Logistik-Anbieter in Bremen Hellmann verliert sein Bremer Gesicht

Der Generalbevollmächtigte von Hellmann Worldwide Logistics, Karl Engelhard, geht in Ruhestand - der jetzt 71-Jährige war wohl der teuerste Azubi des Bremer Logistikers.
02.10.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Hellmann verliert sein Bremer Gesicht
Von Peter Hanuschke

Karl Engelhard hat in den vergangenen Tagen den einen oder anderen Apfelbaum von Geschäftspartnern und Kollegen geschenkt bekommen. Warum? Der Generalbevollmächtigte von Hellmann Worldwide Logistics, der in Bremen immer seinen Dienstsitz hatte, geht mit 71 Jahren in den Ruhestand und wenn er auf den nun folgenden Lebensabschnitt angesprochen wurde, dann hat er sich auf Martin Luther bezogen: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Engelhard ist jemand, der nicht destruktiv nach hinten blickt, sondern optimistisch in die Zukunft schaut. Das ist eine seiner Stärken – allerdings mache das nur Sinn, wenn man diese Einstellung auch tatkräftig unterstütze. „Wenn es Probleme gibt, müssen dafür Lösungen gefunden werden, die dann aber bitte auch umgesetzt werden“, sagt er. Nicht nur theoretisch reden, sondern praktisch anpacken – das sei ihm wichtig.

Und aus diesem Grund könnte sich der politisch interessierte Engelhard auch nie einen Posten in der Politik vorstellen. Politik gehe leider viel zu häufig an der Realität und an den Bedürfnissen der Gesellschaft vorbei. Manch einem Politiker fehlten einfach die Bodenhaftung und der Mut, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. „Wenn man Menschen die Wahrheit sagt, dann sind sie am ehesten bereit, der Wahrheit auch zu folgen – trotz Unannehmlichkeiten.“ Das sei in der Wirtschaft so und sollte auch mal in der Politik praktiziert werden.

Dass Realität und Bedürfnisse weit auseinandergehen, könne man in Bremen an zwei Beispielen sehr gut festmachen: Seit mehr als 35 Jahren werde versucht, das modernste Güterverkehrszentrum Deutschlands an die Autobahn anzuschließen – ohne Erfolg. „Da hätte ich als Politiker doch längst eine akzeptable Zwischenlösung präsentiert und schon vor Jahren die Neuenlander Straße vernünftig ausgebaut.“ Für Kopfschütteln habe auch die Installation der Fußgängerampeln auf der Kurfürstenallee gesorgt, so der Logistiker. „Vorher konnte der Verkehr fließen, jetzt muss an den Ampeln angehalten werden.“ Und gerade beim Anfahren steige nun einmal der Verbrauch. „Natürlich bin auch ich dafür, dass alle Menschen sicher auf die andere Straßenseite kommen, aber da hätte man die vorhandenen Fußgängerbrücken optimieren und mit Fahrstühlen ausrüsten müssen.“

Bundespolitisch beschäftige Engelhard vor allem die aktuelle Situation der Flüchtlinge. „Selbstverständlich bin ich dafür, dass wir Menschen aufnehmen, die vor Krieg und Folter fliehen. Aber mit den Themen Asyl und Wirtschaftsflüchtlingen sollten wir insgesamt offen und ehrlich umgehen.“ Einfach zu sagen, „das schaffen wir schon“, reiche nicht aus.

Es müssten nun konkrete und umfassende Maßnahmen erfolgen, durch denen die Menschen im ersten Schritt Deutsch lernen und im zweiten Schritt weiterqualifiziert werden – „sonst haben wir eine Vielzahl gerade von jungen Menschen, die überhaupt keine Chance haben, am Arbeitsleben teilzunehmen, und das frustriert.“ Man müsse insgesamt bei diesem Thema auch sagen dürfen, „dass wir an unsere Grenzen stoßen. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass uns nur ein Zuwanderungsgesetz weiterhelfen wird.“ Apropos jungen Leute eine Chance geben: Das liegt Engelhard besonders am Herzen. „Ich verstehe gar nicht, dass es überhaupt Diskussionen darüber gibt, in Schulgebäude zu investieren und genügend Lehrer einzustellen.“ Jugend und Bildung seien nun einmal „unsere Zukunft“. Allerdings dürfe eine gut ausgestattete Schule nicht dafür genutzt werden, dass die Kinder und Jugendlichen dort erzogen werden. Das müsste schon in den Familien geschehen, aber das sei leider ein bisschen in Vergessenheit geraten.

