Oldenburger Fotodienstleister

„Die Urlaubsfotos haben schon gefehlt“

Corona hat auch beim Fotoexperten Cewe Spuren hinterlassen. Doch für das Unternehmen kommt es – wie jedes Jahr – vor allem auf das Weihnachtsgeschäft an, erklärt der Vorstandsvorsitzende im Interview.
13.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Die Urlaubsfotos haben schon gefehlt“
Von Lisa Boekhoff
„Die Urlaubsfotos haben schon gefehlt“

Das Fotobuch ist Kernprodukt des Unternehmens und auch im Ausland beliebt.

Carmen Jaspersen / dpa

Einen Moment auf einem Foto festhalten – in diesem Jahr gab es für viele Menschen weniger Anlässe als sonst, das zu tun. Hochzeiten, Feste und Reisen mussten ausfallen. Wie wirkt sich Corona auf Ihr Geschäft aus, Herr Friege?

Christian Friege: In unserem Druckgeschäft sind wir schon gebeutelt, denn wenn es keine Veranstaltungen gibt, braucht keiner Plakate. Wenn sich Menschen nicht treffen, brauchen sie keine Visitenkarten. Und wenn es keine Messen gibt, müssen keine Broschüren dafür gedruckt werden. Was unser Hauptgeschäft Fotofinishing betrifft, sehen wir, dass die Menschen mit Fotos viel kompensieren, was an Begegnung nicht möglich ist. Die Menschen gestalten zum Beispiel Fotobücher, um ihre Freundschaft zu feiern. Außerdem beschäftigen sie sich mehr mit den kleinen Dingen des Lebens und wandeln auch die in Bilder um. Die veränderten Reisebedingungen treffen uns. Im Moment besucht keiner einen Tempel in Thailand oder macht eine Safari in Afrika. Von diesen Reisen sind sonst immer schöne große Fotobücher gestaltet worden.

Plötzlich war aber zugleich Zeit, sich um Fotos zu kümmern.

Das ist richtig. Wir haben besonders im zweiten Quartal beobachtet, dass ältere Fotos zum Gegenstand von Fotobüchern gemacht worden sind. Aber das ist natürlich ein endlicher Vorrat.

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Der Umsatz im dritten Quartal ging im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich zurück. Der Verlust liegt bei 1,7 Millionen Euro. Das Weihnachtsgeschäft ist für Cewe sehr wichtig. Schaffen Sie die Kehrtwende zu einem Gewinn?

Ja, die schaffen wir in jedem Fall, denn wir machen unser Jahresergebnis immer im vierten Quartal. Wir sind gut in das Jahr gestartet und haben dann von 'Stay-at-home' profitiert. Im dritten Quartal haben uns die Urlaubsfotos schon gefehlt. Deswegen fällt es in der Tat etwas schwächer aus – auch beim Umsatz. Im Zeitraum von Januar bis Ende September haben wir aber ein um 1,4 Millionen Euro besseres Ergebnis als im Vorjahr. Das heißt, wir haben sogar trotz Corona einen kleinen Vorsprung. Das ermutigt uns. Nun müssen meine Kolleginnen und Kollegen in den Produktionsbetrieben jetzt in dieser Zeit richtig die Ärmel hochkrempeln.

2019 gab es ebenfalls zunächst einen Verlust in den ersten neun Monaten. Holt das Weihnachtsgeschäft stets alles raus?

Das ist immer so gewesen. Schauen Sie, Sie können ein solches Unternehmen in zwei Richtungen aufstellen. Sie können für eine gute Auslastung sorgen und jedes Quartal einen kleinen Gewinn einholen. Zu Weihnachten werden Sie dann aber völlig hilflos sein, weil Sie mit den Bestellungen nicht mithalten können. Unsere Strategie ist anders. Wir wollen unsere Kundinnen und Kunden das ganze Jahr gut bedienen. Das heißt, dass wir die Kapazitäten nicht immer voll auslasten und in vielen Monaten um die Nulllinie mäandern. Im November und Dezember fahren wir dann das Jahresergebnis ein. Das ist zwar unkomfortabel, wenn Sie Vorstandsvorsitzender einer börsennotierten Aktiengesellschaft sind und erst am 24. Dezember das erste Mal ein Gefühl dafür bekommen, wie das Jahr geworden ist. Wir sind damit als Gruppe aber immer gut gefahren.

