Autohersteller in der Corona-Krise

„Unsere Autobauer sind langsam“

In einer Untersuchung zeigt Ferdinand Dudenhöffer, welche Ergebnisse Autohersteller in der Krise pro Fahrzeug erwirtschafteten. Trotz des Verlusts bei Mercedes sieht der Experte Verbesserungen im Konzern.
22.08.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Unsere Autobauer sind langsam“
Von Lisa Boekhoff
„Unsere Autobauer sind langsam“

Ferdinand Dudenhöffer hält Daimlers Sparpläne für notwendig. Für den Konzern sagt er eine Rückkehr zu alter Stärke voraus.

Marijan Murat /dpa

Herr Dudenhöffer, Sie haben sich angeschaut, wie die Autohersteller im ersten Halbjahr gerechnet auf das einzelne Fahrzeug abschneiden. Was ist Ihr Befund?

Ferdinand Dudenhöffer: Corona hat in dieser Zeit weltweit eine große Rolle gespielt. Einige sind sehr gut durch die Krise gekommen, andere haben erkennen lassen, dass ihre Unternehmen weiter optimiert werden müssen. Das sieht man an den Verlusten, die gemacht worden sind, obwohl alle ähnliche Verkaufseinbrüche gehabt haben. Wir vergleichen dabei nur das reine Pkw-Geschäft und haben andere Einnahmen ausgeklammert.

Für Tesla haben Sie aber auch den Verkauf von CO2-Zertifikaten eingepreist.

Die sind aus einem guten Grund enthalten: Der Tesla ist mehr wert als das, was der Kunde bezahlt, weil es einen gesellschaftlichen Mehrwert gibt.

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Wo liegen denn die Probleme?

Große Verluste pro Fahrzeug sehen wir zum Beispiel bei Bentley und BMW. Das überrascht schon ein bisschen, weil BMW in den vergangenen Jahren eigentlich mit der Gewinnsituation sehr gut gefahren ist. Doch es scheint so zu sein, dass der Konzern sich der neuen Zeit und der E-Mobilität doch ein Stückchen schneller anpassen muss. In der Oberklasse werden bei BMW zudem nicht alle Modelle zu Listenpreisen verkauft. Dort gibt es im Vergleich zu Audi oder Mercedes durchaus höhere Rabatte. Das zehrt die Marge auf. BMW will Stellen abbauen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass dieser Ansatz richtig ist, um beim Fahrzeuggeschäft wieder in die Ertragssituation zu kommen.

Schauen wir genauer hin: 599 Euro betrug der Verlust pro Auto bei Daimler – immerhin besser als BMW, Ford, Seat oder Bentley. Doch ein Minus ist bitter.

Das ist bitter. Wobei die Verluste im vergangenen Jahr viel größer waren. Mercedes steht seit zwei bis drei Jahren vor der Erneuerung älterer Modelle. Der Diesel hat einige, nicht vorhergesehene Probleme gemacht, in Amerika fallen Strafzahlungen an. Das belastet natürlich. Die X-Klasse ist zudem mit viel Geld auf den Markt gebracht worden und nun wieder raus: Sie hat sich nicht verkauft.

Anpassungsprozesse sind vom neuen Vorstandschef Ola Källenius direkt angestoßen worden. Mercedes hat einige Verluste damit schon bereinigen können. Die Situation wird sich in Zukunft darum weiter verbessern. Die neue S-Klasse kommt und wird neue Standards setzen. Ich bin sehr sicher: Mercedes kommt auf sein altes Niveau zurück.

Wobei bei den Marken auffällt: Gerade die Oberklasse schneidet schlechter ab. Porsche fährt andererseits sogar mit fast 10.000 am meisten Gewinn ein. Tesla schneidet mit 2890 Euro am zweitbesten ab. Woran liegt das?

Porsche hat kaum Nachfragerückgänge gehabt und hat deshalb ein gutes Ergebnis. Dagegen musste Bentley hohe Verluste pro Fahrzeug einstecken. Das sagt uns: Oberklasse und Luxus sind keine Lebensversicherung. Die Produkte müssen den Käufer und den Markt auch überzeugen. Und das ist kein Selbstläufer. Tesla und Porsche zeigen sehr gut, dass man mit Schnelligkeit, Innovationsfähigkeit und attraktiven Modellen erfolgreich sein kann.

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Daimler will sich auf das Luxussegment wieder stärker fokussieren. Ein richtiger Schritt oder eine Gefahr?

Daimler verkauft mehr als zwei Millionen Fahrzeuge im Jahr. Es gibt die Fabriken und darum braucht man auch Skalenerträge. Daher kann es nicht sein, dass Daimler nur S- und E-Klasse verkauft. Das wäre sicherlich kein tragfähiges Modell. Daimler verdient am AMG natürlich sehr viel, doch es braucht das Volumen anderer Modelle. Das Obersegment reicht nicht. Unternehmen wie Daimler und BMW müssen auf Ausgewogenheit des Felds achten.

Zurück zur Untersuchung. Ist überhaupt der richtige Moment für eine solche Bestandsaufnahme? Produktionen standen wegen Corona still, und der Absatz brach ein – eine absolute Ausnahmesituation.

