Interview mit Versandapotheken-Bundesverband

Die Konkurrenz droht eher von Amazon

Gesundheitsminister Spahn will bei der EU erreichen, dass Rabatte ausländischer Versandapotheken an deutsche Kunden verboten werden. Was der Verband der Versandapotheken im Interview alternativ vorschlägt.
30.06.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Die Konkurrenz droht eher von Amazon
Von Florian Schwiegershausen
Die Konkurrenz droht eher von Amazon

Bearbeitung in der Versandapotheke – ihnen will Bundesgesundheitsminister Spahn Kundenrabatte verbieten. Im Interview gibt es alternative Vorschläge der Versandapotheken.

BVDVA

Herr Sonnenberg, Jens Spahn ist in Gesprächen mit der EU-Kommission, um den Rabatt abzuschaffen, den ausländische Versandapotheken ihren deutschen Kunden gewähren. Wie werden Sie als Verband reagieren, wenn er dafür von der EU grünes Licht erhält?

Udo Sonnenberg: Grundsätzlich hatten wir dazu Anfang 2017 einen Vorschlag unterbreitet. Aus Sicht der deutschen Versandapotheken wollen und müssen wir das Wettbewerbungsungleichgewicht aus der Welt schaffen. Dabei müssen sich Daseinsvorsorge und Wettbewerb nicht gegenseitig ausschließen. Unser Vorschlag: Den bestehenden Nacht- und Notdienst-Fonds um das Doppelte aufstocken. Der zusätzliche Beitrag dafür kommt aus jeder abgegebenen RX-Packung, also jedem verkauften verschreibungspflichtigem Medikament. Da zahlen diejenigen, die tendenziell mehr abgeben, eben auch mehr ein. Damit könnte man gerade den Apotheken in der Fläche zusätzliche Einnahmen gewähren. Sie leisten überproportional viele Dienste.

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Die Konkurrenz bleibt dabei weiterhin.

Nach unserer Ansicht wird die Apotheke in der Fläche nicht verdrängt, wenn die Versandhandelsunternehmen verstärkt in den Markt eintreten. Vor allem in den Ballungszentren geht die Zahl der Apotheken zurück, wo eh schon viele Apotheken zu finden sind. Die Ursache liegt hier auch in Nachfolgeproblemen. Der Schlüssel ist die medizinische Versorgung: Wo kein Arzt ist, der verschreibt, ist es auch für eine Apotheke schwierig. Wir als Bundesverband Deutscher Versandapotheken fordern auf jeden Fall den gleichen Wettbewerb für alle Marktteilnehmer. Für uns wäre Spahns Plan, das Preisrecht ins Sozialgesetzbuch zu überführen, nur die zweitbeste Lösung. Die Hauptsache ist, dass bald eine Lösung kommt, die auch dauerhaft hält. Deshalb muss da jetzt auch Bewegung reinkommen. Ein Versandverbot für RX-Medikamente wäre nach 16 Jahren reguliertem und geordnetem Arzneimittelversandhandel in Deutschland auf alle Fälle nicht vermittelbar. Es hätte am Ende die Staatshaftung für geschaffene Werte zur Folge.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine Möglichkeit?

Während der Koalitionsverhandlungen 2017 hat das Bundeswirtschaftsministerium das Gutachten „Ermittlung der Erforderlichkeit und des Ausmaßes von Änderungen der in der Arzneimittelpreisverordnung geregelten Preise“ veröffentlicht. Es zeigt unterm Strich, dass stationäre Apotheken auch ihr Auskommen hätten, wenn die Pauschale, die sie für jedes Arzneimittel bekommen, nicht wie jetzt bei 8,51 Euro liegt, sondern bei 5,84 Euro. Diese Spanne könnte man beispielsweise als Spielraum für einen Bonus an die Kunden nutzen. Damit wäre auch der Bonus gedeckelt. Denn ein Bonus von 40 Euro oder ähnliches wäre auch nicht in unserem Interesse.

Sollte bei verschreibungspflichtigen Medikamenten die Preisbindung generell fallen?

So, wie die Preisbindung derzeit in ihrer Striktheit dasteht, erachten wir sie als nicht mehr zeitgemäß. Wir plädieren für eine Höchstpreisverordnung: Nach oben hin wären die Preise gedeckelt und nach unten hin darf der Bonus nicht ins Bodenlose fallen, wird also klar begrenzt. Denn am Ende müssen ja alle, die in der Medikamentenversorgung tätig sind, auch davon leben können. Keiner muss, jeder kann den Bonus seinen Kunden gewähren. Wenn ich mit Service und Beratung so gut bin, kommen die Kunden auch ohne Bonus zu mir.

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Die Vor-Ort-Apotheken werfen den Versandapotheken vor, sie würden sich die Rosinen aus dem Geschäft herauspicken.

