Konzernbetriebsratschef im Interview

Airbus in der Krise – "Überall herrscht große Not"

Der Flugzeugbauer Airbus ist in der Krise, den Mitarbeiter drohen Entlassungen. Welche Alternativen es gibt, erklärt Konzernbetriebsratschef Holger Junge im Interview.
25.06.2020, 05:00
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Airbus in der Krise –
Von Stefan Lakeband
Airbus in der Krise – "Überall herrscht große Not"

Bunter Protest: Die Bremer Airbus-Mitarbeiter haben ihre Wünsche aufgeschrieben und aufgehängt. Sie wollen damit gegen Stellenabbau und Kündigungen beim angeschlagenen Flugzeugbauer demonstrieren. Die Aktion ist eine von mehreren in dieser Woche, mit der die Gewerkschaft IG Metall auf die Lage des Industriestandorts Bremen aufmerksam machen will.

Frank Thomas Koch

Herr Junge, zum Jahreswechsel waren die Auftragsbücher bei Airbus voll; es gab Arbeit für Jahre. Hätten Sie sich vorstellen können, dass Sie sechs Monate später über betriebsbedingte Kündigungen sprechen müssen?

Holger Junge: Niemals. Vor einem halben Jahr haben wir überlegt, wie wir die ganze Arbeit bewältigen können. Im zivilen Flugzeugbau haben wir über 63 Flugzeuge im Monat gesprochen, die produziert werden mussten. Das Risiko damals war, dass wir nicht genug Nachwuchskräfte haben, um die hohen Auftragsbestände abarbeiten zu können.

Nun geht es aber wohl tatsächlich um Kündigungen bei Airbus, von 10 000 Stellen europaweit ist die Rede, mehr als 1000 Leiharbeiter hat der Konzern schon entlassen.

Dass Personal abgebaut werden soll, wissen wir nur aus den Medien. Ich glaube, dass wir die aktuelle Krise bewältigen können, ohne Leute zu entlassen. Kündigungen können wir etwa vermeiden, wenn die Kurzarbeit auf 24 Monate ausgeweitet wird. Sollte das noch nicht reichen, haben wir dem Konzern schon angeboten, die Arbeitszeit freiwillig zu verkürzen – mit den entsprechenden Gehaltseinbußen. Denn machen wir uns nichts vor: Wenn wir jetzt Personal abbauen, ist das sehr, sehr teuer. Dieses Geld fehlt dem Unternehmen für künftige Investitionen. Unsere Botschaft ist: Wir gehen gemeinsam durch das Tal, um dann zur Normalität zurückzukehren.

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Sie haben noch keine Zahl von der Konzernleitung gehört?

Nein. In den nächsten Tagen könnte es aber so weit sein.

Bei der Airbus-Sparte Defence and Space gab es schon vor Corona ein Sparprogramm. Ist hier der Druck nochmals gestiegen?

Nein, bei Defence and Space soll umstrukturiert und dadurch Personal abgebaut werden – wie es schon vor der Krise geplant war. Die Produktion wurde durch Corona zwar unterbrochen, kann aber wieder normal weitergehen. Aufträge wurden nicht storniert.

Welche Sparte ist dann Ihr Sorgenkind?

Bei Airbus Commercial, also dem zivilen Flugzeugbau, ist die Produktion stark betroffen. Schon jetzt ist klar, dass wir in den nächsten zwei Jahren weniger Flugzeuge bauen werden. Hinzu kommt, dass durch den Personalabbau auch die Strukturen verschlankt werden sollen. Das betrifft auch das Engineering, das unsere Produkte entwickelt. Das kann zu riesigen Problemen führen. Denn ohne Engineering können wir keine Zukunftsprojekte stemmen.

Vor dem Eingang haben die Bremer Beschäftigten Zettel mit Wünschen für die Zukunft aufgehängt. Häufig war dort zu lesen, dass die Produktion nicht in andere Länder verlagert werden soll. Sind diese Ängste begründet?