Wir glauben, dass der Zeitpunkt genau richtig ist. Denn in Krisenzeiten sehen wir das echte Ausmaß von Problemen, die sonst im normalen Modus überdeckt werden. Und das ist wichtig, weil die Probleme ja nicht der liebe Gott löst. In der Regel ist es wie eine Krankheit: Der Zustand verschlechtert sich weiter. Krisenzeiten sind also oft eine Bestandsaufnahme. Wie ein Röntgenbild zeigen sie, wie ein Unternehmen dasteht und welche Hebel man ansetzen muss.

„Never let a good crisis go to waste“. Das soll Winston Churchill gesagt haben. Gibt es denn etwas, dass die Autokonzerne lernen sollten beim Blick auf das Röntgenbild von Corona?

Gerade im Vergleich zu Tesla müssen die Konzerne schneller werden. Unsere Autobauer sind langsam. Unsere Autobauer sind Dickschiffe. Tesla bringt mit Raketengeschwindigkeit Innovationen in den Markt. Wir müssen nur nach Berlin auf die Gigafactory schauen. Tesla plant, in einer neuen Druckgussmaschine vielleicht irgendwann die komplette Rohkarosserie in einem Stück zu fertigen.

Das bringt hohes Einsparpotenzial. In anderen Unternehmen dauern die Dinge dagegen sehr lang. Dort ist das Motto oft: Never change a winning team. Man hängt zu lange an alten Zöpfen und verliert damit Anpassungsgeschwindigkeit. Um gut unterwegs zu sein, braucht es aber Dynamik, Innovationen auch umzusetzen. Es wird auf dem Weg immer wieder Fehlschläge geben, aber die Verbesserung in der Welt besteht aus Fehlschlägen, aus denen man lernt.

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In den USA stellt Mercedes in Tuscaloosa die Produktion der C-Klasse Limousine ein. Profitiert davon der Standort Bremen? Schließlich befindet sich hier das Leitwerk für das Modell.

Die C-Klasse ist in Zukunft wichtig, aber noch wichtiger sind die GLC, die auf der Linie aufbauen. Der große Trend sind die SUVs. Da hat Mercedes viel aufgeholt. Für Bremen wird sicherlich hilfreich sein, dass die E-Autos nun auf eigene Plattformen gesetzt werden wie bei Tesla. Das ist die Zukunft.

Daimler will kräftig sparen und Stellen streichen. Wie sehen Sie die Pläne von Ola Källenius?

Ich glaube, das muss man machen. Im Laufe der Zeit wachsen Organisationen und werden immer größer. Das verschlechtert aber die Kostensituation. Daimler, genauso BMW und VW, müssen die Kosten verbessern.

Der Journalist Gabor Steingart bezeichnete Daimler in seinem „Morning Briefing“ unlängst sogar als „Sanierungsfall“. Seit der Corona-Krise leide Daimler an Atemnot, schrieb er im Juli.

Gabor Steingart ist kein ausgewiesener Automobilanalyst. Das muss man nicht so ernst nehmen. Die Halbjahresergebnisse sind eher bei Bentley und BMW schwierig. Daimler ist umgekehrt dabei, Probleme zu lösen. Die beste Zeit von Daimler wird noch kommen. Da hat Herr Steingart mal nicht recht.

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In der deutschen Autoindustrie erwarten Sie insgesamt aber den Abbau von 100.000 Arbeitsplätzen. Gibt es keine Hoffnung, da gegenzusteuern?

Es gibt keinen Zauberstab, um die Probleme zu lösen. Der Verbrennungsmotor fällt weg. Das wissen wir. Deshalb gehen viele Arbeitsplätze verloren – auch bei den Zulieferern. Wir befinden uns zudem in einer großen Strukturkrise. Dass die Verbrenner vom Konjunkturprogramm der Großen Koalition ausgeschlossen werden und die Prämie auf ein paar E-Autos entfällt, das ist grundfalsch! Was die SPD gemacht hat, hilft eher, dass noch mehr Arbeitsplätze abgebaut werden.

Die Folgen von Corona werden uns vermutlich weltweit noch zehn Jahre beschäftigen. Erst dann kann das alte Wohlstandsniveau wieder erreicht werden. So lange hat keiner Zeit, auf Überkapazitäten zu sitzen. Die Vier-Tage-Woche ist ein Ansatz, aber hilft nicht auf Dauer, weil das die Kostensituation gegenüber dem Wettbewerb verschlechtert.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

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Zur Person

Ferdinand Dudenhöffer hatte zuletzt an der Uni Duisburg-Essen den Lehrstuhl für Betriebs- und Automobilwirtschaft. Seit Mai ist er Direktor des privatwirtschaftlichen Forschungsinstituts Center Automotive Research.

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Zur Sache

Zuwachs bei alternativen Antrieben

Im Juli lag die Zahl der Pkw-Neuzulassungen im Land Bremen bei 1969 und stieg damit im Vergleich zum Vorjahr um 16,4 Prozent. Das ist laut Karl-Heinz Bley , Präsident des Kfz-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen, „ein kleines Zeichen der Hoffnung“. Insgesamt werde das Autojahr wegen Corona aber mit einem zweistelligen Minus abschließen .

Im Moment beträg t die Differen z zum Vorjahr etwas mehr als ein Viertel. Besonders E-Autos und Plug-in -Hybride konnten im Juli zulegen: Die Stromer kamen auf 89 (Vorjahr 32) und die Plug-in-Hybride auf 14 3 (Vorjahr 12) Neuzulassungen. Sie spielen laut Bley weiterhin eine sehr geringe Rolle: Gerechnet auf die Neuzulassungen betrug der Anteil reiner E-Autos 4,5 Prozent.

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