Landesbank-Chefanalyst Folker Hellmeyer: Die Globalisierung ändert ihr Gesicht, die nächste Investitionswelle fließt in die Schuldenstaaten "Ich war noch nie so stolz auf Europa"

Die Finanzkrise scheint fast vergessen, jedenfalls wenn man sich die Börsenkurse ansieht. Auch die Wirtschaftsdaten in Deutschland machen Freude, ganz im Gegensatz zu den Entwicklungen in der Europäischen Union. Kein Grund zur Sorge, sagt Landesbank-Chefanalyst Folker Hellmeyer im Gespräch mit Annemarie Struß-von Poellnitz.
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Die Finanzkrise scheint fast vergessen, jedenfalls wenn man sich die Börsenkurse ansieht. Auch die Wirtschaftsdaten in Deutschland machen Freude, ganz im Gegensatz zu den Entwicklungen in der Europäischen Union. Kein Grund zur Sorge, sagt Landesbank-Chefanalyst Folker Hellmeyer im Gespräch mit Annemarie Struß-von Poellnitz.

Der Dax knackt die 7000er-Marke, die Arbeitslosenzahlen liegen nur noch knapp über drei Millionen. Alles ist gut, oder?

Folker Hellmeyer: Es ist in der Tat alles gut - ohne jedoch perfekt zu sein. Wenn wir uns erst einmal auf die wirtschaftliche Lage fokussieren, können wir feststellen, dass wir uns in einer profunden Aufwärtsentwicklung befinden, dass Deutschland mit seiner starken Investitionsgüterindustrie ein Scharnier dieser Weltwirtschaft ist und jetzt auch überproportional von dieser Entwicklung profitiert. Das zeigt, dass der Mix der deutschen Volkswirtschaft im Hinblick auf das, was die Weltwirtschaft fordert, nahezu perfekt ist.

Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Wenn wir über die Weltwirtschaft sprechen, haben wir den besten Aufschwung seit dem Koreakrieg, seit Anfang der 50er-Jahre. Bedingt durch die Finanzkrise sind die Lager weltweit auf ein extrem niedriges Niveau heruntergefahren worden. Obwohl die Weltwirtschaft sich seit dem zweiten Quartal 2009 deutlich erholte, wurde erst Ende des vierten Quartals 2009/Anfang 2010 mit einem moderaten Lageraufbau begonnen, der aber bei Weitem nicht ausreichend ist. Deshalb bleibt der Lageraufbau auch 2011 in 80 Prozent der Weltwirtschaft ein markanter Impuls für die weitere Konjunkturentwicklung. Der Investitionsgüterzyklus hat Anfang 2010 gerade erst moderat begonnen und hat ein Zeitfenster von mindesten zwei bis drei Jahren. Als Resultat dieser beiden Einflussfaktoren, des Lagerzyklus? und des Investitionsgüterzyklus?, haben wir in 70 Prozent der Weltwirtschaft eine deutliche Belebung der Beschäftigung. Daraus resultiert ein Konsumzyklus bester Qualität, denn er basiert nicht auf Verschuldung

der Konsumenten, sondern auf Arbeitseinkommen.

Deutschland ist zwar stark, aber die Nachbarländer scheinen reihenweise in die Knie zu gehen.

Dieses Bild ist nicht falsch, aber es ist eine Betrachtung im Rückspiegel. Ich bin das erste Mal auf Europa richtig stolz im Rahmen dieser Krise. Wir sollten ein neues Selbstbewusstsein entwickeln über die Fähigkeiten und die Potenziale, die wir in Europa haben.

Derzeit erleben wir eher das Gegenteil: Europa geißelt sich selbst und stellt die Sinnfrage.

Die EU-Kommission passt derzeit die Geschäftsmodelle an, die keine Zukunft haben. Das gilt für Griechenland, Portugal, Spanien und auch für Irland. Das sind die stringentesten Reformen, die in der Geschichte einer Industrienation jemals umgesetzt wurden. Nach einer Untersuchung des Internationalen Währungsfonds (IWF) waren solche Reformen bisher immer erfolgreich. Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass auch der Erfolg dieser Reformen sich zeigen wird. Diese Länder werden bereits im zweiten Halbjahr 2011 mit positiven Zahlen gegenüber der jetzigen Erwartungshaltung überraschen.

Klingt gut, aber wie soll das gehen?

Für die Zukunft sehe ich vor allem Folgendes: Die Globalisierung verändert ihr Gesicht. Seit 1990 wurden viele Produktionsstätten aus den westlichen Industrienationen in die Schwellenländer verlagert. Wir sehen heute in China Vollbeschäftigung, wir sehen in vielen Schwellenländern steigende Löhne im zweistelligen Prozentbereich. Der Grenznutzen der Verlagerung unter Lohngesichtspunkten nimmt ab. Das wird bedeuten, dass wieder mehr Investitionen in den alten Industrienationen stattfinden werden. Die Frage ist: Wo sind noch freie Kapazitäten? Die liegen heute in Spanien, Portugal, Griechenland und Irland. Dort gibt es gut ausgebildete Menschen, günstige Kapazitäten zu erwerben, es gibt ein ökonomisches Vakuum. Das wird gefüllt. Auf Basis dieser Entwicklung sehe ich die Zukunft der Eurozone sehr positiv.

