Angriffe nehmen stark zu Internet-Terror gegen Börsen?

London. Man nennt sie "fat fingers" (dicke Finger). So heißt im Börsenjargon ein fataler Fehler, wenn sich jemand bei einer Aktien-Order vertippt und damit Kurs-Turbulenzen verursacht. Geschehen angeblich in London am 24. August 2010, als der Telekom-Riese BT binnen Minuten unerklärlich fast eine Milliarde Pfund an Marktwert verlor. Ebenso mysteriös sprang zeitgleich der Wert der Aktien einer Abwasserfirma um zehn Prozent in die Höhe. Wie gewohnt machten Fachleute "dicke Finger" verantwortlich für den letztjährigen "Flash Crash" an der London Stock Exchange (LSE), bis gestern eine viel beunruhigendere Erklärung bekannt wurde.
01.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von ALEXEI MAKARTSEV

London. Man nennt sie "fat fingers" (dicke Finger). So heißt im Börsenjargon ein fataler Fehler, wenn sich jemand bei einer Aktien-Order vertippt und damit Kurs-Turbulenzen verursacht. Geschehen angeblich in London am 24. August 2010, als der Telekom-Riese BT binnen Minuten unerklärlich fast eine Milliarde Pfund an Marktwert verlor. Ebenso mysteriös sprang zeitgleich der Wert der Aktien einer Abwasserfirma um zehn Prozent in die Höhe. Wie gewohnt machten Fachleute "dicke Finger" verantwortlich für den letztjährigen "Flash Crash" an der London Stock Exchange (LSE), bis gestern eine viel beunruhigendere Erklärung bekannt wurde.

Nach Informationen der Londoner "Times" war die LSE wahrscheinlich Opfer einer Attacke von unbekannten "Cyber-Terroristen" geworden. Die Zeitung erfuhr aus Insider-Kreisen, dass die Börse im vergangenen Sommer heimlich die britische Regierung und die Geheimdienste um Hilfe gebeten hatte. Der Angriff auf den wichtigsten europäischen "Marktplatz" mit einem täglichen Handelsvolumen von fünf Trillionen Pfund habe darauf abgezielt, "westliche Finanzmärkte zu destabilisieren", schreibt das Blatt. Nach britischen Angaben ermitteln die US-Behörden derzeit wegen eines ähnlich alarmierenden Vorfalls an der New York Stock Exchange (NYSE). Ein "terroristischer Anschlag" auf die Wall Street aus dem Internet soll am 6. Mai 2010 zu Wertverlusten von General Electric und Procter & Gamble von insgesamt 866 Millionen Dollar geführt haben.

Langsam, aber sicher sickert diese Warnung in Großbritannien durch: "Unsere Infrastruktur wird angegriffen. Die Gefahr ist groß und beständig." Wenn sich heute ein Unternehmer Sorgen über den "Cyber-Terrorismus" mache, gehöre er wahrscheinlich bereits zu den Opfern, zitiert die "Times" eine Sicherheitsquelle. Nach Angaben des Blatts ist die Zahl der "virtuellen Überfälle" auf Behörden und Firmen im Königreich binnen zwei Jahren um 500 Prozent gestiegen. Der Schutz der wichtigsten Unternehmen vor den Attacken aus dem Netz sei die "neue Frontlinie der nationalen Sicherheit", urteilt die Zeitung.

Auch in anderen Ländern schrillen die Alarmglocken. So meldete die irische Polizei einen Anstieg von Online-Diebstählen. Neuester Trend: Die organisierten Banden in Irland sollen ausländische Hacker in die Republik einfliegen, um Firmen-Netzwerke zu überfallen. Dabei würden die Verbrecher ihre Daten auf ausländischen Servern speichern, um der Strafverfolgung zu entgehen. Nach Netz-Angriffen in mehreren EU-Ländern musste im Januar der europäische Emissionsrechtehandel gestoppt werden. Bei den jüngsten Vorfällen war es Hackern gelungen, Emissionsrechte im Wert von 6,7 Millionen Euro aus dem tschechischen Handelsregister zu stehlen.

Die Grenze zwischen Kriminalität und Terrorismus im Netz sei fließend, sagen die Fachleute. Online-Kriminalität und Hackerangriffe verursachen in Großbritannien jährlich einen Wirtschaftsschaden in Höhe von 3,2 Milliarden Euro, wobei 1,8 Millionen Computerbenutzer betroffen sein sollen. In der Vergangenheit haben es unbekannte Hacker geschafft, das Netzwerk des Parlaments zu infiltrieren. 2007 meldete das Außenministerium Eindringlinge in seinem Computersystem. Auch Krankenhäuser und eine Polizeistation wurden virtuell angegriffen. Jeden Monat werden die Netzwerke der Regierung im Schnitt von 20000 gefährlichen E-Mails bombardiert, von denen 1000 gezielt als Waffen eingesetzt werden. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) warnt in einer neuen Studie, dass die Hackerangriffe auf Schlüsselunternehmen, Infrastruktur und Behörden globale Folgen haben könnten, etwa wenn sie zeitgleich mit Naturkatastrophen erfolgten.

Die britische Regierung rüstet auf dem "Schlachtfeld Internet" auf: So will Premier David Cameron 600 Millionen Euro für Abwehrmaßnahmen gegen schädliche Programmcodes aus dem Netz bereitstellen. Die Geheimdienstler in London hatten im Herbst 2010 sogar mit "militärischen Vergeltungsschlägen" im Internet gedroht.

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