Corona beschleunigt den Trend

Immer mehr Bankfilialen schließen in Bremen

Wegen der Corona-Krise mussten viele Bankfilialen vorübergehend schließen. Viele werden aber auch gar nicht wieder aufmachen. Pläne zur Schließung vieler Filialen gab es aber auch schon vor der Pandemie.
02.07.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Immer mehr Bankfilialen schließen in Bremen
Von Lisa Boekhoff
Immer mehr Bankfilialen schließen in Bremen

Mehrere Standorte der Sparkasse sollen auf Selbstbedienung umgestellt werden.

Daniel Naupold /dpa

Die Sparkasse Bremen tut es, die Hamburger Volksbank und die in Bremen-Nord. Zur Eindämmung der Pandemie haben die Banken Filialen geschlossen – und ein Teil soll nicht wieder öffnen.

Im Fall der Sparkasse ist das Ende schon vor der Pandemie beschlossen gewesen: Sieben Standorte sollten auf Selbstbedienung umgestellt werden. Corona habe den Prozess beschleunigt, heißt es von der Bank. Es habe sich nicht gelohnt, noch für ein paar Monate zu öffnen. In der Region geht ein Wettbewerber diesen Weg nun ebenfalls: Die Volksbank Bremen-Nord schließt Standorte und halbiert ihre Präsenz damit.

Die Hamburger Volksbank will sich wie die Sparkasse wesentlich früher als geplant von Standorten trennen: 13 von 28 Geschäftsstellen sind es hier. „Die Folgen der Corona-Pandemie haben uns die Möglichkeiten gegeben, zu testen, ob unser Geschäft auf einen Schlag mit weniger Filialen funktioniert“, zitiert das „Handelsblatt“ den Vorstandssprecher Reiner Brüggestrat zum Experiment. „Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es funktioniert.“

Lüssum, Hammersbeck, Oslebshausen, Walle, Kattenturm, Hulsberg und Huchting – in den nächsten Wochen will die Sparkasse Bremen hier Filialen umwandeln. Die Pläne sorgen für Unmut. Etwa beim Beirat in Gröpelingen. Der lehnt die Umwandlung der Filiale in Oslebshausen ab und fordert die Sparkasse auf, die Entscheidung zurückzunehmen. Senioren falle es teilweise schwer, den Weg zur Filiale nach Gröpelingen zu bewältigen. Einige ältere Menschen hätten Probleme, auf das Onlinebanking oder Automaten umzusteigen.

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Gemeinsam gegen die Schließungen

Im Beirat Blumenthal formiert sich ebenfalls Widerstand: Die Fraktionen sprechen sich gemeinsam gegen die Schließungen der Sparkasse und der Volksbank aus. Ortsamtsleiter Oliver Fröhlich soll mit den Banken reden: über Übergangszeiten oder Hilfe am Automaten. Die Entscheidung der Bank sei nachvollziehbar, heißt es im Antrag, dennoch nehme man das „plötzliche Aus vieler Standorte in der Corona-Zeit“ mit Befremden auf.

Schon lange gebe es den allgemeinen Trend zur Standortschließung, sagt Lars Hornuf, der Finanzwissenschaftler der Universität Bremen. Die Banken müssten mehr Regulierungen stemmen, und zugleich sei das Geschäft weniger lukrativ. „Das führt dazu, dass man irgendwo Kosten einsparen muss.“ Allerdings zeige etwa die Sparkasse in Bremen mit den Stadtteilfilialen, dass durchaus auch in neue Standorte investiert werde.

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15 dieser Standorte sollen in den nächsten Jahren im gesamten Stadtgebiet entstehen. „Wir sind und wir bleiben in der Fläche im Bremer Stadtgebiet für unsere Kundinnen und Kunden da“, sagt Sprecherin Nicola Oppermann. Immer stärker sei jedoch digitaler Service statt Filiale gefragt. Dieses veränderte Kundenverhalten hin zu digitalen Angeboten führe dazu, dass die Banken bei den Filialstandorten „schärfer nachrechnen“, sagt Sabine Niemeyer von der Deutschen Bank Bremen. „Das trifft alle Kreditinstitute.“ Derzeit ist Niemeyer Vorsitzende des Bankenverbandes Bremen.

Die Umbrüche in der Branche kann Susanne Hylla, bei Verdi in Bremen zuständig für die Banken, angesichts des enormen Wandels nachvollziehen. Allerdings mit einer Einschränkung: „Sobald Arbeitsplätze betroffen sind, kann ich das

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überhaupt nicht mehr.“ Derzeit sei ihr von einem Personalabbau jedoch nichts bekannt. Auch die Sparkasse will alle betroffenen Beschäftigten im Unternehmen halten. Hylla erwartet aber, dass auch SB-Standorte der Banken irgendwann wegfallen werden: „Das ist der übliche Werdegang.“

Abbau im großen Stil

Einen Abbau im großen Stil erwartet schon jetzt die Commerzbank. Im vergangenen Herbst kündigte sie an, von 1000 auf 800 Filialen zu reduzieren. Es deutet sich an, dass es dabei nicht bleibt – zumal unter den neuen Vorzeichen. „Die Umsetzungsplanung für die betroffenen Filialen ist gestartet – auch in Bremen“, teilt Sprecherin Dagmar Baier mit. „Dabei wird auch der Zeitpunkt einer Zusammenlegung fixiert.“ Was das konkret bedeutet, ist noch offen.

Insgesamt gehören zur Niederlassung 20 Filialen. Corona habe einen Digitalisierungsschub ausgelöst, sagt Baier. „Viele unserer Kunden führen ihre Bankgeschäfte jetzt von zu Hause aus und werden dies auch künftig verstärkt tun.“ Im März habe es bei der Commerzbank insgesamt 9,7 Millionen digital durchgeführte Überweisungen gegeben – und damit so viele wie noch nie.

