Bremer Unternehmen haben eigene Zeitarbeitsfirmen Immer mehr Leiharbeiter in der Pflege

Bremen. Leiharbeit in der Pflege: Ausnahme oder Regel? "In Bremen gibt es kaum ein größeres Unternehmen, dass nicht mit einer Zeitarbeitsfirma verbandelt ist", sagt Uwe Schmidt, ver.di-Fachbereichsreferent für Gesundheit und Pflege.
21.01.2011, 05:00
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Leiharbeit in der Pflege: Ausnahme oder Regel? "In Bremen gibt es kaum ein größeres Unternehmen, dass nicht mit einer Zeitarbeitsfirma verbandelt ist", sagt Uwe Schmidt, ver.di-Fachbereichsreferent für Gesundheit und Pflege. Noch ist der Anteil der Pflege-Leiharbeiter an allen Beschäftigten gering. Doch er wächst rapide. Warum?

Die Arbeitnehmerkammer will es genauer wissen und hat ein Forschungsprojekt zusammen mit der Universität Bremen auf den Weg gebracht. Schon jetzt sieht Arne Klöpper (Uni Bremen) in der Pflege-Leiharbeit ein "weitverbreitetes Phänomen. Hier tummeln sich viele Anbieter".

In Bremen haben sich die Unternehmen über Tochtergesellschaften ihre eigenen Zeitarbeitsfirmen gegründet. Beispiel Friedehorst: Die karitative Einrichtung hat die Firma "Parat"geschaffen, Personal und Service GmbH. Mitgesellschafter sind das Diakonissenmutterhaus Bremen und die Egestorff-Stiftung. Beispiel Bremer Heimstiftung: Sie hat die Bremer Stiftungs-Service GmbH ins Leben gerufen. Beispiel Arbeiterwohlfahrt (AWO): Zusammen mit anderen Gesellschaftern ist sie mehrheitlich an der bpsm beteiligt, der Beratung Personal Service Management GmbH.

In Friedehorst (Stiftung und die gemeinnützigen GmbH) sind von 1500 Mitarbeitern fünf Prozent Zeitarbeiter, die im Pflege-, aber auch im Handwerksbereich eingesetzt werden, sagt Pressesprecherin Sabine Henkel. Parat GmbH - ein Tarifpartner des DGB - sei ein Instrument, um kurzfristige personelle Bedarfsspitzen zu bewältigen und eine flexible Personalreserve für die Gesellschaften bereit zu halten. Uwe Schmidt von ver.di errechnet den Zeitarbeits-Anteil bei Friedehorst dagegen mit zehn Prozent. "Sie werden nicht eingesetzt, um Bedarfsspitzen zu bewältigen, sondern um Kosten zu sparen."

In der Bremer Heimstiftung (BHS), 1953 durch den Senat gegründet, sind von den über 1000 Beschäftigten nach Informationen von Schmidt 400 vom hauseigenen Bremer Stiftungs-Service angestellt. Ziel: Erhöhte Flexibilität an den über 25 Standorten. Von der BHS war keine Stellungnahme zu bekommen.

Die Arbeiterwohlfahrt setzt nach eigenen Angaben weniger als zwei Prozent seiner rund 1500 Mitarbeiter als bpsm-Zeitarbeiter ein. Damit sollten personelle Bedarfsspitzen abgedeckt werden. Schmidt (ver.di) bestätigt diesen Personaleinsatz. "Der AWO-Betriebsrat achtet darauf, dass die Zeitarbeiter tatsächlich nur bei personellen Engpässen eingesetzt werden."

Peer Rosenthal - er verantwortet die Pflegestudie in der Arbeitnehmerkammer - zählt drei mögliche Motive für den Einsatz von Pflegezeitarbeitern auf: Kosten, Flexibilität und Bilanztechnik. "Unternehmen müssen ihre Kosten rechtfertigen. Um Personalkosten zu senken, stellen sie Zeitarbeiter ein, die als Sachkosten verbucht werden." Welches Motiv im Vordergrund steht, wird nun in Bremen untersucht. Ende März werden die Ergebnisse veröffentlicht.

Tarife werden umgangen

ver.di Experte Schmidt hat nach seinen Erfahrungen mit den Betrieben schon jetzt das Kostenmotiv als wichtigstes Motiv identifiziert. Die Betriebe wollten mit den Zeitarbeitfirmen Tarifverträge, aber auch Arbeitnehmervertretungen umgehen.

Bremer Zeitarbeitsfirmen in der Pflege liegen im bundesweiten Trend. Das Institut Arbeit und Technik (IAT) an der Fachhochschule Gelsenkirchen hat in einer Studie eine massive Zunahme registriert. Im Juni 2009 waren es mit rund 19250 Personen in Gesundheitsberufen - ein Großteil aus der Pflege - zwar relativ wenige (drei Prozent aller 609600 Leiharbeiter), doch seit 2004 hat sich ihr Einsatz verfünffacht.

Peer Rosenthal, in der Arbeitnehmerkammer zuständig für Arbeitsmarktpolitik, nennt als Grund das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz von 1972, das 2002/2003 überarbeitet wurde. Fortan, so Rosenthal, stand der Gleichheitsgrundsatz bei der Bezahlung unter Tarifvorbehalt. Wenn ein Tarifvertrag besteht, ist der Gleichheitsgrundsatz passé. Zweitens: Das Synchronisationsverbot wurde aufgehoben, Beschäftigungsverhältnisse bei einer Zeitarbeitsfirma mussten künftig nicht mehr länger laufen als die Verträge in den Firmen, für die die Arbeiter entliehen werden. So konnte eine Branche boomen - auch in der Pflege.

Allerdings hat Rosenthal hier auch einen Widerspruch in der Pflegebranche entdeckt. "Die Unternehmen beklagen einen Fachkräftemangel. Gleichzeitig sorgen sie dafür, den ohnehin belasteten Pflegeberuf durch steigenden Anteil an Leiharbeit unattraktiver zu machen." Und auch die Gelsenkirchener Wissenschaftler kommen in ihrer Studie zu dem Schluss: "Das Problem des Fachkräftemangels in der Pflege kann durch das Instrument der Leiharbeit keinesfalls gelöst werden."

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