In Syke verlieren 160 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz / Unternehmen wurde erst vor einer Woche übernommen Homann schließt Weser Feinkost

Bremen·Syke. Vor genau einer Woche, am 7. Januar, hat die Homann-Gruppe die Weser Feinkost GmbH offiziell übernommen. Gestern wurde der Belegschaft mitgeteilt, dass das Werk zum 30. April geschlossen werden soll. Insgesamt 160 Arbeitskräfte stehen dann auf der Straße. In der Unternehmenszentrale in Düsseldorf spricht man von einer "notwendigen Marktbereinigung".
15.01.2011, 05:00
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Von Annemarie Struss-v. Poellnitz UND Julia SoOstmeyer

Bremen·Syke. Vor genau einer Woche, am 7. Januar, hat die Homann-Gruppe die Weser Feinkost GmbH offiziell übernommen. Gestern wurde der Belegschaft mitgeteilt, dass das Werk zum 30. April geschlossen werden soll. Insgesamt 160 Arbeitskräfte stehen dann auf der Straße. In der Unternehmenszentrale in Düsseldorf spricht man von einer "notwendigen Marktbereinigung".

"Es gibt auf dem Markt Überkapazitäten. Deshalb werden die Kapazitäten der Weser-Feinkost auf die gesamte Homann-Gruppe übertragen, um unsere Werke besser auszulasten", erklärte Unternehmenssprecher Michael Scheibe gestern auf Nachfrage. Er bestätigte damit indirekt, dass Homann das Syker Unternehmen lediglich mit der Absicht gekauft hat, deren Marktanteil zu übernehmen.

Die Übernahme war bereits im Oktober vereinbart worden. Nachdem das Bundeskartellamt ihr kurz vor dem Jahreswechsel ohne Auflagen zugestimmt hatte, hat Homann nicht lange gefackelt. Am 7. Januar wurde der Vertrag mit dem niederländischen Reeder und Heringsverarbeiter Haasnoot offiziell besiegelt. Gestern reiste die komplette Homann-Geschäftsleitung in Syke an und teilte der Belegschaft mit, man werde dem in der nächsten Woche tagenden Beirat von Homann vorschlagen, die Weser Feinkost zum 30. April zu schließen. Dieser Beirat besteht aus den Anteilseignern der Holding HK Food, zu der die Homann-Gruppe gehört: dem ehemaligen Großbäcker Heiner Kamps und Theo Müller (Müller Milch). In Syke zweifelt niemand daran, dass die Schließung längst beschlossene Sache ist.

"Jetzt passiert genau das, was wir schon im Herbst bei den Kaufverhandlungen befürchtet haben", sagt Christian Wechselbaum von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Dabei seien die Geschäfte der Weser Feinkost zuletzt nach schwierigen Jahren wieder gut gelaufen. Man habe neue Aufträge zur Belieferung von Großkunden erhalten, sagt Wechselbaum - "und jetzt das." Die Belegschaft sei entsetzt, viele der langjährig Beschäftigten hätten Tränen in den Augen gehabt.

"Wir sind alle wie vor den Kopf geschlagen", sagte ein Mitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen möchte, nach der Betriebsversammlung. Auch der Betriebsratsvorsitzende der Weser Feinkost, Dietmar Urban, kann es nicht fassen: "Die löschen ganz einfach die Konkurrenz aus. Bei uns arbeiten alle Altersstufen, von ganz jung bis alt, manche sind schon über 30 Jahre dabei. Viele, die hier ihren Job verlieren, werden dann zu Langzeitarbeitslosen ohne Perspektive." Die Arbeitslosenquote sei im Syker Raum zwar relativ gering, aber gerade im gewerblichen Bereich gebe es für die Beschäftigten wenig Alternativen, sagt Gewerkschafter Wechselbaum. Man werde den Beschäftigten in Syke zwar Arbeitsplatzangebote bei Homann machen, so Unternehmenssprecher Scheibe. "Aber die nächste Möglichkeit wäre in Dissen bei Osnabrück. Das dürfte den meisten zu weit sein." Einen solchen Umgang mit Beschäftigten findet Gewerkschaftssekretär Wechselbaum zynisch: "Wie die Herren Kamps und Müller mit Menschen umgehen,

ist eine Sauerei!"

In einer Pressemitteilung vom 7. Januar, unmittelbar nach der Zustimmung des Kartellamtes, hatte Homann-Geschäftsführer Martin Thörner die Syker Neuerwerbung noch als "gute Ergänzung" für die Unternehmensgruppe bezeichnet. Während Homann vor allem die großen Handelsketten mit Feinkostsalaten, Dressings und Fischprodukten beliefert, versorgt Weser Feinkost Großküchen mit einer ganz ähnlichen Produktpalette. Dieses Geschäft will die Homann-Gruppe nun integrieren. Auf dem hart umkämpften deutschen Lebensmittelmarkt lohne sich selbst der Kampf um solche Nischen, sagt Scheibe.

Die HK Food vereint unter ihrem Dach die Fischrestaurant-Kette Nordsee und Lebensmittel der Marken Homann, Hamker, Nadler und die in Lizenz vertriebene Marke Livio sowie Konzeptgastronomie wie Strandcafé, Bastian's und Campo's. Der ehemalige Großbäcker Heiner Kamps ist mit 20 Prozent, der in der Schweiz lebende Molkerei-Besitzer Theo Müller mit 80 Prozent beteiligt. Vorsitzender der Geschäftsführung ist Heiner Kamps. Der Jahresumsatz der Gruppe wird mit etwa einer Milliarde Euro und die Beschäftigtenzahl mit 9500 Mitarbeitern angegeben. Die Gruppe verfolgt eine aggressive Expansionsstrategie. Ein geplanter Börsengang war allerdings abgesagt worden. Dafür verkauft Kamps mit Nordsee jetzt Fischbrötchen auch in Russland und Ägypten.

Betriebsrat und NGG wollen sich am Montag zusammensetzen, um über ihre Strategie für die anstehenden Verhandlungen über Sozialpläne und Interessenausgleich zu beraten. "Die Verhandlungen werden nicht einfach", kündigte Betriebsratschef Urban gestern schon mal an. "Wir haben ohnehin nichts mehr zu verlieren."

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