Interview zum Flughafen

„Jeder Euro zählt“

Im Interview erklären der Geschäftsführer und der Aufsichtsratschef des Bremer Flughafens, wie der massive Sanierungsstau abgearbeitet werden soll und warum die neuen Rabatte für Airlines richtig sind.
14.03.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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„Jeder Euro zählt“
Von Lisa Boekhoff
Herr Kleinert, wie würden Sie die Situation des Flughafens in einem Wort beschreiben?

Elmar Kleinert: Vorwärtsgewandt.

Die Zahl der Passagiere ging zurück, es gibt einen Investitionsstau und 2019 drohte ohne eine Finanzspritze die Insolvenz. Das kann Sie alles nicht glücklich stimmen.

Kleinert: Nein. Es war 2019 in der Tat viel zu tun. Das ging im Februar los mit der Insolvenz der Germania. Damit sind uns eine ganze Menge Passagiere und Umsätze weggefallen. Wir waren aber in der Lage, schon eine ganze Menge zu kompensieren.

Ist dieses Jahr besser gestartet?

Kleinert: Es ist sensationell gestartet. Im Januar liegen wir bei den Passagieren nun fast acht Prozent im Plus gegenüber dem Vorjahr, obwohl es im vergangenen Jahr noch die „heile Welt“ vor dem Germania-Effekt gab. Aber wir spüren nun seit Ende Februar die Auswirkungen des Coronavirus.

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Was erwarten Sie hier?

Kleinert: Da möchte ich meinen Kollegen aus Hamburg zitieren: „Tut mir leid, ich finde gerade meine Glaskugel nicht.“ Es ist wirklich schwierig, das abzusehen. Die Lufthansa hat mittlerweile 50 Prozent ihrer Kapazitäten aus dem Markt genommen bei einer Flotte von mehr als 450 Flugzeugen. Das hat gigantische Ausmaße. Es gibt für die nächsten Monate bereits viele Streichungen. Schon jetzt liegt der Einnahmeverlust für uns bei mindestens einer Million Euro.

Wie lange reicht da Ihr Finanzpolster aus?

Kleinert: Im Moment sind wir – auch dank unseres Gesellschafters – sehr gut ausgestattet. Wir haben das Darlehen bekommen über 12,6 Millionen Euro, deswegen haben wir kein akutes Problem. Doch wenn es in den nächsten Monaten so weitergeht, wächst der Schaden durch Corona an allen Flughäfen. Berlin rechnet mit 25 Prozent weniger Verkehr über das gesamte Jahr. Wir haben als Flughafen dabei hohe Fixkosten, und wir können nicht beliebig unsere Personalkosten an die gesunkene Auslastung anpassen.

Wie groß ist der Sanierungsstau?

Kleinert: Wir haben im vergangenen Jahr schon eine ganze Menge umgesetzt und angeschoben. Das werden wir in den nächsten fünf Jahren fortsetzen mit dem Ziel, den Sanierungsstau, der sicher noch bei über 70 Millionen Euro liegt, abzuarbeiten. Dazu haben wir sehr detaillierte Konzepte erstellt, die auch intensiv im Aufsichtsrat diskutiert wurden – bis hin zur finanziellen Begleitung. Denn am Ende ist das eine Frage der Finanzierung.

In dieser Woche hat sich der Aufsichtsrat getroffen. Was ist das Ergebnis?

Cordßen: Die Geschäftsführung hat eine Investitionsplanung vorgelegt mit zahlreichen Maßnahmen, die jetzt sukzessive in Angriff genommen werden sollen. Wir haben die Möglichkeit, bestimmte Investitionen am Flughafen zur Hälfte mit öffentlichen Zuschüssen zu unterstützen. Dafür haben wir als Freie Hansestadt eine Richtlinie erstellt. Im Rahmen des Sanierungskonzeptes wollen wir in den nächsten beiden Jahren Investitionen in den Flughafen in einer Größenordnung von ungefähr sieben Millionen Euro bezuschussen. Die Entscheidung darüber muss natürlich in den zuständigen politischen Gremien abschließend getroffen werden. Aber das ist der Weg, den wir als Aufsichtsrat und als zuständiges Ressort gehen wollen.