In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Arbeitspakete ausgelagert. Das ist geschehen, weil die Arbeit an den einzelnen Standorten mehr geworden ist und mit den vorhandenen Kapazitäten nicht mehr bewältigt werden konnte. In der jetzigen Situation erwarten wir daher, dass Arbeit, die an Fremdfirmen vergeben wurde, zurück in den Konzern geholt wird. So können wir die Auslastung erhöhen. Damit muss aber auch klar sein, dass keine weiteren Arbeitspakete mehr ausgelagert werden dürfen.

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Befürchten Sie, dass die Airbus-Standorte in Deutschland, Frankreich und Spanien gegeneinander ausgespielt werden könnten?

Überall herrscht große Not. Wir versuchen daher im europäischen Betriebsrat zu verhindern, dass es zu einem Konkurrenzkampf kommt.

Bremens Wirtschaftssenatorin hat am Mittwoch zu den Beschäftigten gesprochen und ihre Unterstützung zugesagt. Was erhoffen Sie sich von der Politik?

Wir brauchen einen engen Schulterschluss. Die Politik muss uns dabei helfen, die Standorte zukunftsfähig zu halten und die Forschung und Entwicklung voranzutreiben. Ohne Unterstützung bekommen wir noch mehr Schwierigkeiten.

Die Bundesregierung hat bereits ein Konjunkturpaket beschlossen. Bei den Maßnahmen für den Flugzeugbau bleibt es aber sehr vage. Enttäuscht Sie das?

Jein. Die Luftfahrt hat ein Budget von einer Milliarde Euro bekommen. Das ist relativ viel Geld. Airbus muss dieses Geld nun nutzen, um offensiv in die Forschung zu investieren, damit wir die Auslastungslücken im Engineering der nächsten Jahre schließen können und künftig innovative Produkte haben. Ich denke da an das ökologische Fliegen. Flugzeuge müssen in Zukunft deutlich umweltfreundlicher sein.

Frankreich will seiner Luftfahrtindustrie mit 15 Milliarden Euro helfen. Das ist ein sehr großer Unterschied zum deutschen Konjunkturpaket.

Das stimmt. Die Volumina sind allerdings schwer zu vergleichen. Von den 15 Milliarden gehen allein sechs als Rettungspaket an die Fluggesellschaft Air France. Das Konjunkturpaket des Bundes ist schon gut so.

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Am Standort Bremen liegt der Anteil von Forschung- und Entwicklung bei rund 45 Prozent und ist damit sehr hoch. Ist das ein Vorteil?

Nein. Da Airbus auch die Ausgaben für die Entwicklung reduzieren will, bekommen wir auch da Schwierigkeiten. Zusätzlich zu denen in der Produktion.

Das Besondere am Bremer Standort ist, dass hier – bis auf den Helikopterbau – alle Airbus-Sparten versammelt sind. Kommt das dem Werk in der Krise zugute?

Theoretisch könnte das ein Vorteil sein. Dafür müsste man aber enger zusammenarbeiten – doch genau das passiert bislang nicht. Dem Konzern fehlt der Blick dafür, den gesamten Standort zusammen weiterzuentwickeln. Die verschiedenen Sparten sind in Bremen wie eine Wohngemeinschaft, die nichts zusammen unternimmt. Ich würde mir daher jemanden Wünschen, der die Zusammenarbeit am Standort zwischen allen Airbus-Unternehmen verantwortlich vorantreibt.

Gibt es in der jetzigen Situation trotz allem etwas, das Sie hoffen lässt?

Hoffnung macht mir, dass der Markt im zivilen Flugzeugbau weiterhin riesig ist. Wir haben 7500 Flugzeuge in den Auftragsbüchern und unsere Kunden sind zufrieden. Auch das Know-how der Kollegen ist enorm hoch, genauso die Motivation. Das müssen wir unbedingt erhalten, um uns weiterentwickeln zu können. Wenn wir das schaffen, stehen wir am Ende der Krise stabil da.

Info

Zur Person

Holger Junge ist seit drei Jahren Vorsitzender des Konzernbetriebsrates bei Airbus. Der 55-Jährige hat zuvor in der technischen Dokumentation des Flugzeugbauers gearbeitet und lebt in Hamburg.

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