Bremen trauert um Josef Hattig

Beck's und Bremen ließ er sich nicht nehmen

Bremens ehemaliger Wirtschaftssenator Josef Hattig ist nach langer Krankheit mit 89 Jahren verstorben. Erinnerungen an einen Manager, der in die Politik wechselte, und den Jade-Weser-Port mit auf den Weg brachte.
04.08.2020, 05:00
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Beck's und Bremen ließ er sich nicht nehmen
Von Florian Schwiegershausen
Beck's und Bremen ließ er sich nicht nehmen

Bremens ehemaliger Wirtschaftssenator Josef Hattig – hier festgehalten im Jahr 2010 – ist mit 89 Jahren gestorben.

Frank Thomas Koch

Bremens ehemaliger Wirtschaftssenator Josef Hattig ist am vergangenen Freitag nach langer Krankheit im Alter von 89 Jahren gestorben. Das hat die Senatskanzlei am Montag bestätigt. Hattig, ein gebürtiger Dortmunder, drückte der bremischen Wirtschaft jahrzehntelang seinen Stempel auf. Über das Verhältnis zu seiner Wahlheimat sagte er: „Ubi bene, ibi patria – wo es einem gut geht, da ist das Vaterland. Ich mag diese Stadt, diese hanseatische Tradition, den Stil, den Charme. Ich mag diese Zurückhaltung und gelegentliche Introvertiertheit.“

Und er mochte es, dass man in Bremen nicht jeden Abend irgendwo seinen Kopf zeigen muss, um bedeutend zu wirken. Dass es ihn nach Bremen verschlug, hat maßgeblich mit Alfred Herrhausen zu tun. Der Deutsche-Bank-Chef, 1989 von der RAF ermordet, war Beiratsvorsitzender der Brauerei Beck & Co. – er wollte Hattig an der Spitze des Unternehmens, fand ihn gut. „Wenn ein solcher Mann bittet, eine solche Aufgabe zu übernehmen, dann ist für mich klar: Ich muss das annehmen“, sagte Hattig im Rückblick. Er hatte zwei Vorbilder in seinem Leben: Herrhausen und seinen älteren Bruder, einen Oberstudienrat.

Anruf von Helmut Kohl

Von 1972 bis 1997 war der Jurist mit kaufmännischer Ausbildung Geschäftsführer der Brauerei. In dieser Zeit stieg der Hektoliterausstoß bei Beck & Co stetig an. Beck’s wurde zum Zugpferd und gewann auch außerhalb Norddeutschlands immer mehr Fans. „Die Marke zieht die Brauerei – nicht umgekehrt“, wird Hattig zitiert. Von 1990 bis 1993 war er Präsident des Deutschen Brauer-Bunds.

Von 1997 an kümmerte sich Hattig, der zehn Jahren zuvor in die CDU eingetreten war, um eine andere Marke: die Stadt Bremen. Er wurde in der Großen Koalition unter Bürgermeister Henning Scherf (SPD) Senator für Wirtschaft, Mittelstand, Technologie und Europaangelegenheiten. Bis zu dem Jahr leitete er nicht nur die Brauerei, er war auch fünf Jahre lang Präses der Bremer Handelskammer.

Eigentlich hatte Hattig dem Beirat von Beck & Co versprochen, die Brauerei noch mindestens zwei Jahre zu führen. Doch dann kam ein Anruf, und er konnte nicht mehr anders, so jedenfalls erzählte es Hattig. Das Telefon klingelte, Helmut Kohl war dran: „Herr Hattig, hat der Bundeskanzler gesagt, Sie sind ein erfolgreicher Mann, jetzt tun Sie bitte etwas für das Vaterland.“ Kohl wusste stets, auf welchen Knopf er drücken musste: „Wenn der Bundeskanzler anruft, dann ist das erstens sehr schmeichelhaft, und zweitens bin ich sofort widerstandsunfähig“, sagte Hattig.

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„Zack, Zack“ – das war sein Spitzname in den sechs Jahren als Wirtschaftssenator. Wenn Hattig irgendetwas nicht gefiel, musste der zuständige Mitarbeiter bei ihm im Büro sofort antreten, notfalls auch in den Abendstunden. Es war dann mehr Monolog als Dialog. Widerspruch? Besser nicht. Klar wurde dem Senator mit der Zeit aber auch, dass man eine Behörde nicht wie ein Unternehmen führen kann – eine Begebenheit, mit der sich Personen, die von der Wirtschaft in die Politik gewechselt waren, nicht so recht anfreunden konnten.

In Hattigs Regierungszeit fielen zwei Projekte von großer Bedeutung für Bremen, von denen eines schnell zum Scheitern verurteilt war. Beim „Space Park“, von dem heute nur noch die Waterfront als Einkaufszentrum auf dem alten AG Weser-Gelände übrig geblieben ist, war die erste Planung bereits vor Hattig auf den Weg gebracht worden. Der endgültige Plan passierte 1998 den Senat, Hattig musste für das Projekt als Senator im Jahr 2000 den ersten Spatenstich machen. Die Eröffnung des „Space Parks“ 2004 hatte Hattig als Wirtschaftssenator nicht mehr erlebt. Die Pleite auch nicht.