Privat engagiert sich Engelhard unter anderem über verschiedene Stiftungen für junge Leute. Und im Unternehmen hat er auch denjenigen eine Chance gegeben, die an anderer Stelle nicht untergekommen sind. „Manchmal gibt es private Lebensumstände, die einem nicht in die Karten spielen, aber das bedeutet nicht, dass man nichts kann.“ Er sei häufig damit gut gefahren, jemandem „die Tür zu öffnen, aber durchlaufen muss er schon selber“. Sein Verständnis von Ausbildung ist: fördern und fordern.

Das habe ihm selber gutgetan – und Engelhard, geboren 1943 in Franken, hat ein paar Karrieren hinter sich. Nach einer Ausbildung zum Textilkaufmann und zwei Jahren bei der Bundeswehr arbeitete er 32 Jahre in der Kaffeebranche verbunden mit vielen Ortswechseln. Seine erste Station war 1964 bei Kaffee Hag in Bremen. Seine letzte Station, der Wechsel zur Bremer Kaffeerösterei Gebr. Westhoff, „war ein Missverständnis. Nach eineinhalb Jahren haben wir den Fünf-Jahres-Vertrag im beiderseitigen Einverständnis aufgelöst.“ Erst im Alter von 51 Jahren wechselte er in die Logistikbranche zu Hellmann. „Ich hatte mich eigentlich schon damit auseinandergesetzt, mich ganz aus dem Berufsleben zurückzuziehen.“

Es kam alles anders – Bremen wurde für die gesamte Familie Engelhard 1991 zu ihrem dauerhaften Wohnsitz. Auslöser war ein Anruf von Jost Hellmann. „Ich kannte ihn aus früheren Geschäftsbeziehungen und er fragte mich – und das würde er auch nur einmal tun –, ob ich bei Hellmann eine Führungsposition übernehmen möchte.“ Das Ja sei sehr spontan gekommen, „weil ich mir dachte, auch ohne Ahnung vom Speditionswesen zu haben, dass es nicht schwer sein kann, Lastwagen von A nach B zu bewegen“. Das war natürlich ein Irrtum: „Inzwischen kann mir keiner mehr was in Sachen Logistik vormachen, aber als ich mit 52 Jahren bei Hellmann anfing, war ich der teuerste Azubi, den das Unternehmen je hatte und voraussichtlich haben wird.“

Seine jetzige Karriere geht noch bis zum 31. Oktober. Bis dahin gibt es noch abschließende Besuche bei einigen Tochterunternehmen von Hellmann und Gespräche, etwa mit Politikern in Berlin und Brüssel – neben der Verantwortung für Vertrieb, Marketing und Produktmanagement gehörte auch Lobbyarbeit zu seinen Aufgaben. Und danach? „Erst einmal werde ich mit meiner Frau ausspannen. Anschließend kaufe ich mir vielleicht eine Currywurstbude.“ Wobei das nie bei einer bleiben würde, wird in seinem Umfeld bereits prophezeit.

Ernsthaft könne er sich vorstellen, Unternehmen, die Probleme haben, über einen gewissen Zeitraum zur Verfügung zu stehen – nicht als Berater, sondern als Krisenmanager. Was er auf keinen Fall machen wird, ist, die Apfelbäume einzupflanzen. „Um die Gartenarbeit hat sich meine Frau jahrelang erfolgreich gekümmert, daran soll sich nichts ändern.“

Hellmann – ein internationaler Logistik-Anbieter

Hellmann Worldwide Logistics hat sich seit seiner Gründung 1871 zu einem der großen internationalen Logistik-Anbieter entwickelt. Das inhabergeführte Unternehmen mit Hauptsitz in Osnabrück ist mit einem weltweiten Netzwerk von 19 300 Beschäftigten in 443 Büros in 157 Ländern vertreten.

Hellmann hat im Jahr 2014 einen Umsatz von drei Milliarden Euro erzielt. Die Dienstleistungspalette umfasst die klassischen Speditionsleistungen per Lkw, Schiene, Luft- und Seefracht genauso wie ein umfangreiches Angebot für Contract Logistics, Branchen- und IT-Lösungen sowie Lösungen im Bereich Recycling, Schulungen und Versicherungen.

Der Bremer Standort gehört mit 10.000 Quadratmetern Fläche im Bremer Güterverkehrszentrum (GVZ) zu den vier größten deutschen Niederlassungen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre konnte der Logistiker hier seine Umsätze um 27 Prozent steigern – von 40,1 Millionen Euro in 2005 auf voraussichtlich 50,7 Millionen Euro im aktuellen Geschäftsjahr. 320 Mitarbeiter arbeiten im GVZ für das Unternehmen.

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