Integration in den Arbeitsmarkt

Einstieg mit Hürden

Fünf Jahre nach der Ankunft in Deutschland sind geflüchtete Frauen weniger oft erwerbstätig als Männer. Dafür sehen Bremer Experten mehrere Gründe. Die Motivation vieler Frauen für eine Arbeitsstelle sei groß.
25.04.2021, 21:41
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Einstieg mit Hürden
Von Lisa Boekhoff

Geflüchteten Frauen fällt es nach einem aktuellen Bericht schwerer, einen Arbeitsplatz in Deutschland zu finden. Die Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschungs (IAB), dem Forschungsinstitut der Bundesarbeitsagentur, zeigt, dass fünf Jahre nach Ankunft gut die Hälfte der Geflüchteten erwerbstätig ist. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen den Geschlechtern: So sind 60 Prozent der Männer in Arbeit und 28 Prozent der Frauen. Die Autorinnen des Berichts halten zwar fest, die Erwerbstätigkeit steige mit der Aufenthaltsdauer, bei Männern sei der Anstieg aber stärker ausgeprägt als bei den Frauen.

Im Land Bremen zeigt sich, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus Ländern wie Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia oder Syrien stetig wächst. Seit September 2015 hat sie sich nach Angaben der Agentur für Arbeit Bremen bis September 2020 verfünffacht. Genau 754 Frauen waren unter den rund 5000 Beschäftigten. 15,4 Prozent.

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Woran das sogenannte Gender Gap bei Geflüchteten genau liegt? Insgesamt sehen die Verfasserinnen die Arbeitsmarktintegration als Herausforderung. Dabei spielten Sprach- und Bildungsbarrieren oder Probleme bei der Anerkennung von Abschlüssen und Berufserfahrung eine Rolle. Gerade der Arbeitsmarkt hierzulande gilt als schwer zugänglich. Zudem fehlten den Geflüchteten Netzwerke zur Arbeitssuche. All diese Risiken schienen für die Frauen im Vergleich stärker zu wiegen.

Warum die Hürden für Frauen steigen?

Markus Saxinger leitet das Bremer und Bremerhavener Integrationsnetz. Das Projekt von fünf Trägern unterstützt die Integration von Geflüchteten in Ausbildung und Arbeit. Schon beim Einstieg gibt es laut Saxinger einen Unterschied. In den Projekten für Geflüchtete sei der Anteil der Männer hoch. „Das war schon immer so.“ Mittlerweile seien verstärkt Familien und Frauen nachgezogen. Und tatsächlich gebe es heute deutlich mehr Teilnehmerinnen. „Es ist aber noch eine Menge Luft nach oben“, sagt der Leiter des Integrationsnetzes. Der Großteil der Frauen sei sehr motiviert und wolle arbeiten.

Das konstatiert auch die Analyse. Die überwiegende Mehrheit der geflüchteten Frauen in Deutschland möchte demnach eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. Traditionelle Vorstellungen zu Geschlechterrollen, wie es sie in Deutschland ebenfalls weiter gibt, könnten die Bereitschaft der Frauen senken, auf dem Arbeitsmarkt aktiv zu sein. „Jedoch spricht die bisherige empirische Befundlage dagegen“, schreiben die Autorinnen. Was aber eine Rolle spiele: Viele der Frauen hätten kleine Kinder und kümmerten sich, „wie viele andere auch“, hauptsächlich um die Sorgearbeit. Das verursache, dass sie an Qualifizierungs- und Beratungsmaßnahmen später oder gar nicht teilnehmen.

Fehlende Kinderbetreuung bei Angeboten sieht auch Saxinger als Problem – ein Ausschlusskriterium für die Frauen. Allein aufgrund des Alters der Geflüchteten hätten viele von ihnen Familie. Vor allem Kurse kombiniert mit Kinderbetreuung seien ein Baustein, um die Frauen besser zu unterstützen.

Das Paritätische Bildungswerk in Bremen bietet solche Kurse an. „Mama lernt Deutsch“ gibt es schon seit 20 Jahren. Dabei werden für zugewanderte Frauen Sprachkurse in Schulen und Kitas angeboten. So werden die Kinder oft gleich im Raum nebenan betreut, während es für die Frauen Unterricht gibt. „Der Bedarf ist hoch“, sagt Sprecherin Maren Seebeck. Die Kurse, die das Bildungsressort fördert, seien sehr gefragt. Aus Sicht des Bildungswerks dürfte es gerne weitere Kurse geben.