Cewe ist nach Ihren Angaben Europas größter Fotodienstleister. Wie gut verkraften Sie ein Jahr wie dieses?

Wir sind sehr solide aufgestellt. Unsere Eigenkapitalquote lag per Ende September bei mehr als 50 Prozent. Wir werden auch in diesem Jahr einen ordentlichen Gewinn erzielen. Ob er höher oder niedriger als letztes Jahr ist? Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. Ich wüsste es selbst gerne. In jedem Fall werden wir ein profitables Jahr verzeichnen. Selbst wenn wir ein zweites schwieriges Jahr erleben sollten, sind wir dafür gewappnet. Da gibt es keinen Zweifel.

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Was ist der wichtigste Umsatzbringer?

Das Cewe-Fotobuch ist sowohl als Symbol als auch aufgrund der wirtschaftlichen Bedeutung das Kernprodukt des Hauses. In vielen europäischen Ländern sind wir damit Marktführer. Wir sind schon in der Vergangenheit Europas größter Fotodienstleister gewesen, als wir Filme noch entwickelt haben – früher, als es analoge Fotografie gab. Wir haben uns in den letzten 20 Jahren neu aufgestellt und haben es wieder geschafft. Für uns war vor allem entscheidend, dass wir ein austauschbares Produkt in ein Markenprodukt verwandelt haben – mit dem Cewe-Fotobuch.

Wie viele davon verkaufen Sie?

Wir haben die Zahl immer steigern können. 2019 war mit 6,6 Millionen Exemplaren das beste Jahr.

Haben Sie schon selbst Fotobücher erstellt?

Ich habe schon eins erstellt, bevor ich überhaupt bei Cewe anfing! Das war vor fast zehn Jahren, als ich eine ganz tolle Reise gemacht habe, die ich wirklich in einem Buch festhalten wollte. Ich habe mir das von meiner Frau abgeguckt. Von unserem Sommerurlaub, als wir mit Freunden in der Schweiz eine Wanderung unternahmen, habe ich das letzte Fotobuch gemacht. Gerade habe ich zwei Adventskalender bei Cewe geordert für meine Schwiegermutter und einen guten Freund.

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Für den Aktienkurs von Cewe war es ebenfalls ein turbulentes Jahr – mit Talfahrten und einem Rückgang auf derzeit rund 90 Euro. Welchen Druck übt das aus?

Ich kann Ihnen als Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft sagen, dass das quasi keinen Druck ausübt. Der Börsenkurs ist Ausdruck von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und dem Sentiment an der Börse. Das können wir als mittelständisches Unternehmen aus Oldenburg realistisch nicht beeinflussen. Und außerdem ist der Aktienkurs eine Ableitung unseres wirtschaftlichen Erfolgs. Langfristig ist er – mit allen Ups und Downs – seit Jahren angestiegen, weil das Unternehmen sich gut entwickelt hat.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

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Zur Person

Christian Friege ist seit 2017 Vorstandsvorsitzender von Cewe. Zuvor war der Oldenburger als selbstständiger Unternehmensberater tätig. Lichtblick, Debitel und Bertelsmann gehören zu den Stationen des Managers.

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Zur Sache

Spitze in Europa

Das Oldenburger Unternehmen bietet neben Fotobüchern, Grußkarten, Kalendern oder Wandbildern auch Werbe‐ und Geschäftsdrucksachen für Unternehmen an. Die Geschichte von Cewe begann im Jahr 1912, als der Oldenburger Carl Wöltje die „Photographische Anstalt“ gründete. Seine Initialen bildeten später den Namen der 1961 neugegründeten Firma. Heute arbeiten für Cewe mehr als 3800 Mitarbeiter in mehr als 20 Ländern. Die Gründerfamilie Neumüller ist Ankeraktionär der Gesellschaft mit mehr als 27 Prozent. Im vergangenen Jahr erreichte die Gruppe einen Umsatz von rund 715 Millionen Euro.

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