Serie: Neue Ausbildungsberufe

Die Onlineshop-Optimierer aus Bremen

Kaufleute im E-Commerce sorgen dafür, dass Onlineshops funktionieren und besser werden. Mit ihrem Wissen schließen sie eine Lücke, die viele Jahre lang klaffte.
23.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Onlineshop-Optimierer aus Bremen
Von Stefan Lakeband
Die Onlineshop-Optimierer aus Bremen

„Marcel ist wie mein Schatten“, sagt Danny Horlitz (rechts) über seinen E-Commerce-Azubi Marcel Hatesaul. Ihr Arbeitgeber Hmmh ist eines der ersten Unternehmen in Bremen, dass die Ausbildung anbietet.

Christina Kuhaupt

Wenn man nicht merkt, dass es Marcel Hatesaul gibt, dann hat er alles richtig gemacht. Alles soll sich natürlich anfühlen, intuitiv, ganz so, als habe man nie etwas anderes gemacht. Das ist eine Quintessenz aus dem Beruf des 23-Jährigen. Marcel Hatesaul macht eine Ausbildung zum Kaufmann im E-Commerce.

Wer regelmäßig im Internet surft und online etwas bestellt, der ist schon auf die Arbeit von E-Commerce-Kaufleuten wie Hatesaul gestoßen. Sie helfen Firmen dabei, Waren und Dienstleistungen zu verkaufen – so wie die Kaufleute im Einzelhandel, im Groß- und Außenhandel und in der Industrie. Nur, dass alles eben im Internet stattfindet.

Die Ausbildung schließt damit eine Lücke, die lange Zeit Jahre klaffte. Vor mehr als 25 Jahren wurde der erste Kauf – eine CD des Sängers Sting – über das Internet dokumentiert. Verglichen mit der Tradition mancher Einzelhändler oder Jahrhunderte alter Handelshäuser ist das natürlich nicht viel. Beim Blick zurück zeigt sich aber, dass in diesem Vierteljahrhundert viel passiert ist.

Onlineshop-Betreuung aus dem Wesertower

Das bestätigt auch Lars Eickhoff von der Bremer IT-Firma Hmmh, die sich als eine der ersten in Deutschland mit dem Thema Onlinehandel beschäftigt hat. Noch heute werden vom Wesertower aus zahlreiche Webshops von Kunden wie Otto und Tchibo betreut. Solchen Unternehmen müsse man eine echte Expertise bieten, sagt Eickhoff. Und die soll unter anderem von E-Commerce-Kaufleuten kommen.

Es ist noch ein recht junger Beruf, erst seit 2018 wird die Ausbildung angeboten. In Bremen werden laut Handelskammer zurzeit bei 25 Unternehmen 42 E-Commerce-Kaufleute ausgebildet. Zwölf davon gehören zum Jahrgang, der in wenigen Tagen startet. „Aktuell suchen aber noch Unternehmen nach Auszubildenden“, sagt Michael Zeimet, Geschäftsführer für Aus- und Weiterbildung bei der Handelskammer. Sie hat insgesamt 56 Ausbildungsbetriebe im Land Bremen registriert, darunter die Sparkasse, Vitakraft, Melitta und Reishunger.

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Marcel Hatesaul ist seit einem Jahr E-Commerce-Azubi bei Hmmh. Dorthin gekommen ist er über einen Umweg. Der gebürtige Weyher hat nach dem Abitur erst einmal studiert. Drei Semester Betriebswirtschaftslehre waren es, bis ihm klar wurde, dass er eigentlich etwas anderes machen möchte. Ein bisschen weniger Theorie, mehr Informatik. Und dabei Kontakt zu Kunden. So kam er auf die noch junge Ausbildung. Nach einem Jahr ist er zufrieden, den Schritt von der Uni ins Unternehmen getan zu haben. Aktuell lernt er, wie ein Projektmanager arbeitet. Sie sind das Bindeglied zwischen Kunden und Entwicklern. Soll etwas Größeres am Onlineshop geändert werden, trägt Hatesaul das an seine Kollegen weiter, die sich um die Programmierung kümmern. „Wer Onlineshops nur als Kunde kennt, denkt, dass alles ganz einfach ist“, sagt der 23-Jährige. Er wisse nun, was alles hinter dieser Einfachheit steckt. Denn auch das ist Teil seines Alltags: den Onlineeinkauf so simpel wie möglich zu machen.