Die Rosinenpickerei ist und bleibt eine Mär. Im Übrigen stellen auch Versandapotheken Rezepturen her – insbesondere in der Spezialversorgung. Momentan liegt der Hauptumsatz nach wie vor allem im OTC-Bereich, also bei den rezeptfreien Arzneimitteln. Attraktiver ist natürlich der RX-Bereich, also die verschreibungspflichtigen Medikamente. Da ist der Versandhandel ohne elektronisches Rezept benachteiligt. Denn jetzt muss das Papierrezept erst im Umschlag zur Versandapotheke geschickt werden. Wenn das E-Rezept nun kommt, plädieren wir hier für eine Standard-Schnittstelle, für die alle neutral den gleichen Zugang erhalten und kein Vertriebskanal bevorteilt bzw. benachteiligt wird.

Wo haben Vor-Ort-Apotheken etwas voraus?

Natürlich bei der Schnelligkeit: Wenn ein Patient im Ärztehaus unterwegs ist, kann er unten in der Apotheke direkt sein Rezept einlösen und das Medikament gleich mitnehmen, wenn es denn vorrätig ist. Es ist aber müßig, den einen Vertriebskanal gegen den anderen auszuspielen. Wir argumentieren immer, dass der Arzneimittelversandhandel komplementär zur stationären Apotheke steht. Als Versandapotheke müssen sie in Deutschland ja auch nachweisen, dass sie über eine Vor-Ort-Apotheke verfügen, sonst bekommen sie keine Lizenz. Kürzlich ist ja geregelt worden, dass der Botendienst einer Apotheke fortan mit fünf Euro vergütet wird. Die Versandapotheke liefert in der Regel kostenfrei. Hier werden bei großer Nachfrage Millionenbeträge auf die gesetzliche Krankenversicherung zukommen.

In der Vor-Ort-Apotheke muss das Mittel ja aber auch verfügbar sein.

Das ist wahrscheinlich noch problematischer, wenn sie in der Fläche unterwegs sind. In der Großstadt, wo man Apotheken in einem Abstand von wenigen Hundert Metern hat, sollte das einfacher sein. Bezüglich Fachkompetenz ist die Vor-Ort-Apotheke nicht unbedingt im Vorteil, denn bei Versandapotheken arbeiten oft mehrere Apotheker, die zusammen über ein Fachwissen verfügen, das eine kleine Apotheke mit einem Apotheker und ein, zwei pharmazeutisch-technischen Assistenten nicht unbedingt aufweisen kann. Allerdings darf man bei stationären Apotheken die soziale Funktion nicht vergessen, wenn die Kunden dort während des Kaufs noch einen kleinen Plausch mit den Mitarbeitern halten können. So etwas kann die Versandapotheke naturgemäß nicht bieten.

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Wie betrachten Sie den Weg der Kooperation von beiden Verkaufskanälen?

Den Weg einer Kooperation halte ich für sehr sinnvoll. Dafür muss man sich aber kommunikativ noch besser annähern. Unser Verband hat sich ja 2002 gegründet, weil die Versandapotheken damals von der Apothekenorganisation überhaupt nicht repräsentiert wurden. Das hat sich bis heute fortgesetzt. Nach über 16 Jahren bekommen wir aber auch mehr Gehör und auch mehr Anfragen, wenn eine Apotheke einen Online-Shop einrichten will. Wir sehen es ja in vielen anderen Bereichen: Die Kombination aus beidem wird es in Zukunft sein. Der Apothekenversandhandel will die stationäre Apotheke ja auch nicht ablösen. Die muss sich aber der einen oder anderen Innovation öffnen. Bei der Kooperation würden sich beide ergänzen – auch, was die Spezialversorgung angeht.

Eine Hausaufgabe für die Vor-Ort-Apotheke?

Die Apotheke, die nur rein stationär denkt, wird nicht das Zukunftsmodell sein. Auf der anderen Seite: Wer jetzt beginnt und nur auf Online setzt, ist da auch nicht gut beraten. Da ist der Markt einfach schon zu gut bedient. Aber: Würde der Anteil bei verschreibungspflichtigen Medikamenten von derzeit ca. 1,5 Prozent auf fünf oder meinetwegen auch auf zehn Prozent steigen, hätten die stationären Apotheken immer noch 90 Prozent und mehr. Die Gefahr sehe ich eher, dass sich Plattformen über Umwege in den Arzneimittelmarkt drängen. Große Unternehmen wie Amazon oder Alibaba warten nur auf Gelegenheiten. Hier gibt es in Deutschland zum Glück noch hohe Hürden mit Blick auf die Gesundheitsversorgung und damit den Markteintritt.

Info

Zur Person

Udo Sonnenberg (48) ist seit 2015 Hauptgeschäftsführer vom Bundesverband Deutscher Versandapotheken (BVDVA) in Berlin. Er vertritt 40 Mitglieder, darunter die Bremer Eurapon-Apotheke.

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