IG-Metall-Chef Jörg Hofmann in Bremen

„Viele Ankündigungen in der Politik, aber wenig Handeln“

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann kritisiert im Interview mit dem WESER-KURIER, dass es in der Politik viele Ankündigungen gibt aber wenig Handeln. Und mit den Streiks werde es notfalls nach Ostern weitergehen.
16.03.2021, 20:49
Lesedauer: 5 Min
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„Viele Ankündigungen in der Politik, aber wenig Handeln“
Von Florian Schwiegershausen
„Viele Ankündigungen in der Politik, aber wenig Handeln“

Der IG-Metall-Chef Jörg Hofmann war zu Besuch in Bremen anlässlich des Auftakts der Warnstreiks. Die Arbeitgeber warnt er, dass es mit den Streiks auch nach Ostern weitergehen kann. Und von der Politik wünscht er sich schnelleres Handeln.

Christina Kuhaupt
Herr Hofmann, wenn Ihnen vor einem Jahr jemand gesagt hätte, es gibt Streikkundgebungen als wäre man im Autokino, was hätten Sie dem gesagt?

Ich hätte dem wohl einen Vogel gezeigt. Ich finde es aber faszinierend, wie schnell wir uns der Situation anpassen konnten. Aber wenn man sieht, dass sich nun in den ersten beiden Streikwochen mehr als 400.000 Beschäftigte an den Warnstreiks beteiligt haben, sind das genauso viele wie sonst auch. Zwischen den Menschen vor Ort ist eben nur mehr Abstand – es geht also etwas mehr in die Breite.

Jetzt ist die dritte Streikwoche angebrochen – läuft denn alles perfekt bei den Streiks?

Bei den Warnstreiks läuft es perfekt. Da sind wir alle positiv überrascht. Was nicht perfekt läuft, ist das Verhalten der Arbeitgeber. Die müssen da noch nachlegen.

Jetzt verhandeln Sie seit Dezember. Hätte man sich da nicht doch noch innerhalb der Friedenspflicht bis zum 1. März einig werden können?

Wir hatten am Montag die fünfte Verhandlungsrunde in Nordrhein-Westfalen, und die ist ausgegangen wie das Hornberger Schießen. Es liegt nichts auf dem Tisch außer allgemeinen Bekundungen – das betrifft die Themen Zukunftsvereinbarungen, Beschäftigungssicherung und Entgelt. Bei letzterem sagen die Arbeitgeber, es gibt nichts.

Wird es bis Ostern etwas mit einer Einigung?

Es ist unser Ziel, bis Ostern eine Einigung zu erreichen, wenn es irgendwie geht. Allmählich wird die Zeit aber ein wenig knapp angesichts von zweieinhalb verbleibenden Wochen. Bis dahin die Unterschiede am Verhandlungstisch zu überwinden, ist mehr als sportlich. Wir werden es versuchen, werden uns aber genauso vorbereiten nach Ostern weiter zu machen.

Sie haben selbst in Baden-Württemberg so manchen Pilotabschluss in langen Verhandlungsnächten erzielt. Von welcher Bedeutung ist da, ob man mit seinem Verhandlungspartner gut kann?

Es hilft, wenn die Chemie stimmt, um effizienter zum Ergebnis zu kommen. Wenn man gut miteinander kann, heißt das aber noch lange nicht, dass man dadurch ein besseres Ergebnis verhandelt bekommt. Denn das entscheidet sich nicht zwischen den blauen Augen der Verhandlungspartner, sondern ist geprägt von der Erwartung an die Verhandlungsspitzen der jeweiligen Seite.

Jetzt rufen Sie zum Warnstreik bei Airbus auf – bei einem Betrieb, der gerade in einer schwierigen Situation ist. So mancher Otto-Normalverbraucher kann das vielleicht nicht ganz nachvollziehen.

Die Fragen, die sich bei Airbus stellen, stellen sich in vielen anderen Betrieben auch. Und diese Fragen brauchen Antworten. Da geht es um das Thema Beschäftigungssicherung, es geht um Vereinbarungen für die Zukunft mit der Frage, was am Standort passiert – also geht es hier mit dem Flügelausbau weiter oder nicht und mit welchen Alternativen. Und es geht um die Stabilität der Einkommen.

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Und zwar?

Die Beschäftigten haben bei der Kurzarbeit viel Geld gelassen, haben Arbeitszeitkonten und Schichtzuschläge eingebracht. Die Region hier lebt davon, dass es gutbezahlte Industriejobs gibt. Daher ist Stabilität der Jobs und Stabilität der Einkommen auch eine Frage für die Region, damit es Wachstumsimpulse gibt. Wir brauchen dringend eine Stärkung der Kaufkraft, damit wir aus der Krise rauskommen.

Sie als Tarifparteien beschäftigen sich mit der Zukunft der Arbeit. Aber im Hinblick auf die Bundestagswahl scheint sich da so mancher Politiker bei diesem Thema nicht die Hände verbrennen zu wollen.

Das Thema ist bei den Tarifparteien gut aufgehoben, aber die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen. Wir brauchen eine Digitalisierungsstrategie für den Netzausbau. Zur Mobilitätswende brauchen wir eine Stärkung der Ladeinfrastruktur. Da braucht es von der Politik Unterstützung. Wir brauchen aber eben auch Instrumente, die wir in den Betrieben einsetzen können, um diesen Transformationsprozess zu begleiten. Das wird uns in allen Industrien die kommenden Jahre beschäftigen. Da geht es darum, wie sich dieser technische Fortschritt auch als sozialer Fortschritt bei den Menschen widerspiegelt. Da braucht es Ideen.