Kleinert: Ich bin als Geschäftsführer froh und dankbar, dass die Stadt Bremen die Kosten für die Feuerwehr übernimmt und gleichzeitig bei den Investitionen die Hälfte als Förderung in Aussicht stellt. Das ist insgesamt ein Paket von vielen Millionen, die dem Flughafen zufließen können. Damit geht die Stadt an die Grenzen dessen, was nach europäischem Beihilferecht überhaupt zulässig ist.

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Weil es nötig ist?

Kleinert: Ja. Wir erhalten das Maximum. Das heißt für uns als Flughafen aber auch, dass wir die Anspannung erhöhen müssen. Wir müssen schließlich die anderen 50 Prozent liefern. Das wird nicht leicht. Wenn eine Maschine im Keller ihren Dienst versagt, müssen wir sehen, woher wir das Geld bekommen. Wir müssen es verdienen und zusätzliches Wachstum schaffen. Jeder Euro zählt. Außerdem müssen wir die Einnahmen möglichst effizient verwenden. Der Flughafen ist deswegen aufgefordert, alle Geschäftsfelder auf den Prüfstand zu stellen, auf verbesserte Wirtschaftlichkeit zu trimmen, auf absolute Marktfähigkeit.

Cordßen: Als Aufsichtsrat haben wir der Geschäftsführung den Auftrag erteilt, kurzfristig in die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern zu gehen mit dem Ziel, auch zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit bei den Personalkosten zu kommen. Das ist der Beitrag, den der Flughafen innerhalb des Sanierungskonzeptes erbringen muss. Wir haben die Situation sehr genau analysiert: Wir liegen in einigen Bereichen bei den Personalkosten deutlich über dem Wettbewerb. Hier sind Schritte erforderlich, die im Ergebnis durchaus auch zu harten Einschnitten führen.

Heißt das, es gibt Einschnitte im Portemonnaie, oder sollen Stellen abgebaut werden?

Kleinert: Wir müssen in allen Bereichen prüfen: Tun wir das Richtige? Machen wir noch die Arbeit, die benötigt wird? Wo können wir die Effizienzen erhöhen? Können wir in der Verwaltung die ein oder andere Stelle einsparen, indem wir Arbeit straffen? Wir müssen wie jedes andere Unternehmen überlegen, zu welchen Kosten wir produzieren.

Cordßen: Wie Herr Kleinert gesagt hat: Wir wollen als Gesellschafter bei den Investitionen unseren Spielraum maximal ausnutzen, um den Flughafen bei der Sanierung zu unterstützen. Aber der Flughafen muss seinen Eigenbeitrag auch zwingend erbringen. An die Gespräche mit der Arbeitnehmerseite ist die klare Erwartung geknüpft, dass der geplante Sanierungskurs konsequent fortgesetzt wird.

Es steht noch nicht fest, wie groß der Stellenabbau ausfallen soll?

Kleinert: Nein, wir gehen mit den Tarifpartnern und Betriebsräten offen in die Gespräche. Wir wissen, welches Volumen wir noch schaffen müssen.

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Um welchen Betrag geht es?

Kleinert: Um einen Betrag im niedrigen Millionenbereich über zwei bis drei Jahre gesehen. Ich habe dazu einige Vorstellungen, bin mir aber sicher, dass die Arbeitnehmerseite dazu auch konstruktive Ideen hat. Das Entscheidende ist, dass wir das Ergebnis erreichen.

Cordßen: Im Aufsichtsrat sind wir paritätisch vertreten. Wir haben den Beschluss am Dienstag einstimmig gefasst: Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind sich einig über den Weg. Ganz sicher werden Geschäftsführung und Arbeitnehmer hart miteinander verhandeln. Aber mein Eindruck ist, dass wir sehr gute Voraussetzungen haben und alle Beteiligten das konstruktiv angehen. Die gute Botschaft ist: Der Flughafen kann mit der Umsetzung des Sanierungskonzeptes wirtschaftlich wieder auf sicheren Beinen stehen.

Welche Sanierungen sind notwendig?

Kleinert: Es geht um Investitionen, damit der Flughafen seine Funktion als Drehscheibe der Region weiter wahrnehmen kann. Der Schwerpunkt liegt im Sicherheitsbereich der Infrastruktur. Wir haben beispielsweise Vorfelder, die teilweise 70 Jahre alt und marode sind und die benötigte Traglast nicht mehr aufweisen. Die müssen neu betoniert und befestigt werden. Wir sind verpflichtet, entsprechend den internationalen und europäischen Vorgaben zu arbeiten. Beispielsweise müssen zum Objektschutz des Flughafens Zäune, Sicherheits- und Videotechnik EASA-Vorgaben genügen. Außerdem wollen wir, von uns sehr ernstgenommene ökologische Ertüchtigungen des Flughafens vornehmen.

