Niedriger Ölpreis Heizöl in Bremen günstig wie lange nicht

Ein niedriger Ölpreis ist eigentlich günstig für viele Unternehmen und Konsumenten. Anleger flüchten in sichere Häfen, Verbraucher können auf fallende Preise für Heizöl hoffen - auch in Bremen.
09.03.2020, 20:39
Lesedauer: 3 Min
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Von Florian Schwiegershausen und Jürgen Krämer

Beim Bremer Mineralölhandel (BMÖ) im Industriehafen hat am Montag das Telefon nicht stillgestanden. Wie Geschäftsführer Ronald Rose berichtet, wollen nun plötzlich alle einen Liefertermin für Heizöl. „Und dann gibt es andere, die ihre Bestellung aus den letzten Wochen gern stornieren wollen“, sagt Rose. Auf diese Weise wollen sie versuchen, in den Genuss der noch niedrigeren Preise zu kommen. Denn für den Heizölpreis gilt der Tag der Bestellung. Mit einem Liefertermin noch für März werde es aber schwierig, erläutert der BMÖ-Geschäftsführer: „Für diesen Monat sind alle Termine voll, außer es handelt es sich um eine Lieferung infolge eines Notfalls. Erst im April ist wieder etwas möglich.“ Das Vergleichsportal im Internet Heizöl24 gab den Durchschnittspreis für Bremen für mindestens 3000 Liter schwefelarmes Heizöl mit 46,86 Euro pro 100 Liter inklusive Mehrwertsteuer an. Vor einem Jahr lag der Preis für die gleichen Faktoren im Durchschnitt noch bei 66,98 Euro.

Der Hintergrund: Das Rohöl hat zu Beginn der Woche etwa ein Drittel an Wert verloren. Einen derart starken prozentualen Rückschlag hat es seit fast 30 Jahren nicht mehr gegeben. Neben der Sorge wegen des Coronavirus gilt vor allem die Sorge vor einem neuen Preiskrieg führender Ölstaaten als Ursache für den rasanten Absturz. Denn am vergangenen Freitag ließ Russland Verhandlungen über eine neue Förderkürzung zur Preisstabilisierung mit den Opec-Staaten platzen. Selbst eine Verlängerung der bestehenden Förderbeschränkung war damit vom Tisch.

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Nach Einschätzung von Experten dürfte Russlands Regierung mit diesem Vorgehen auf die Konkurrenz in den USA zielen. Der Preissturz belaste die US-amerikanische Förderung durch die teure Fracking-Methode, sagte Julian Lee, Rohstoffexperte der Nachrichtenagentur Bloomberg. Dabei wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in Gesteinsschichten gepresst, um Öl zu gewinnen. Analysten der Dekabank verwiesen auf die Sorgen um die hoch verschuldeten US-Fracking-Firmen. Dies habe dazu beigetragen, dass die Märkte zu Wochenbeginn in Panik geraten seien.

Nachdem sich Russland nun mit Saudi-Arabien nicht hatte einigen können, könnte letzteres Opec-Mitglied die Fördermenge in den kommenden Monaten sogar erhöhen. Dem Ölmarkt droht damit im zweiten Quartal ein großes Überangebot, zumal die weltweite Nachfrage wegen der Viruskrise noch für einige Zeit stark beeinträchtigt bleiben dürfte. Während bei Benzin und Diesel den Großteil der Steueranteil ausmacht, überwiegt beim Heizöl der Rohstoffpreis. Deshalb könnten beim Endverbraucher prozentual gesehen auch in den kommenden Wochen noch weitere Preissenkungen ankommen.

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Weitere Unsicherheitsfaktoren sind die weltweiten Auswirkungen des Coronavirus. Der sorgt seit Wochen immer wieder für Kursverluste an den Börsen. Zuletzt hat sich die nervöse Stimmung allerdings spürbar verstärkt. So sackte der Deutsche Aktienindex gleich zum Handelsstart am Montag deutlich unter die Marke von 11 000 Punkten. Rund eine Stunde nach Handelsbeginn lag der deutsche Leitindex 6,95 Prozent im Minus bei 10 739,97 Punkten.

Vor Ort in Bremen macht sich auch unter den Unternehmen Sorge breit. So ergab eine Blitzumfrage bei 118 Firmen im kleinsten Bundesland, dass jeder zweite Betrieb mit Umsatzeinbußen infolge des Coronavirus rechne. Knapp ein Viertel erwartet sogar erhebliche Umsatzrückgänge von mehr als zehn Prozent. Mehr als die Hälfte könne jetzt schon die Auswirkungen spüren. Besonders betroffen seien die Tourismuswirtschaft sowie die Logistikbranche. Überdurchschnittlich spüren auch Industrie und Handel die Auswirkungen des Virus. Der Handelskammer-Vizepräses Eduard Dubbers-Albrecht, der auch geschäftsführender Gesellschafter beim Bremer Unternehmen Ipsen Logistics ist, sagte: „Die Störung der Liefer- und Transportketten macht sich bei den Unternehmen zunehmend bemerkbar. Es fehlen Materialien und Vorprodukte, Dienstleistungs- und Logistikunternehmen haben weniger Waren abzufertigen.“ Bremen sei als Außenhandelsstandort besonders auf internationale Kontakte und Lieferketten angewiesen.

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Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel sagte am Montag dem Deutschlandfunk, dass es sich momentan um einen Angebotsschock handele: „Was schlimm daran ist, dass wir momentan kein richtiges Instrumentarium haben, um dem zu begegnen.“ Der Angebotsschock entstehe durch die Produktionsausfälle in China. Hickel forderte, um die deutsche Wirtschaft zu stützen, die „schwarze Null“ aufzugeben und öffentliche Investitionen, die ohnehin geplant seien, vorzuziehen und diese jetzt zu realisieren. Dazu sei eine Schuldenaufnahme gerechtfertigt. Außerdem erlaube der Artikel 115 im Grundgesetz, der die Schuldenbremse regelt, ein solches Vorgehen, da es sich um eine „außergewöhnliche Notsituation“ handele. Zur Entwicklung an der Börse empfiehlt der Ökonom, bei den von Computern automatisch gemanagten Aktienfonds die Algorithmen mehr an die momentane reale Ausnahmesituation anzupassen. Denn diese hätten auch mit Panik reagiert und Aktien in großem Maße verkauft.

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