Mercedes-Schichtzulage bleibt Knackpunkt

IG Metall-Bereich Küste schließt Tarif-Übernahme aus

Der neue Tarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg ist wegweisend. Eine Eins-zu-eins-Übernahme lehnt der IG Metall-Bezirksleiter Küste jedoch ab. Für ihn gibt es noch Knackpunkte.
06.02.2018, 21:43
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Von Frank-Thomas Wenzel und Florian Schwiegershausen
IG Metall-Bereich Küste schließt Tarif-Übernahme aus

Nachschweißen notwendig: Für den Tarifbezirk Küste will die IG Metall unter anderem bei den Schichtzulagen noch mehr für die Beschäftigten erreichen.

dpa

In einem Punkt sind sich alle einig: Der neue Tarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg ist eine komplizierte Angelegenheit. Doch Arbeitgeber und Arbeitnehmer sagten unisono, etwas Neues ausgehandelt zu haben – mit Vorbildcharakter für andere Branchen. Der Begriff „innovativ“ taucht in den Mitteilungen beider Seiten auf. Südwestmetall-Chef Stefan Wolf sprach von einer Hypothek, die vielschichtigen Regelungen nun der Öffentlichkeit, den Betreiben und den Beschäftigten zu erklären. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sieht indes einen „Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt“ erreicht.

Zunächst das Einfachste: Die rund 900.000 Beschäftigten im Südwesten erhalten von April an 4,3 Prozent mehr Geld. Das wird sich in den Geldbeuteln der Metaller bemerkbar machen, da dies deutlich über der Teuerung liegt, zumal sie noch einmal 100 Euro für die ersten drei Monate des Jahres draufgezahlt bekommen. Aufgrund der Auslastung und der Gewinne in den Unternehmen konnten die Gewerkschaften dies relativ problemlos durchsetzen.

Dennoch gehört es zur Rhetorik in der Kommentierung von Tarifabschlüssen, dass Wolf die Vier vor dem Komma als schmerzhaft und als eine weitere Hypothek bezeichnet, er aber die Firmenchefs zugleich mit dem Hinweis auf die ungewöhnlich lange Laufzeit trösten will. Die macht die Planung der Personalkosten für die Manager einfacher. Hofmann kehrt derweil hervor, dass die Erhöhung der Realeinkommen nicht nur der wirtschaftlichen Lage der Unternehmen Rechnung trage, sondern auch „gesamtwirtschaftlich eine positive Wirkung“ habe.

Neuer Tarifbaustein: das Zusatzgeld

Nächstes Jahr gibt es für die Beschäftigten noch mehr Geld. Ein neuer tariflicher Baustein kommt hinzu: das Zusatzgeld, T-Zug genannt. Es wird einmal im Jahr ausgezahlt, besteht aus einem Fixbetrag von 400 Euro plus 27,5 Prozent eines Monatsgehalts. Der Clou: Arbeitnehmer mit Kindern bis acht Jahren oder mit pflegebedürftigen Angehörigen oder Schichtarbeiter können wählen, ob sie anstelle der prozentualen Komponente beim T-Zug bis zu acht zusätzliche freie Tage nehmen. Zudem wurde ein Anspruch auf Teilzeit festgeschrieben. Die Wochenarbeitszeit kann auf 28 Stunden reduziert werden. Das ist allerdings auf sechs bis 24 Monate befristet, wobei es ein Rückkehrrecht in die Vollzeitbeschäftigung gibt. Die Tarifparteien hätten es geschafft, „innovative und passgenaue Lösungen zu entwickeln“, so Hofmann.

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Die IG-Metaller haben auch Zugeständnisse zur Verlängerung der Arbeitszeiten gemacht. Ausnahmen bei der obligatorischen Wochenarbeitszeit von 35 Stunden werden einfacher. Bislang sind 40 Stunden nur bei 18 Prozent der Beschäftigten möglich. In Technologieunternehmen etwa kann die Quote künftig auf bis 50 Prozent erhöht werden. Wo Fachkräftemangel herrscht, sind 30 Prozent erlaubt. Anstelle der Quoten lässt sich auch ein „kollektives Arbeitszeitvolumen“ festgelegen, also ein Durchschnittswert für die gesamte Belegschaft, der bis zu 37,5 Wochenstunden erreichen kann. Der Effekt: „Jeder Teilzeitbeschäftigte eröffnet die Möglichkeit für zusätzliche 40-Stunden-Verträge“, heißt es in einer Mitteilung der M+E-Arbeitgeber.

Teilzeitregelung mit der 28-Stunden-Woche

Das gibt den Unternehmen Spielraum, das Arbeitsvolumen entsprechend der Auftragslage auszubalancieren. Hinzu kommt: Die Teilzeitregelung mit der 28-Stunden-Woche kann aus „betrieblichen Gründen“ abgelehnt werden – falls der Verlust von Schlüsselqualifikationen droht. Und der T-Zug-Fixbetrag von 400 Euro kann verschoben, reduziert oder gestrichen werden. Vieles muss künftig auf betrieblicher Ebene ausgehandelt werden. Wie das in der Praxis laufen wird, weiß niemand. In zwei Jahren wird evaluiert, ob die neuen Regelungen „für die Unternehmen überhaupt handhabbar sind“.

Produktion Mercedes-Benz Werk Bremen

Die Daimler-Kollegen in Baden-Württemberg erhalten doppelt so viel Schichtzulage wie die in Bremen.

Foto: dpa

Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel bezeichnete den Abschluss als Sieg fürs deutsche Tarifsystem: „Die Arbeitgeberverbände und die IG Metall sind handlungsfähig. Sie haben auch Mut zur Innovation im Bereich der Arbeitszeiten bewiesen.“ Die Einigung über die 28-Stunden-Woche verdiene große Anerkennung. Und die Lohnerhöhung komplett liegt laut Hickel für 2018 bei etwa 3,85 Prozent und für 2019 bei etwa vier Prozent.

„Da liegt noch ein Stück Arbeit vor uns.“

Donnerstag werden die IG Metall und Nordmetall für den Bezirk Küste über die Tarif-Übernahme verhandeln. IG-Metall-Bezirksleiter Meinhard Geiken sagte: „Da liegt noch ein Stück Arbeit vor uns.“ Denn er will für die Mercedes-Mitarbeiter eine Angleichung der Schichtzulagen an die der Kollegen in Baden-Württemberg erreichen. Weitere Themen: eine bezahlte Freistellung vor Prüfungen für Azubis und Dual-Studierende und eine Verhandlungsverpflichtung für einen Prozess zur Angleichung der Tarifverträge im Osten. Darüber, dass die Verhandlungen an Weiberfastnacht stattfinden, scherzte Geiken zum Schluss: „Ich komme auch ohne Krawatte.“

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