Aber noch wird auf den Finanzmärkten gegen diese Staaten gewettet. Sind diese Spekulationen ein Zug der Lemminge oder setzen sich da Akteure in Hinterzimmern zusammen, wie in den Wall-Street-Filmen?

Diese Frage ist nur indirekt zu beantworten, da wir von der Bremer Landesbank natürlich keinen Zugriff haben auf derartige Sitzungen, wenn sie denn so stattfinden. Fakt ist: Es gibt eine spekulative Kulisse, die in den USA und in London sehr eng vernetzt ist mit der Politik. Diese Kulisse ist sehr aktiv. Die Akteure setzen, zum Teil medial, wesentliche Duftmarken, die dann im Markt umgesetzt werden. Das haben wir 2009 mit dem Thema Osteuropa gesehen und dieses Jahr bei Griechenland. Spekulative Kräfte bringen Länder in Richtung Kapitalmarktunfähigkeit, obwohl es sachlich nicht gerechtfertigt ist.

Aber diese Länder sind tatsächlich hochverschuldet.

Der IWF hat in einer Untersuchung, die im September 2010 veröffentlicht wurde, dargestellt, dass weder für Portugal noch für Spanien oder Irland und grundsätzlich auch nicht für Griechenland das Thema Staatsbankrott auf der Agenda steht. Ende 2015 werden die Haushaltsdefizite dieser Länder im Bereich von 90 bis 100 Prozent liegen. Das ist hoch, das ist eigentlich auch zu hoch. Aber die Geschäftsmodelle dieser Staaten erlauben laut Berechnungen des IWF Verschuldungsquoten bei Irland von 250 Prozent, bei Spanien von 220 Prozent und bei Portugal von 200 Prozent. Das Thema Staatsbankrott steht überhaupt nicht an, vor allem nicht vor dem Hintergrund stringenter Reformen. Was hier gespielt wird, ist Spekulation mit einem politischen Beigeschmack. Letztlich geht es um die Hegemonialstellung des Dollars und der Vereinigten Staaten.

Könnte man durch gemeinsame Anleihen, durch Euro-Bonds, diesen Spekulationen den Boden entziehen?

Das wäre eine Möglichkeit. Aber das wäre eher ein kosmetischer Eingriff. Ich halte einen ordnungspolitischen Ansatz für sinnvoller. Diese Spekulation wird durch die sogenannten Ausfallversicherungen Credit Default Swaps (CDS) maßgeblich geführt. Das ist ein kleiner, unregulierter Markt, der einen großen, regulierten Markt, den der Staatsanleihen, in der Preissetzung dominiert. Risikoausfallversicherungen sind grundsätzlich gut, aber wenn sie für Spekulationen missbraucht werden, ist das schlecht. Deshalb sollte für Staatsanleihen nur derjenige eine solche Versicherung kaufen dürfen, der diese Papiere tatsächlich hält. Hier bedarf es einer Regulierung.

Gibt es dafür in der EU eine politische Mehrheit?

Die Finanzplätze London und New York verweigern sich dieser Regulierung bisher. Deshalb ist es nicht maßgeblich, was die EU will. Das muss global geregelt werden.

Zurück in die Zukunft: 2011 wird ein gutes Jahr?

Selbst wenn alles schief geht im nächsten Jahr, wächst die Weltwirtschaft immer noch um 4,0 bis 4,2 Prozent und Deutschland um 2,0 bis 2,2 Prozent. Ich sehe das Wachstum der Weltwirtschaft eher bei 4,7 bis 5,0 Prozent und schließe sogar ein Wachstum leicht darüber hinaus nicht aus. Für Deutschland sehe ich die Chance, dass wir die drei Prozent wiedersehen.

Der Dax bewegt sich derzeit um die 7000 Punkte. Ist das schon das Ende der Fahnenstange?

Der Dax und auch der Eurostoxx dürfen als unterbewertet für diesen robusten Konjunkturzyklus klassifiziert werden. Wir werden im nächsten Jahr neue historische Höchstmarken über 8150 sehen. Und ich gebe kein oberes Limit. Es besteht auch die Möglichkeit, dass es zu Übertreibungen kommt. Wir haben jetzt eine konservative Bewertung. Wir könnten in eine sportlichere Bewertung kommen. Dann wären Kurse über 9500 möglich.

Aber die Anleger in Deutschland scheuen die Aktie immer noch?

In der Tat. In unserem Jahresausblick 2009 haben wir gesagt: Bei 3700 kaufen! Die Deutschen haben aber die Angewohnheit, sich zu engagieren, wenn die Kurse oben sind, und auszusteigen, wenn das Niveau niedrig ist. Wir brauchen mehr ökonomisches Wissen in der Bevölkerung.

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