Einander helfen auf allen Ebenen

Besonders an „Mama lernt Deutsch“ sei, dass man ohne Formulare kostenlos teilnehmen könne. „Es gibt keinerlei Bedingungen“, sagt Seebeck. Dabei geht es nicht nur um den Spracherwerb. Die Frauen unterstützen sich im Alltag bei Fragen zu Arztbesuchen oder den Behörden. Freundschaften entstünden. Und weil die Herkunftsländer so unterschiedlich seien, werde untereinander eben oft Deutsch gesprochen.

Solche niedrigschwelligen Angebote hebt auch Andrea Quick von der Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) hervor. Quick leitete das Bremer Projekt zu „Frauen und Flucht“. Selbst wenn es beendet ist: Um die Arbeit im Netzwerk und den Erfahrungsaustausch kümmert sie sich weiterhin.

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Die Expertin plädiert auch bei den Projekten für Kontinuität: Es sollte für die Frauen direkt im Anschluss an Sprach- und Integrationskurse weitergehen – ohne lange Wartezeiten. Das sei wichtig, um Deutschkenntnisse zu trainieren. Der Austausch in Einrichtungen vor Ort im Stadtteil sei zudem hilfreich. Vor dem Hintergrund der Pandemie macht sie sich aktuell jedoch Sorgen, dass der Kontakt zu Frauen verloren geht, weil die Treffen nicht wie sonst möglich sind. Aus vielen Stadtteilen habe sie das gehört.

Ab diesem Montag muss auch das Paritätisches Bildungswerk seine Kurse in Präsenz aufgrund der Notbremse vorübergehend aussetzen. Distanzkurse laufen weiter. Eine Kinderbetreuung sei wegen Corona schon zuvor nur bei zwei Kursen noch möglich gewesen – wegen der Räume. Die seien aktuell überhaupt das vorrangige Problem.

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Andrea Quick weist noch auf einen weiteren Faktor hin, warum der Einstieg für Frauen schwerer ist. Sie seien durch die Fluchterfahrung teils sehr traumatisiert und müssten sich zunächst wieder sicher fühlen. „Das braucht einfach Zeit.“ Ihr Eindruck ist ebenfalls: „Der überwiegende Anteil der Frauen hat den Wunsch, arbeiten zu können.“ Dafür sei eine gezielte Förderung notwendig. Und da fällt ihr noch ein Argument ein. Quick erinnert sich zurück. In der Vergangenheit stand für Bremer Akteure aus ihrer Sicht eins im Fokus: „Es ging immer nur um die Männer. Frauen tauchten nicht auf.“ Seither sei aber viel passiert, das Bewusstsein geschärft. Nach ihrer Einschätzung gibt es auch bei den Herkunftsländern Unterschiede, wie viel Zugang zu Bildung Frauen überhaupt bekommen haben, wie viel messbare Berufserfahrung es gibt.

Nicht schnell, aber nachhaltig!

Die Voraussetzungen für die Frauen, betont auch Markus Saxinger, seien heterogen. Von An­al­pha­be­tinnen mit wenig Bildung bis zu Akademikerinnen. In der Regel gelte: „Je mehr Bildung, desto leichter klappt die Vermittlung.“ In jedem Fall setze das Integrationsnetz auf nachhaltige und nicht besonders schnelle Integration. Eine Vermittlung in prekäre Beschäftigung könne sogar eher schädlich sein.

Info

Zur Sache

Daten von 8000 Geflüchteten

Der Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung liegen Befragungsdaten von mehr als 8000 Geflüchteten im Alter von 18 bis 64 Jahren zugrunde. Diese sind demnach für die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland gezogenen Geflüchteten repräsentativ. Wegen der geringen Zahlen für einzelne Bundesländer wäre eine Analyse speziell auf Landesebene aber wenig verlässlich. Autorin Yuliya Kosyakova hält jedoch fest: „Regionale Charakteristiken wie zum Beispiel eine schlechtere Arbeitsmarktlage wirken sich negativ auf die Arbeitsmarktchancen von geflüchteten Männern und Frauen in ähnlichem Umfang aus.“

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