Immobilienmarkt in Bremen

„In Sorge wegen des Mietpreisdeckels“

Jens Lütjen ist geschäftsführender Gesellschafter bei Robert C. Spies Immobilien. Im Interview beschreibt Lütjen, welche Nachteile er sieht, sollte auch für das Land Bremen der Mietpreisdeckel kommen.
12.09.2019, 21:55
Lesedauer: 5 Min
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Von Lisa Boekhoff Philipp Jaklin
„In Sorge wegen des Mietpreisdeckels“

Das Bremer Unternehmen Robert C. Spies Immobilien feiert in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag.

Frank Thomas Koch

Herr Lütjen, was ist das Geheimnis eines erfolgreichen Immobilienunternehmers?

Jens Lütjen: Leidenschaft. Der Kunde war und ist immer Mittelpunkt unserer Dienstleistung. Wir sind neugierig und kämpferisch und haben uns neuen Standorten gestellt, um zu lernen. Auch aus der Befürchtung heraus, in einer guten Marktposition vielleicht die Spannkraft zu verlieren. Wir arbeiten heute unter anderem bundesweit im Investment, in der Entwicklung von Quartieren und der Logistik. Ich denke, das ist unser Geheimnis: Wir folgen unseren Kunden gerne und lassen sie ungern wieder los. Wir betreuen Familien teils seit Generationen.

Zu Ihren Standorten gehört auch Hamburg – heikles Terrain für einen Bremer. Wie läuft es denn dort? Und wollen Sie da weiter expandieren?

Hamburg ist schon ein anspruchsvoller Markt. Es war einkalkuliert, dass wir anfangs rein wirtschaftlich Rückschläge erleiden werden. Natürlich wartete da keiner auf uns. Aber heute sind wir sehr zufrieden. Mittlerweile haben wir 17 Mitarbeiter dort. Einen weiteren Standort wollen wir in Oldenburg eröffnen. Und wir gucken seit einigen Jahren ganz lautlos Richtung Dänemark. Das ist eine Art Labor. Viele Menschen erleben Kopenhagen und Aarhus als Maßstab für Stadtentwicklung. Was treibt die Menschen dort um? Was macht sie glücklich? Wie funktioniert der Verkehr? Das inspiriert uns.

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Welche Rolle spielt in Ihrer Branche das persönliche Auftreten?

Wir sind in sehr verschiedenen Szenarien und Lebens- sowie Investitionsphasen da: Jemand hat einen neuen Arbeitsplatz, kann sich eine größere Immobilie leisten, möchte Investitionen tätigen, oder es gibt eine Scheidung, einen Todesfall. Wir müssen sehr sensibel agieren. Wir sind Ansprechpartner für Menschen und Unternehmen gleichermaßen. Im Gewerbe ist das Geschäft robuster und der Ton anders: ‚Wir brauchen hier jetzt eine Fläche – entweder habt ihr sie oder ihr lasst es‘.

Was ist eigentlich die Besonderheit des bremischen Immobilienmarktes?

Der Markt ist sehr stabil. Wer heute versucht, eine Wohnung im Viertel zu kriegen, der bekommt sie in der Regel nicht mehr für 7,50 Euro pro Quadratmeter. Genauso gibt es aber in Bremen-Nord nach wie vor Wohnungen um fünf Euro pro Quadratmeter. Und die Durchschnittsmiete der Gewoba liegt auch in dieser Höhe. Im Investmentbereich ist Bremen ein etablierter B-Standort in Deutschland. Im Vergleich zu Hannover lässt die Frequenz etwas nach. Wir müssen uns anstrengen, um interessant zu bleiben.

Wie kann das gelingen?

Projekte wie die Überseeinsel, das Hulsbergviertel oder die Gartenstadt Werdersee sind ganz wichtig. Bremen hat tolle Quartiere entdeckt. Wir brauchen aber dringend das Bekenntnis der neuen Regierung zur wachsenden Stadt. Sonst werden wir die Quartiere nicht so füllen können, wie sich das alle Beteiligten wünschen. Es stellt sich die Frage, wie viel Geschossbau es gibt oder doch Stadthäuser, die bei den Bremern beliebt sind. Wir sollten auch über interkommunale Zusammenarbeit nachdenken wie in Achim bereits im Gewerbe. Es macht absolut Sinn, Flächen im unmittelbaren Umfeld ganzheitlich zu denken. Lilienthal ist der große Gewinner der Entwicklung der Straßenbahnlinie 4 und hat eine Ventilfunktion für die Metropole – wie in Hamburg, Lüneburg oder Pinneberg.

Wird genug gebaut in Bremen?

