Chancen für Azubis in Bremen

In letzter Minute zur Lehrstelle

In den Lehrstellenbörsen im Netz gibt es für Bremen noch mindestens 50 aktuelle Plätze. Welche Unternehmen noch Kandidaten suchen, auch wenn das Ausbildungsjahr schon in wenigen Wochen startet.
12.07.2018, 21:01
Lesedauer: 4 Min
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In letzter Minute zur Lehrstelle
Von Florian Schwiegershausen
In letzter Minute zur Lehrstelle

Auch wenn das Handwerk golden ist und es gerade brummt, ist die Zahl der Bewerber, die dort arbeiten möchten, weiter rückläufig. Glaser Sven Sterz hat mit seinem Internet-Video allerdings Erfolg gehabt.

Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Gerald Witthus gibt die Hoffnung nicht auf. Noch immer sucht er einen Glaser-Azubi für das neue Ausbildungsjahr. Im Internet hat Witthus sein Angebot für eine Lehrstelle an diesem Dienstag bei der Jobbörse der Arbeitsagentur eingestellt. Sein Betrieb in Bremen-Nord hat gut zu tun, ohnehin will der Unternehmer am liebsten jedes Jahr einen Azubi einstellen.

Bei Witthus Glasdecor kann die Arbeit bei bestimmten Aufträgen recht zeitig am Morgen losgehen. Deshalb sagt Witthus: "Der Azubi müsste schon bei uns in der Nähe wohnen. Denn so früh mit Bus und Bahn zu uns, das klappt leider nicht." Diese Erfahrung hat der Glaser leider schon in der Vergangenheit machen müssen. Auch wenn anfangs die Vorsätze der Kandidaten gut waren, mussten beide Seiten einsehen: Die Entfernung funktioniert nicht. Ob die Suche etwas bringt?

"Ansonsten habe ich dieses Jahr dann keinen Glaser-Azubi", sagt Witthus. Angesichts der Aufträge gebe es dabei aber genug anzupacken, genug Arbeit. Und auch die Zukunft des Unternehmens ist gesichert. Denn wenn sich Witthus in zwei Jahren aus dem Betrieb zurückziehen will, werden seine Kinder den Betrieb weiterführen.

Kandidaten sprangen kurzfristig ab

Witthus Kollege Sven Sterz aus Debstedt nördlich von Bremerhaven konnte sich dagegen im Februar vor Anfragen kaum retten. Da stellte der Glaser ein Video ins Internet, in dem er effektvoll eine Scheibe zerdeppert und die Vorzüge einer Ausbildung in seinem Betrieb nennt – wie beispielsweise die Bezahlung von 100 Euro über der üblichen Vergütung sowie 500 Euro Prämie, wenn der Azubi seine Abschlussprüfung mindestens mit der Note Drei abschließt.

Das Video des Niedersachsen wurde inzwischen mehr als vier Millionen Mal angeklickt. Von dem Erfolg und dem Medieninteresse wurde Sterz überrascht. Ebenfalls auf der Suche ist dagegen noch die Bremer Lloyd Logistics und deren Holding. Hier wäre noch kurzfristig zum 1. August eine Lehrstelle als Schifffahrtskaufmann und eine als Speditionskaufmann zu besetzen.

Die Kandidaten seien dem Unternehmen zufolge kurzfristig abgesprungen und weitere Bewerber nun willkommen. Das komme immer mehr vor angesichts der Tatsache, dass sich der Lehrstellenmarkt immer mehr von einem Angebots- zu einem Nachfragemarkt wandele. Karlheinz Heidemeyer, Geschäftsführer bei der Handelskammer Bremen für den Bereich Ausbildung sagt: "Früher standen da genügend Bewerber Schlange. Wenn jetzt kurzfristig einer abspringt, ist das mit der Nachbesetzung nicht mehr so einfach." Davon seien inzwischen auch große Mittelständler betroffen.

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Die Handelskammer geht nach derzeitigem Stand bei der Zahl der Ausbildungsverträge mindestens von einem ähnlichen Ergebnis wie 2017 aus. Das waren im vergangenen Jahr 3914 Verträge. Die Bremer Handwerkskammer gibt die Zahl der geschlossenen Verträge offiziell erst immer zum Jahresende bekannt.

