Interview mit Handelskammer-Geschäftsführer

Matthias Fonger: „Je schneller, desto besser“

Handelskammer-Geschäftsführer Matthias Fonger spricht im Interview über die Hilfe bei der Bearbeitung der Krisen-Soforthilfen und über die Ungerechtigkeit, wer öffnen darf und wer nicht.
08.04.2020, 05:06
Lesedauer: 5 Min
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Matthias Fonger: „Je schneller, desto besser“
Von Peter Hanuschke
Matthias Fonger: „Je schneller, desto besser“

Warum dürfen Pflanzen im Baumarkt verkauft werden, während das kleine Blumengeschäft geschlossen bleiben muss? Der Kammergeschäftsführer fordert faire Bedingungen.

Marius Becker

Etwa 30 Mitarbeiter der Handels- und der Handwerkskammer unterstützen seit Dienstag die Arbeit der Bremer Aufbau-Bank (BAB) und der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung (BIS) bei der Antragsberatung zur finanziellen Soforthilfe. Was erhoffen Sie sich davon?

Matthias Fonger: Die Abarbeitung der Anträge läuft in Bremen, wie in anderen Bundesländern auch, zwar mit größten Bemühungen, aber es gibt einfach einen solchen Berg an Anträgen, dass die Task Force der BAB und BIS nicht so schnell nachkommt, wie es für die Existenzsicherung vieler Unternehmen notwendig wäre. Wir wollen deshalb nicht nur bei der allgemeinen Beratung der Unternehmen helfen, was die Kammern ohnehin bereits machen, sondern gezielt auch die Antragsbearbeitung unterstützen. So soll die Antragsbewilligung und Auszahlung der dringend benötigten Mittel beschleunigt werden.

Ist die Qualität der Anträge vom relevanten Inhalt her sehr unterschiedlich?

Ja, das kann man sagen. Und klar ist, jeder gut ausgefüllte Antrag lässt sich schnell bearbeiten. Jeder Antrag, bei dem es Rückfragen gibt, verzögert natürlich den Bearbeitungsprozess und damit die Auszahlung enorm.

Kennen Sie Unternehmen, die die Soforthilfe schon auf ihrem Konto haben?

Ja, die kenne ich, und zwar ein Teil derjenigen Unternehmen, die Anträge im Rahmen des ersten Sofortprogramms des Landes gestellt haben, das für Unternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten konzipiert wurde. Die neu angelaufenen Soforthilfen des Bundes für Kleinunternehmer und des Landes für Firmen mit bis zu 49 Beschäftigten können seit einigen Tagen beantragt werden. Beides zu beschleunigen, dabei wollen die Kammern mit ihrem Engagement helfen.

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Wie lange halten die Unternehmen diese Krisensituation noch aus?

Das ist von Branche zu Branche sehr unterschiedlich. Die besonders dramatischen Lagen sind da, wo Unternehmen quasi der gesamte Umsatz weggebrochen ist - etwa in der Veranstaltungsbranche, im Tourismus, weitestgehend in der Gastronomie und dem Einzelhandel außerhalb der Lebensmittelhändler und dem Baumarktsegment. Aber dramatische Einbrüche gibt es auch in Produktionsbetrieben, weil die Zulieferung nicht mehr funktioniert oder die Nachfrage nach den Produkten massiv zurückgegangen ist. Die Situation ist auf jeden Fall für ganz viele Unternehmen und Selbstständige sehr kritisch.

Also muss sich etwas ändern?

Ich halte es für richtig, schon jetzt darüber nachzudenken, wie man zu einem geeignetem Zeitpunkt nach dem 19. April, dem Datum, bis zu dem die jetzigen Kontaktsperren bundesweit gelten, unter Berücksichtigung gesundheitsrelevanter Vorsichtsmaßnahmen die Wirtschaft langsam wieder hochfährt. Kein Staat der Welt, sei er noch so stark, kann einen Stillstand der Wirtschaft über viele Monate bezahlen. Es muss deshalb nach Ostern kurzfristig eine abgestimmte Strategie für ein strukturiertes Hochfahren der Wirtschaft entwickelt werden. Zur Entwicklung einer solchen Strategie schlagen wir vor, einen Expertenkreis mit Vertretern aus den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Politik einzurichten. Für die Unternehmen und die dazugehörigen Arbeitsplätze zählt jeder Tag.“

Was halten Sie in diesem Zusammenhang davon, die Risikogruppen noch besser zu schützen?

Das müssen am Ende Fachleute entscheiden, ob das sinnvoll ist oder nicht.