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Foto: WK

„Während der Corona-Pandemie gab es für die digitalen Zugangswege und die Beratung via Telefon einen deutlichen Schub“, sagt auch Peter König, verantwortlich für das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank im Marktgebiet Bremen/Osnabrück. Am stärksten sei der Zuwachs beim mobilen Handel mit Wertpapieren gewesen: „Bis zu einem Drittel aller Online-Trades wird inzwischen über die DB Mobile App abgewickelt“.

Lars Hornuf sieht den „Schub“ für die Branche ebenfalls. „Absolut“, sagt der Professor für Betriebswirtschaftslehre, der auf Finanzdienstleistungen und -technologien spezialisiert ist. „Die Menschen zahlen viel häufiger bargeldlos – von der Kreditkarte bis hin zum Mobiltelefon.“ Während es in der jüngeren Altersgruppe schon zuvor gängig gewesen sei, tätigen nun auch zunehmend die 50- bis 59-Jährigen ihre Zahlungen digital.

Smartphone statt Filiale

Doch wo ist eine Grenze für die Banken erreicht? Schließlich wollen sie zugleich nah am Kunden sein. „Es ist die Frage, ob es dafür eine Filiale braucht“, entgegnet Hornuf. Und die Zahl derjenigen, die den Service nutzten, gehe rapide zurück. „Alle nachfolgenden Generationen werden viel häufiger das Smartphone nutzen.“

Die Oldenburgische Landesbank ist ähnliche Schritte wie Sparkasse und Volksbank gegangen. „Uns ist wichtig, die Beratungskompetenz an bestimmten größeren oder zentraleren Standorten zu bündeln, um den Kunden unsere Beratungsleistung weiterhin kompetent und verlässlich anbieten zu können“, sagt Sprecher Timo Cyriacks. Delmenhorst und Bremen gehören zu den sogenannten Kompetenzcentern der Bank mit Spezialisten vor Ort. Geschlossen hat die OLB dagegen im April Filialen in Nordenham und auch Delmenhorst. Im Zuge von Corona seien zudem die Filialen Delmenhorst-Hasporter Damm und Ahlhorn in SB-Standorte umgewandelt worden.

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Gibt es also einen Zusammenhang zwischen Corona und den Schließungen? „Ich glaube, in der Branche auf jeden Fall“, sagt Sebastian Ahlering, Leiter für Privatkunden und das Vertriebsmanagement der Bremischen Volksbank. Die Genossenschaftsbank schaut sich ihre Filialen nun ebenfalls an. Dabei geht es laut Ahlering etwa um eine Anpassung der Öffnungszeiten und nicht um das Ende der Filialen. „Wir wollen an unseren Standorten auf jeden Fall festhalten und Präsenz zeigen.“

Momentan haben die Geschäftsstellen an zwei Tagen teils für wenige Stunden geöffnet – Krisenmodus. Beratungsgespräche könnten zudem individuell vereinbart werden. Das Kundenverhalten habe sich nochmals stark verändert, sagt Ahlering: „Jeder überlegt sich zweimal, ob er noch in die Bankfiliale fahren muss oder nicht.“ Derzeit spielten andere Kanäle eine Rolle – wie das Servicecenter der Volksbank, wo Geschäfte telefonisch geregelt werden können.

Mehr Onlinebanking

Wie bei der Hamburger Volksbank betreibt ein Großteil der Kunden hier bereits Onlinebanking. Kleinkredite, Wertpapiergeschäft oder die Beratung zur Baufinanzierung, sagt Ahlering, ließen sich über Telefon und Video erledigen. „Das hat in den vergangenen Wochen stetig an Geschwindigkeit gewonnen. Damit machen wir positive Erfahrungen.“ Es gebe zudem mehr Freischaltungen für die Zahlung per Apple Pay und überhaupt mehr Kartenzahlungen. Die Bank wolle mit Augenmaß entscheiden: Was braucht eine Bank, um zukunftsfähig zu sein? „Wir stecken gerade in der Analyse. Wir sehen ja auch, was um uns herum passiert.“

Die Oldenburgische Landesbank holt sich für die Zukunft derweil einen Partner ins Boot. Die Privatbank mit Standort in Bremen kooperiert mit dem Start-up Barzahlen: Kunden können mit der Banking-App der OLB in Geschäften wie Penny, Rossmann oder Rewe pro Tag bis zu 999,99 Euro einzahlen oder bis zu 300 Euro abheben – „unabhängig von Geldautomat und Bankfiliale“, wie es in der Mitteilung der OLB heißt.

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Hat die Filiale Zukunft? Vielleicht nicht in der breiten Masse, sagt Finanzexperte Hornuf. Bei Entscheidungen wie Immobilienfinanzierungen oder Kapitalanlagen sei persönliche Beratung aber gefragt – mindestens am Telefon. Doch eine EC-Karte beantragen? Dazu sei der Weg in die Filiale nicht nötig.

Der Wissenschaftler wünscht sich für die Branche, dass die Banken weniger auf Instrumente der Vergangenheit setzen. „Die Frage ist: Wie sieht das Banking der Zukunft aus? Da ist es für den Technologie-Standort Deutschland sehr schade, dass mit Wirecard ein führendes Unternehmen so schlecht weggekommen ist.“ Hornuf erzählt, er habe gerade einem Kollegen zum Geburtstag gratuliert. Der 74-Jährige habe ihn gefragt: „Lars, wann hast du das letzte Mal eine Bankfiliale besucht?“ Der Kollege selbst sei dort seit 20 Jahren nicht gewesen. „Was soll ich da?“

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