Worum geht es dabei?

Kleinert: Als Flughafen ist man immer verdächtigt, sich aus dem Klimawandel nichts zu machen. Das Gegenteil ist bei uns der Fall. Niemand kann den Klimawandel noch leugnen. Wir arbeiten intensiv an diesem Thema. Über die Nutzungsordnung des Flughafens verpflichten wir die Airlines beispielsweise, Strom nicht selbst mit einer Turbine am Flieger zu erzeugen, sondern unseren Bodenstrom aus modernen Aggregaten zu beziehen. Wer also bei uns landet, muss auch unseren Strom nutzen.

Wie ist es überhaupt zu diesem Investitionsstau gekommen?

Cordßen: Mit Amtsantritt im vergangenen Sommer haben wir eine Situation vorgefunden, die sofortiges Handeln erforderlich gemacht hat. Und wir haben uns sofort auf den Weg gemacht, um die akuten Probleme kurzfristig zu lösen, was uns ja auch gelungen ist. Jetzt stehen die nächsten Schritte bei der Sanierung des Flughafens an. Und das machen wir – wie Herr Kleinert eingangs gesagt hat – vor allem vorwärtsgewandt. Uns beschäftigt natürlich auch die Frage, wie es zu diesem Stau gekommen ist, viel mehr aber, wie wir ihn auflösen können.

Kleinert: Ich wohne seit eineinhalb Jahren in Bremen. Ich habe bisher nirgendwo erlebt, dass vergleichbar hart gespart wurde, wie hier. Wenn ich durch die Stadt fahre, sehe ich bei der ein oder anderen Infrastruktur: Hier gab es schwierige Zeiten mit hohen Sparzwängen. Der Flughafen hat hier keine Ausnahme gemacht. Doch irgendwann ist der Punkt erreicht, einen neuen Aufschlag zu machen, um die Betriebs- und Funktionsfähigkeit zu erhalten und damit die Zukunftsfähigkeit des Airports.

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Sie haben Rabatte auf Start- und Landegebühren für neue Verbindungen eingeführt. Das sind doch zunächst Einbußen.

Kleinert: Nein. Wir machen nur Abstriche bei noch nicht vorhandenen Einnahmen. Wir haben seit 1. Januar eine neue Entgeltordnung, mit der die bestehenden Verkehre pro Jahr teurer werden: um eine knappe Million. Das sind zusätzliche Einnahmen. Wir wissen, dass wir mit jedem zusätzlichen Passagier zusätzlichen Umsatz machen in der Gastronomie, in den Shops und beim Parken. In diesen schwierigen Zeiten, wo alle paar Monate eine europäische Airline aus dem Markt austritt, ist es total klar, dass es für neue Destinationen auch bei uns eine Risikoteilung gibt.

An den Rabatten gab es Kritik, hatte sich Bremen doch gerade auf die Fahne geschrieben, der Klimafrage alles unterzuordnen. Können Sie den Ärger verstehen?

Kleinert: Nein. Wir sehen an unseren Passagierzahlen, wie die Region Bremen dazu abstimmt. Es ist allen wichtig, dass wir unsere ökologische Verantwortung wahrnehmen und nicht mit einer Antonow von 1960 durch die Gegend knattern, sondern die modernsten Flugzeuge am Standort vorhalten.

Cordßen: Die Entgeltordnung hat auch eine Steuerungswirkung: Denn sie gibt Airlines den Anreiz, auf neue, leisere und dadurch emissionsärmere Flugzeuge zu setzen. Uns ist als Behörde sehr wichtig, dass diese Strategie weiterverfolgt wird. Außerdem sind die Mehreinnahmen ein wichtiger Baustein des Sanierungsplans.

Das Gespräch führten Florian Schwiegershausen und Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Elmar Kleinert ist seit 2018 Geschäftsführer des Hans-Koschnick-Flughafens Bremen.

Tim Cordßen ist Staatsrat im Häfenressort und zudem Aufsichtsratsvorsitzender des Bremer Flughafens.

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