Im Profifußball darf wieder in Kleingruppen trainiert werden, die Baumärkte konnten in Bremen immer öffnen. Es gibt Märkte, die neben Lebensmitteln auch technische Geräte verkaufen, und nebenan ist das Fachgeschäft für Elektroartikel, das schließen musste. Sind diese Maßnahmen beziehungsweise Vorgaben für Sie alle nachvollziehbar?

Ganz logisch ist das nicht. Viele Unternehmen beschweren sich bei uns, dass es Ungerechtigkeiten gibt. Blumen im Baumarkt dürfen gekauft werden, das kleine Blumengeschäft darf nicht öffnen. Im Baumarkt gibt es Fliesen zu kaufen, der Fliesenhändler darf seine Waren nicht anbieten. Da muss nachgesteuert werden, um faire Bedingungen zu schaffen. Deshalb ist auch ein baldiges strukturiertes Hochfahren der Wirtschaft so wichtig.

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Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoll, gerade dem Einzelhandel wie in Baumärkten unter bestimmten Auflagen etwa Einhaltung von Mindestabständen das Öffnen zu ermöglichen?

Ja, durchaus, aber erst nach dem 19.April. Vielleicht geht das, wenn man zunächst nur eine bestimmte Anzahl von Kunden in die Läden einlässt. Darüber sollte man sich jetzt Gedanken machen, wann und wie man das umsetzt – nicht nur im Einzelhandel. Am besten wäre da auch eine, zumindest in Norddeutschland einheitliche Regelung.

Wie viele Insolvenzen erwarten Sie zu diesem Zeitpunkt schon?

Wir haben vor etwa einer Woche eine Umfrage bei den norddeutschen Handelskammern durchgeführt, bei der fast 20 Prozent der Unternehmen eine Insolvenzgefährdung sehen, wenn die Krise länger anhält. Ich warne aber davor, jetzt von einer Pleitewelle zu sprechen. Es kommt entscheidend darauf an, wie die Förderhilfen und KfW-Kreditmittel kurzfristig und unbürokratisch vergeben werden. Dadurch gewinnt man Zeit, um wieder in Richtung eines funktionierenden Wirtschaftslebens zu kommen. Zeit ist in diesem Zusammenhang ein entscheidender Faktor.

Wie groß ist bei den finanziellen Hilfen die Gefahr, dass Gelder vergeben werden, ohne dass es dafür einen Anspruch gibt?

Je schneller man bearbeitet und auszahlt, desto weniger gründlich kann man prüfen. Wenn man weniger gründlich prüft, steigt natürlich auch die Zahl derjenigen, die Mitnahmeeffekte produzieren, die nicht in Ordnung sind. Ich glaube aber, dass man das nicht überschätzen darf. Die mit Abstand meisten Anträge, die täglich reinkommen, sind begründet und werden aufgrund von Notlagen gestellt. Deswegen plädieren wir natürlich schon für eine gewisse Prüfung, aber eben auch für Schnelligkeit. Die Kosten für die Gesellschaft sind viel größer, wenn wir durch sehr langsame Bearbeitung Unternehmen gefährden, die eigentlich kerngesund sind, aber durch die Auswirkungen der Corona-Krise unverschuldet in Not geraten sind.

Sollten die Anträge auch im Nachhinein auf ihren richtigen Inhalt geprüft werden?

Das wird notwendig sein und ist richtig so. Es müssen ja auch Versicherungen abgegeben werden, dass man die beantragten Hilfen wirklich benötigt. Und es wird, davon gehe ich aus, im Nachgang Einzelfallprüfungen geben. Das ist ein geeigneterer Weg als jetzt das Ganze durch zu intensive Prüfungen zu verzögern.

Das Gespräch führte Peter Hanuschke.

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Zur Person

Matthias Fonger

ist seit 21 Jahren Hauptgeschäftsführer und I. Syndicus der Handelskammer. Fonger (53) hat Volkswirtschaftslehre und Jura in Münster studiert, und unter anderem beim DIHK in Bonn gearbeitet.

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Zur Sache

Kostenlose Beratung

Die Mitarbeiter der Handelskammer sind unter der kostenfreien Hotline 0800 0800 106 telefonisch erreichbar. Die Handwerkskammer nimmt Anrufe unter 0421/30500-110 entgegen. Neben der Antragsberatung wird durch die Mitarbeiter der Kammern auch eine direkte Mitarbeit in der Antragsbearbeitung erfolgen. Weiterhin stehen die BAB und BIS für Fragen insbesondere zu Krediten und Liquiditätshilfen unter den folgenden Nummern zur Verfügung: für Bremen unter 0421/9600-333 und für Bremerhaven unter 0471/94646333.

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