Wie das geht, lernt er von Danny Horlitz, seinem Ausbilder bei Hmmh. Vor Corona haben sie sich ein Büro geteilt – und auch jetzt tun sie das. Irgendwie. Die Pandemie hat Hatesaul, Horlitz und einen Großteil der Kollegen ins Homeoffice verbannt. Der Zusammenarbeit zwischen Lehrling und Ausbilder hat das nicht geschadet. „Marcel ist wie mein Schatten“, sagt Horlitz. Gibt es Gespräche mit Kunden, schalten sich beide zu. Werden die Kollegen gebrieft, machen das Hatesaul und Horlitz zusammen. Selbst das, was der andere auf dem Bildschirm hat, können sie im Homeoffice sehen.

Drei Jahre Ausbildung

Eine Ausbildung zum Kaufmann oder -frau im E-Commerce dauert normalerweise drei Jahre, kann unter Umständen aber auch verkürzt werden. Neben Firmen wie Hmmh, die Webshops anderer Unternehmen betreuen, sind typische Arbeitgeber Versandhändler mit eigenem Onlineshop, Logistik- und Mobilitätsunternehmen sowie Banken und Versicherungen. Also eigentlich alle Firmen, die etwas im Internet verkaufen. Laut Bundesagentur für Arbeit ist keine bestimmte schulische Vorbildung für die Ausbildung notwendig. Viele Betriebe erwarteten aber von den Azubis, dass sie die Hochschulreife haben. Im ersten Ausbildungsjahr bekommen Lehrlinge eine Vergütung, die zwischen 755 und 900 Euro liegt. Im dritten Ausbildungsjahr steigt sie auf rund 1100 Euro.

Dass es nun seit zwei Jahren diese Ausbildung gibt, wertet der Bundesverband für E-Commerce und Versandhandel als großen Erfolg. Er hatte 2012 angeregt, den neuen Beruf zu schaffen und seit 2015 gemeinsam mit den Verbänden des Einzelhandels, des Groß- und Außenhandels und des Tourismus entwickelt. „Die Ausbildung vermittelt einen Querschnitt für alle im E-Commerce erforderlichen Fertigkeiten und wird damit auch den Anforderungen von E-Commerce-Betrieben ohne Warenversand gerecht“, sagt Martin Groß-Albenhausen, stellvertretender Verbandschef.

Für Marcel Hatesaul begann seine Ausbildung bei Hmmh mit einem Sprung ins kalte Wasser. Zusammen mit den Azubis der anderen Abteilungen und Fachrichtungen hat er in einem Projekt gearbeitet und für einen Auftraggeber – in diesem Fall Hmmh selbst – einen Onlineshop entwickelt – mit allem, was dazugehört: Aufgabenverteilung, regelmäßige Briefings, Präsentationen. Acht Wochen insgesamt, die ein Vorgeschmack auf seine Ausbildung waren.

Was auch zur E-Commerce-Ausbildung gehört, ist die Frage, woher die Ware eigentlich kommt. Denn was wäre ein Shop, der nichts verkauft? Weil beim Bremer IT-Unternehmen aber nur die Seiten betreut aber keine eigenen Onlineshops betrieben werden, geht es für Azubis wie Marcel Hatesaul auch zu anderen Unternehmen. Eine Station beim Kunden sei daher Teil der Ausbildung, sagt Ausbilder Horlitz. Dort lernen die Azubis den Einkauf kennen, die Beschaffung und die Logistik.

Momentan überlegt Marcel Hatesaul, ob er die Ausbildung verkürzen soll. Eine Stelle danach scheint ihm sicher – nicht nur, weil Hmmh für den eigenen Bedarf ausbildet. „Händler müssen sich immer fragen, wie sie ihren Onlineshop weiterentwickeln können“, sagt Danny Horlitz. Die Antwort sollen Kaufleute für E-Commerce liefern.

Weitere Informationen

Arbeit ändert sich – wie, das zeigt der WESER-KURIER in seiner neuen Serien. Wöchentlich stellt sie Ausbildungsberufe vor, sehr alte und ganz neue. Kommenden Donnerstag erscheint der nächste Teil. Er erklärt, warum die Ausbildung im Groß- und Außenhandel modernisiert wird.

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