Laut Björn Reichenbach, Ausbildungsreferent bei der Handelskammer, spielt da eine gewisse Unsicherheit mit: "Bis Mitte Juli gehen regelmäßig rund zwei Drittel aller Neuverträge bei uns ein. Aktuell liegen wir leicht über dem Vorjahr. Die Entwicklung in den nächsten Monaten ist allerdings noch sehr dynamisch." Bereits im vergangenen Jahr war etwa zu beobachten, dass sich einige Auszubildende dann doch noch für den Start eines Studiums entschieden haben statt der Lehrstelle.

Zu den beliebtesten Ausbildungsberufen gehören laut Reichenbach in der Stadt Bremen Kaufmann und Kauffrau für Büromanagement, im Einzelhandel oder auch für Spedition und Logistikdienstleistung. Danach folgt der Fachinformatiker. In Bremerhaven stehen ganz oben die Ausbildungen zum Verkäufer, zum Kaufmann im Einzelhandel sowie zur Fachkraft für Lagerlogistik oder ebenso zum Kaufmann für Büromanagement.

Nicht zu digital unterwegs

Einige Verschiebungen kann die Handelskammer bei den Lehrstellen schon beobachten, wie Björn Reichenbach ergänzt: "In den letzten Jahren gab es beispielsweise sowohl in Bremen als auch in Bremerhaven spürbare Rückgänge im Hotel- und Gaststättenbereich." Das sei ebenso bei der Ausbildung zum Berufskraftfahrer der Fall.

Verschiebungen gibt es auch innerhalb der Branchen. "In der Stadt Bremen haben wir in den letzten Jahren beispielsweise Rückgänge im zweijährigen Ausbildungsberuf Verkäufer/in verzeichnet, im Gegenzug allerdings steigende Zahlen im dreijährigen Ausbildungsberuf Kaufmann/-frau im Einzelhandel", so Reichenbach. In den Berufen Mechatroniker und Fachinformatiker gab es in den vergangenen Jahren steigende Neuvertragszahlen.

Auf der Suche nach geeigneten Kandidaten sollten die Unternehmen aber nicht zu digital unterwegs, wie die aktuelle Studie "Azubi-Recruiting Trends 2018" vom E-Commerce-Dienst U-form Testsysteme in Nordrhein-Westfalen zeigt. Darin stimmten mehr als 53 Prozent der Azubis der Aussage zu, Ausbildungsbetriebe sollten den Benachrichtigungsdienst Whatsapp "im Bewerbungsverfahren gar nicht einsetzen".

Mehr als 50 Stellen auf den Internetbörsen der Handelskammer

Allerdings benutzen tatsächlich knapp 47 Prozent der befragten Betriebe Whatsapp als Weg, um mit dem Bewerber zu kommunizieren. Fast zwei Drittel der Bewerber lehnt es sogar ab, wenn der Arbeitgeber über den bei Jugendlichen beliebten Nachrichtendienst Snapchat kommuniziert. In der Umfrage, an der sich mehr als 5500 Azubi-Bewerber, Auszubildende und Ausbildungsverantwortliche beteiligten, war außerdem eine große Diskrepanz bei den Stellenanzeigen zu erkennen.

Dreiviertel der Bewerber gab an, dort mehr über die beruflichen Möglichkeiten nach dem Abschluss erfahren zu wollen. Für die Ausbildungsverantwortlichen sind dagegen mit mehr als 80 Prozent in der Jobanzeige die Anforderungen an den Bewerber am wichtigsten. Und im Vorstellungsgespräch würde gern die Mehrheit der Bewerber häufiger gefragt werden, wie ihrer Meinung nach das Arbeitsumfeld gestaltet werden muss, damit ihnen die Arbeit Spaß macht.

Mehr als 50 Stellen sind noch auf den Internetbörsen der Handelskammer, der Handwerkskammer und der Arbeitsagentur zu finden, zu denen man leicht per Suchmaschine gelangt. Glaser Sterz hat seine Azubis gefunden, indem er einen kreativen Weg gegangen ist beim "Ausbildungs-Marketing" – ein Begriff, der in Zukunft öfter zu hören sein wird.

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