Wegbereiter mit Weitsicht

Henning Scherf sagte vor neun Jahren bei der Verleihung des Kieserling-Logistikpreis an Hattig, dass man sich in der gemeinsamen Regierungszeit aufeinander verlassen konnte und gut miteinander auskam. Damals verriet Scherf über seinen Vorgänger Klaus Wedemeier: „Wedemeier kriegte immer Pickel, wenn er den Namen Hattig nur hörte.“ Schließlich war es ja Hattigs Aufgabe als Handelskammer-Präses, die Finger in die Wunden der Bremer Politik zu legen.

Damals ging es auch darum, dass Wirtschaft und Politik im Haushaltsnotlageland Bremen enger aufeinander zugehen. Für das andere Projekt, das Hattig mit auf den Weg brachte, bedurfte es Weitsicht. Denn Bremen beteiligte sich am Bau des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven. Nicht nur hier soll es Scherf gewesen sein, der Hattig im Hintergrund unterstützt hatte. Damals gab es mit dem Partner Niedersachsen Krach, weil der damalige Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) sich über den Tisch gezogen fühlte.

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Scherf empfahl ein Vier-Augen-Gespräch mit Hattig, der die Bedenken der Niedersachsen ausräumen sollte. Vor dem Gespräch hatte Scherf beide gebrieft. Hattig sagte, er habe Gabriel eingangs gefragt: „Soll ich jetzt so zu Ihnen sprechen, dass man damit die Aufnahmeprüfung im diplomatischen Dienst schafft – oder soll ich gleich zur Sache kommen?“ Gabriel habe geantwortet: „Bitte gleich zur Sache kommen.“ Nach zwei Stunden waren sie sich einig.

Scherf konnte auch intervenieren, als der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) Hattig als Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Deutschen Post loswerden wollte. Dieses Mandat hatte der Wirtschaftsmann von 1996 bis 2006 inne. Eichel holte sich telefonischen Rat beim Genossen Scherf in Bremen. Ein CDU-Mitglied passe doch wohl nicht in die politische Landschaft, so Eichel. Scherf machte ihm entschieden klar, dass Hattig erstens kein Parteibuchpolitiker sei und zweitens ein wahres Glück für die Post. Das anschließende Telefonat mit Eichel schilderte Hattig einmal so: „Hier ist Eichel“. „Guten Tag, Herr Minister.“ „Machen Sie noch mal fünf Jahre?“ „Ja“. „Danke.“ Damit sei das Gespräch beendet gewesen.

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Nach seiner Zeit im Aufsichtsrat der Deutschen Post wurde Hattig Aufsichtsratsvorsitzender bei der Bremer Lagerhausgesellschaft (BLG) und blieb dies bis 2012. Von diesem Mandat trat er damit ein Jahr eher zurück, als er eigentlich gewählt wurde. Hattig begründete dies damals, dass er nicht gleichzeitig mit dem damaligen BLG-Chef Detthold Aden abtreten wolle, der sich 2013 in den Ruhestand verabschiedete.

Aden und Hattig schafften es, die BLG zu einem weltweit tätigen Logistikunternehmen mit heute mehr als 11 000 Mitarbeitern zu entwickeln. Ein führender BLG-Mitarbeiter über Hattig: „Er war ein in jeder Hinsicht herausfordernder Mann.“ Bestimmend, aber nicht arrogant. Ungemein gebildet und mit musischer Ader: „Auf Auslandsreisen holte er gerne die Gitarre hervor, spielte und sang, am liebsten italienische Volkslieder.“

Unvergessen bleiben die Fußballspiele

In den letzten Jahren hatte Hattig sich zurückgezogen, was auch mit seiner Alzheimer-Krankheit zusammenhing, die ihm schwer zusetzte, wie ein Weggefährte erzählte: „Das macht einem erst recht zu schaffen, wenn man so belesen war wie er und über die Lektüre auch sprechen wollte.“ Einer seiner Lieblingsautoren war der Satiriker, Dichter und Maler Robert Gernhardt. Und Ringelnatz, den er gerne zitierte.

Unvergessen sind die Fussballspiele vom „Freundeskreis Werder“, bei denen Josef Hattig bis in die Neunziger Jahre mitkickte, sofern es seine Zeit zuließ. Jeden Sonnabend traf man sich in der Werder-Halle. Mit dabei waren unter anderem Dieter Burdenski und Rudi Assauer. Entsprechend hatte Hattig auch zu Werder eine gute Beziehung, auch wenn er als gebürtiger Dortmunder den BVB nicht aus den Augen verloren hatte.

Dass Hattig von der Wirtschaft in die Politik wechselte, hatte er einst im Interview mit dem WESER-KURIER so formuliert: „Ich fühlte mich verpflichtet, mich einzubringen, eine Pflicht im freiheitlichen Rechtsstaat. Ich meine damit nicht eine Pflichterfüllung im bürokratischen Sinne. Die Freiheit ist nichts Selbstverständliches, sie ist Inbegriff unserer Kultur. Dafür müssen wir uns einsetzen.“ Diese Pflicht hat er weit über die Grenzen der Hansestadt Bremen hinaus erfüllt.

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