Ungleichheit durch Familienbetriebe

IWF kritisiert Familienunternehmen

Die Familienbetriebe werden für die steigende Ungleichheit in Deutschland verantwortlich gemacht. Bremer Unternehmer verweisen auf deren Wichtigkeit für die deutsche Wirtschaft.
11.07.2019, 20:11
Lesedauer: 4 Min
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IWF kritisiert Familienunternehmen
Von Florian Schwiegershausen
IWF kritisiert Familienunternehmen

Ungleichheit in Deutschland: Der IWF sieht die Familienunternehmen hierzulande als eine Ursache dafür.

DPA/Peter Steffen

Die Familienunternehmen werden gerne als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bezeichnet. Doch nun hat der Internationale Währungsfonds (IWF) eine aktuelle Studie veröffentlicht, in der er die Familienunternehmen für die Ungleichheit in Deutschland verantwortlich macht, die immer stärker werde. Laut IWF ist die Bundesrepublik eines der Länder mit der höchsten Vermögens- und Einkommensungleichheit der Welt. Diese Schere nehme weiter zu. Eine Ursache dafür sieht der IWF bei den großen Familienunternehmen. In den Händen von wenigen konzentriere sich der Reichtum des Landes.

Demnach sei es seit dem Jahr 2000 zu folgender Situation gekommen: Die exportstarken Familienunternehmen haben durch ihre Erfolge den Effekt verstärkt. Auf der anderen Seite hätten in der gleichen Zeit die Arbeitnehmer bei den Lohnerhöhungen Zurückhaltung geübt. Die hohe Sparquote bei dem reichsten Prozent hätte wiederum die Ungleichheit bei den Einkommen und dadurch in Folge bei den Vermögen verstärkt. Hier stellen die IWF-Ökonomen fest, dass Vermögens- und Einkommensungleichheit eng miteinander verbunden seien. Der IWF sieht es so, dass nach 2009 ein Großteil des Wohlstandzugewinns entstanden sei in Form einbehaltener Gewinne von Familienunternehmen. „Dieser Gewinn kommt damit nur wenigen zugute“, heißt es. Die Unternehmenssteuerreformen 2001 und 2008, die einbehaltene Gewinne steuerlich begünstigten, hätten diesen Effekt noch verstärkt.

"Familienunternehmer sorgen für höchstes Steueraufkommen"

Die Familienunternehmen allein auf die Gewinne zu reduzieren, reicht nach Ansicht von Moritz Stich nicht aus. Er führt in dritter Generation die Bremer Wäscherei Max Stich mit 120 Mitarbeitern. Vor 83 Jahren ist der Betrieb gegründet worden. Gleichzeitig ist Stich Regionalvorsitzender des Verbands „Die jungen Unternehmer“. Zuerst gibt er zu bedenken, dass bei Familienunternehmen 60 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Jobs in Deutschland angesiedelt sind. „Außerdem werden dort 80 Prozent der Azubis in Deutschland ausgebildet“, so Stich. „Wenn diese Studie Familienunternehmer gleichsetzt mit wohlhabend, dann ist auch zu beachten, dass sie auch für das höchste Steueraufkommen sorgen.“

Was man laut Stich nicht vergessen dürfe: „Zum Besitz unseres Familienunternehmens gehört ja auch das Firmengrundstück, und das ist gebundenes Kapital, über das man nicht so einfach verfügen kann.“ Und die Werte, die ein Familienunternehmer hat, wolle er laut Stich ja auch an die nächste Generation weitergeben, weshalb er in viel längeren Zeiträumen denke: „Bei Aktienunternehmen denkt der Vorstandsvorsitzende eher in Zeiträumen von einigen Jahren.“

Peter Bollhagen, Landesvorsitzender der „Familienunternehmer“ und Besitzer des Malereibetriebs „Pero und Partner“, ergänzt: „Der IWF kann nicht große Familienunternehmen wie BMW oder Oetker mit kleinen wie meinem 20-Mann-Betrieb vermengen.“ In Zeiten der Rezession oder einer Krise würden Familienunternehmer auch weiter an ihren Mitarbeitern festhalten. Auf Bremen bezogen weist Bollhagen auch auf das Mä­ze­na­ten­tum hin: „Schauen Sie in die Kunsthalle und anderswo hin – die privaten Förderer dort sind größtenteils Familienunternehmer, und damit wird Gesellschaft gelebt.“

"Arbeitnehmer profitieren deutlich“

Unterstützung erhalten die Familienunternehmer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). Ökonom Maximilian Stockhausen weist die IWF-Kritik zurück. Er sagte dem WESER-KURIER: „In einer unserer Studien zeigt sich, dass Familienunternehmen deutlich nachhaltiger agieren als börsennotierte Unternehmen, sie stärker regional verankert sind, eine geringe Mitarbeiterfluktuation aufweisen und auch die Führungskräfte im Durchschnitt etwa dreimal so lange im Unternehmen bleiben.“ Das zeige ein höheres Verantwortungsgefühl für die Mitarbeiter und Interesse an langfristigen Anstellungsverhältnissen. „Davon profitieren auch die Arbeitnehmer deutlich.“

Für die Höhe der Nettovermögensungleichheit sieht der IW-Experte weitere Gründe: „So hängen die Möglichkeiten zum Vermögensaufbau unter anderem mit der Ausprägung des Wohlfahrtsstaates zusammen. Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass der Vermögensaufbau am unteren Ende der Verteilung insbesondere in den Staaten gering ausfällt, die wie Deutschland über eine hohe sozialstaatliche Absicherung verfügen. Denn diese mindert den Anreiz zur privaten Vorsorge, welche staatlicherseits organisiert wird.“ Würden zudem die Ansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland bei der Vermögensverteilung berücksichtigt, sehe diese bedeutend gleichmäßiger aus.

Besonders große Familienunternehmen in der Kritik

Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel pflichtet dagegen dem IWF bei: „Sonst immer als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft und als Stabilitätsanker beschrieben, wird hier die Triebkraft dieser Fehlentwicklung in den Familienunternehmen gesehen. Das ist mutig. Die Lobbyverbände feiern immer nur die segensreichen Wirkungen dieses Unternehmenstyps ab.“ Dabei weist Hickel aber darauf hin, dass der IWF mit seiner Kritik vor allem auf große Familienunternehmen wie BMW abzielt. Der Wissenschaftler begrüßt die Aufforderung des IWF, ökonomischen Erfolg und Effizienz mit gerechter Einkommensverteilung zu verbinden.

Als Mittel dafür nennt der IWF die Erbschafts- und Schenkungssteuer, die Hickel so bewertet: „Sie bremst die Reichtumswechsel ohne persönliche Leistung des Bevorteilten. Auch die Vermögensteuer ist ein Beitrag, die ökonomischen Profiteure in die Finanzierung staatlicher Infrastruktur einzubeziehen.“ IW-Ökonom Stockhausen sieht das anders: „Eine Schwächung der Familienunternehmen über höhere Erbschafts- und Einkommensteuern würde nur die Investitionen schwächen und damit Arbeitsplätze gefährden.“

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