Wir befinden uns seit 2009 in einer sehr dynamischen Phase. Die Zinsen werden niedrig bleiben. Wir müssen nun schauen, was der Markt braucht. Das ist natürlich als Erstes bezahlbarer Wohnraum. Ich würde mir wünschen, dass es keine Stigmatisierung gibt und die Menschen, die vielleicht ein zweites Bad und eine Deckenhöhe von drei Metern wollen, als die Bösen gelten. Vielleicht ist es auch möglich, etwas experimenteller zu bauen. Ich wünsche mir zudem mehr Wohnen in der Altstadt. Wenn wir abends durch Bremens Innenstadt gehen, vermissen wir dort eine gewisse Lebendigkeit. Das ist in einigen anderen Städten nicht so.

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Sollte Bremen höher und dichter bauen?

Bremen ist eine Metropole. Viele Stadtplaner sagen, Urbanität lässt sich nicht verordnen, sondern entsteht. Und das passiert durch Höhe und Dichte, aber auch die Qualität der Freiräume. Wir sind durchaus für Hochpunkte. Die sind sicherlich schwer in der Konzeption, aber sie sind punktuell wichtig.

Wie werden sich die Mieten in Bremen weiter entwickeln?

Wir werden eine Seitwärtsbewegung erleben. Die Mieten im Bestand machen unter bestimmten Voraussetzungen einen Sprung, wenn die Immobilie schon lange Zeit vermietet ist und renoviert wird. Im Neubausegment gibt es das trotz steigender Baukosten und Grundstückspreise nicht. Wir werden auf dem Büromarkt eine deutliche Steigerung spüren. Grund sind die gestiegenen Kosten und die erwartete Architektur, ferner gestiegene Bodenpreise.

Der neue rot-grün-rote Senat behält sich laut Koalitionsvertrag vor, auch in Bremen den viel diskutierten Mietpreisdeckel einzuführen. Was wären die Folgen?

Ich habe große Sorgen, dass das Instrument als Einheitsrezept über die Länder gegossen wird, obwohl die Diskussion aus Berlin kommt. Berlin ist der schwierigste Markt – ein Haifischbecken, wo unseriös und seriös ganz nah beieinander liegen. Das darf nicht auf ganz Deutschland übertragen werden. Es muss bedacht werden, dass im Geschäft eine Querfinanzierung wichtig ist, um auch Sozialbau zu ermöglichen. Für viele Eigentümer ist zudem die vermietete Anlagewohnung elementarer Bestandteil der Altersvorsorge im Niedrigzinsumfeld. Ich hoffe, dass die Bremer Regierung im Gespräch mit den privat agierenden Akteuren bleibt.

Es ist eine Art Drohung in Richtung Immobilienwirtschaft.

Dieser Punkt bewegt unsere Branche außerordentlich. Die Politik muss wissen, dass ein Mietendeckel heißt, dass die Eigentümer der Immobilien diese unter anderem im Grundsatz nicht mehr besonders weiterentwickeln oder modernisieren werden.

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Wie finden Sie, dass die Innenstadt autofrei werden soll?

Ich würde mir wünschen, dass man das nicht ganz so apodiktisch sieht. Wir schaffen es, dass der Individualverkehr dort abnimmt. Das Auto ist kein Statussymbol mehr. Es ist für Teile der Gesellschaft eher schick, Fahrrad zu fahren. Aber autofrei – das ist mir ein bisschen zu absolut formuliert. Wir sollten das Auto nicht verteufeln. Die nächsten Jahre werden für den stationären Handel eine Herausforderung sein. Viele haben große Sorgen. Die müssen wir ernst nehmen.

Hand aufs Herz: Wo sehen Sie Ihre Firma in fünf Jahren?

Ich habe meiner geliebten Frau mal gesagt: Wir werden nie mehr als 50 Mitarbeiter haben. Das war seinerzeit zutiefst meine Überzeugung. Heute sind wir knapp 90. Größe ist kein Selbstzweck. Wir wollen unsere Aufgabe als Berater noch stärken. Das funktioniert nicht ausschließlich digital. Wir glauben an das individuelle Gespräch. Wenn sich Chancen ergeben, wir zum Beispiel ein tolles dänisches Team finden, dann will ich ein Büro in Kopenhagen nicht ausschließen. Das ist aber vorerst nicht geplant.

Was wünschen Sie sich von dem neuen Bremer Senat?

Wir brauchen einen Neustart mit dem neuen Bürgermeister und der neuen Wirtschaftssenatorin, gemeinsame Kompetenz, losgelöst vom Partei und Politikdenken. Vielleicht ist es romantisch. Aber das wäre wünschenswert: Wenn wir authentisch agierende Politiker hätten, die sich auch mal was trauen und die Nähe zur Wirtschaft geradezu suchen!

Die Fragen stellten Lisa Boekhoff und Philipp Jaklin.

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Info

Zur Person

Jens Lütjen (53) machte in Bremen eine Ausbildung zum Kaufmann der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft. Danach studierte er BWL in Berlin und arbeitete in den Semesterferien bei Robert C. Spies. 1995 wurde er Partner und 1998 geschäftsführender Gesellschafter bei Spies Immobilien. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

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