Bremer Arbeitsmarkt Jede vierte Stelle ist ein Minijob

Bremen. Zum 1. Januar wird die Verdienstobergrenze für mehr als sieben Millionen Minijobber in Deutschland von 400 auf 450 Euro angehoben. Das hat jetzt der Bundestag beschlossen.
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Jede vierte Stelle ist ein Minijob
Von Petra Sigge

Bremen. Zum 1. Januar wird die Verdienstobergrenze für mehr als sieben Millionen Minijobber in Deutschland von 400 auf 450 Euro angehoben. Das hat jetzt der Bundestag beschlossen.

Kritiker nennen diesen Schritt unverantwortlich, weil damit die Nische für unterbezahlte und schlecht abgesicherte Arbeit ausgeweitet werde. Arbeitgeber dagegen sehen in Minijobs eine dringend notwendige Flexibilitätsreserve.

Ursprünglich gedacht, um etwa Hausfrauen einen unkomplizierten weil versicherungsfreien Nebenjob zu ermöglichen, hat sich die geringfügige Beschäftigung stark ausgebreitet. Längst geht es dabei nicht mehr nur ums Hinzuverdienen, stellt die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in mehreren Studien zu Minijobs fest.

Im Frühjahr 2011, so die aktuellsten Daten, war demnach für 4,8 Millionen Menschen, darunter 3,2 Millionen Frauen, der Minijob die einzige Erwerbstätigkeit. Jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis in Deutschland ist mittlerweile ein Minijob – insgesamt 7,3 Millionen.

Im Land Bremen gibt es nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) derzeit über 70 800 geringfügig Beschäftigte. Damit sei hier sogar mehr als jeder vierte Arbeitsplatz ein Minijob. Diese konzentrierten sich vor allem auf Branchen wie die Gastronomie, das Reinigungsgewerbe und den Einzelhandel. Im Bremer Hotel- und Gaststättengewerbe zum Beispiel sei bereits mehr als die Hälfte aller Stellen mit Minijobbern besetzt.

„Die Anhebung der Einkommensgrenzen für Minijobber wird die Probleme am Arbeitsmarkt weiter verschärfen“, befürchtet die Bremer DGB-Vorsitzende Annette Düring. „Noch mehr Menschen geraten in die Minijobfalle mit der Folge, dass sie nur wenig verdienen und nicht für ihr Alter vorsorgen können.“

Geringfügig Beschäftigte müssen selbst keine Steuern und Sozialabgaben abführen, erwerben aber auch keine oder nur sehr geringe eigene Ansprüche an die Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Die neue Pflicht zur Rentenversicherung (siehe unten) ändere daran nichts, sagt Dorothea Voss, Arbeitsmarktexpertin bei der Hans-Böckler-Stiftung. Nach 30 Jahren im 400-Euro-Job gebe es am Ende nur eine Rente von 96 Euro.

Auch die Erwartung, dass das Einkommen der Minijobber durch die Anhebung der Verdienstobergrenze steigt, sei abwegig. Im Schnitt erhielten Minijobber nach Angaben der Minijobzentrale im Jahre 2009 bislang schon nicht 400 sondern 261,27 Euro in Westdeutschland (208,45 Euro in Ostdeutschland). Bei solchen Löhnen sei die Altersarmut programmiert.

Es nütze den Kleinverdienern auch nichts, dass sie grundsätzlich Anspruch auf die gleichen Bruttostundenlöhne wie in einer vergleichbaren sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung haben, sagt die Arbeitsmarktforscherin, denn sie verdienen in der Praxis deutlich weniger. Fast 90 Prozent der Minijobber bezogen nach ihren Untersuchungen 2009 Stundenlöhne unterhalb der Niedriglohnschwelle von 9,76 Euro – und bekamen damit im Durchschnitt nicht einmal halb so viel wie Arbeitnehmer mit einer regulären Vollzeitstelle. Nach Darstellung der Expertin gibt es zahlreiche Belege, dass Arbeitgeber systematisch gegen den Grundsatz der gleichen Bezahlung verstoßen, um ihre Personalkosten zu senken.

Bei Minijobs sei vielfach nur eine geringe Qualifikation gefordert, das spiegele sich eben auch in den Löhnen wider, heißt es dagegen von Arbeitgeberseite. „Minijobber tragen zudem in der Regel weniger Verantwortung als Stammbeschäftigte – auch das hat Auswirkungen auf die Entlohnung“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Achim Dercks.

Minijobs, so betont Dercks, seien ein „wichtiges Flexibilisierungsinstrument am Arbeitsmarkt – gerade für kurze Zeiten mit hoher Nachfrage wie zum Beispiel an Wochenenden.“ Diese Flexibilisierungsreserve spiele für die Betriebe häufig eine größere Rolle als der Kostennachteil durch die höheren Abgaben für Minjjobs. Die liegen derzeit bei etwa 30 Prozent des Monatsentgelts und damit höher als bei sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Minijobs können nach Meinung des DIHK-Geschäftsführers Jobsuchenden, vor allem Arbeitslosen und Geringqualifizierten, den Einstieg in reguläre Arbeit erleichtern. Das allerdings bezweifelt Arbeitsmarktforscherin Voss. Nach den Erkenntnissen der Hans-Böckler-Stiftung, wechseln lediglich neun Prozent der geringfügig Beschäftigten in ein Normalarbeitsverhältnis.

„Die Befreiung der Arbeitnehmer von den Sozialabgaben ist ein süßes Gift, ein Lockmittel in die Teilzeit und damit in die Niedriglohnfalle, aus der viele nicht mehr herauskommen“, resümiert Voss. Sie fordert deshalb eine Aufhebung des Sonderstatus Minijob. „Grundsätzlich muss jeder Job in Deutschland mit einer sozialen Absicherung verbunden sein, unabhängig von der gearbeiteten Stundenzahl.“

Zugleich sollte stärker kontrolliert werden, dass gleiche Arbeit auch gleich bezahlt wird. Nur so könne es gelingen, die bisherige „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ von geringfügig beschäftigten Niedriglohnempfängern und regulär Erwerbstätigen aufzuheben.

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