land Baden-Württemberg auf 41,9. (BEM)

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