Das könnte in der Politik aber auch ruhig mehr ankommen.

Wir haben das Problem, dass es viele Ankündigungen gibt aber wenig Handeln. Das sieht man bei den schon genannten Themen genauso wie beim Ausbau des neuen schnellen 5G-Standards. Das zeigt sich ähnlich bei den Konjunkturpaketen, die auf Investitionsförderung abzielen. Beschlossen wurde es im vergangenen Sommer. Jetzt im März haben wir die ersten Umsetzungsvorhaben. Da stimmt Ankündigung und Umsetzung einfach hinten und vorn nicht.

Die Kritik ist eindeutig.

Lamentieren hilft da aber nicht, denn wir müssen jetzt schauen, was man in der Tarifrunde tun kann, Transformation und Zukunft zu gestalten. Eine Idee ist dabei die Vier-Tage-Woche, um Beschäftigung halten zu können und jungen Leuten eine Perspektive zu geben. Denn wir brauchen auch in der Zukunft Platz für Ausbildung.

Junge Leute ist auch ein Thema für die IG Metall, wenn man schaut, dass gut 60 Prozent der Mitglieder 40 Jahre und älter sind.

In den letzten Jahren haben wir gerade bei jungen Menschen gut gepunktet. Aber Corona macht uns an diesem Punkt jetzt Probleme, weil viele der jungen Kolleginnen und Kollegen leider keine festen Arbeitsplätze haben und als Leiharbeiter oder mit Werksverträgen eingestellt sind. Diese Jobs wurden letztes Jahr als erstes abgebaut. Das spiegelt sich dann in der Mitgliederstruktur wider – auch in Bremen.

2020 war das erste Jahr, seitdem Sie IG-Metall-Vorsitzender sind, in dem die Gewerkschaft Mitglieder verloren hat – und zwar knapp 48.000.

Das ist schmerzlich. Aber wir kämpfen schon jetzt gegen einen bestehenden Arbeitsplatzverlust im abgelaufenen Jahr an. Wir reden hier durch alle Branchen von 140.000 Arbeitsplätzen. Leiharbeiter und Menschen mit Werkvertrag sind da noch nicht mitgerechnet.

Wenn es aus Ihrer Sicht gut läuft mit den Streiks, schlägt sich das denn auch bei der Zahl der Neumitglieder nieder?

Wir merken, dass wir bei den Neuaufnahmen wieder einen Zuwachs haben. Warum? Die IG Metall muss präsent sein. Selten werden Beschäftigte ohne Ansprache Mitglied. Doch wie macht man das, wenn in der Pandemie viele nicht im Betrieb sind und auch dort direkte Ansprache schwierig ist? Jetzt sieht man die IG Metall wieder in der Öffentlichkeit, man sieht die Bilder, und das sieht man unmittelbar auch wieder in den Zahlen der Neuaufnahmen.

Wieviel Freiheiten haben die Bezirksleiter vor Ort bei den Verhandlungen?

Natürlich braucht man vor Ort die Bewegungsfreiheit, sonst kann man nicht verhandeln. Bezirksleiter sind ja keine Marionetten, sie tragen viel Verantwortung. Natürlich bewegen sich alle im Rahmen des Forderungspakets, das wir ja zuvor gemeinsam aufgestellt haben. Es ist durchaus hilfreich, dass man in mehreren Regionen gleichzeitig am Tisch sitzt. Die Bezirksleiter haben dabei eine hohe Verantwortung. Ich weiß das, ich war ja früher selbst einer.

Täuscht der Eindruck, dass Sie dieses Mal auf kostenintensive Kampagnen zur Begleitung der Tarifverhandlungen verzichtet haben? Und was kostet eine Woche Streik die IG Metall?

Ich habe nicht den Eindruck, dass es sehr kostensparend ist, was wir hier gerade machen. Der Aufwand für eine solche coronakonforme Aktion ist schon wesentlich größer als sonst. Außerdem haben wir auch Arbeit investiert, um die digitale Mobilisierung und die digitalen Proteste nach vorn zu bringen, beispielsweise zum Auftakt der Warnstreikaktionen am 1. März. Was es genau pro Woche kostet, kann ich Ihnen nicht sagen, weil die Aktionen von den Kolleginnen und Kollegen vor Ort organisiert werden.

Sie sind jetzt 65 Jahre alt. Wie sieht Ihre Zukunft bei der IG Metall aus?

Ich bin gewählt bis zum nächsten Gewerkschaftstag 2023. Und bis dahin sind große Aufgaben zu stemmen. Wenn wir dann feststellen: Die Corona-Krise ist überwunden, der strukturelle Wandel im Interesse der Beschäftigten gestaltet und die IG Metall ist auch in der Arbeitswelt von morgen eine breit verankerte, mitgliederstarke Kraft, dann wäre es eine schöne und erfolgreiche gemeinsame Zeit gewesen.

Und es dann auch mal an der Zeit für Jüngere ist.

Da müssen dann mal Jüngere ran. Aber gerade in den Zeiten, in denen wir uns gerade bewegen, tut es schon gut, wenn man viel Erfahrung hat.

Braucht es starken Kaffee, oder wie hält man in nächtlichen Verhandlungsrunden durch?

Das Adrenalin ist in der Zeit so hoch, da kommen Sie eh nicht zum Schlafen.

Die Fragen stellte Florian Schwiegershausen.
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