Zukunft des Standorts

Kleinbetriebe beleben Lebensmittel-Branche in Bremen

Hachez, Coca-Cola, Kellogg – viele bekannte Marken haben sich aus Bremen verabschiedet. Doch einer Studie zufolge ist die Industrie dynamischer als es scheint.
01.04.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Kleinbetriebe beleben Lebensmittel-Branche in Bremen
Von Stefan Lakeband
Kleinbetriebe beleben Lebensmittel-Branche in Bremen

Früher hat er für Freunde und Bekannte geröstet, heute betreibt Oliver Kriegsch mit Cross Coffee seine eigene Kaffeerösterei – und bleibt dem Standort Bremen treu.

Christina Kuhaupt

Während Oliver Kriegsch von den Anfängen seiner Firma erzählt, schüttet er langsam Bohnen aus einer Papiertüte auf die Digitalwaage. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Dann mahlt er den Kaffee, füllt das Pulver in den Handfilter aus Kupfer und gießt vorsichtig das warme Wasser darüber. „Ich habe früher zu Hause für Freunde und Bekannte geröstet“, sagt Kriegsch. „Das wurde immer mehr.“ So viel, dass er sich schließlich 2013 mit seiner Firma Cross Coffee selbstständig machte.

Aus dem anfänglichen Hobby ist mittlerweile eine kleine Rösterei in der Nähe der Waterfront geworden. Eine Tonne Kaffee röstet Kriegsch hier im Monat. Ein Witz verglichen mit großen Kaffeeröstern wie Jacobs oder Tchibo. Aber der 51-Jährige ist zufrieden. Immer mehr Leute interessieren sich für seinen Kaffee, der ausschließlich von kleinbäuerlichen Kooperativen kommt und sozial und ökologisch nachhaltig produziert ist. „Stück für Stück erarbeiten wir unseren Platz in der Kaffeelandschaft.“

Die Branche liegt unter einem Strukturwandel

Cross Coffee ist eines von etlichen Unternehmen aus der Lebensmittelbranche in Bremen. Um die sei es gut bestellt, findet Rainer Frerich-Sagurna – trotz einiger schlechter Nachrichten in den vergangenen Jahren. Frerich-Sagurna ist Vorsitzender des Verbands der Nahrungs- und Genussmittelwirtschaft (Nageb) in Bremen und bemüht, die Branche ins rechte Licht zu rücken. Ja, mit Hachez, Coca-Cola und Kellogg verschwänden große Namen aus Bremen und mit ihnen auch etliche Arbeitsplätze. Dennoch: Die Lebensmittelbranche sei immer noch vital.

Laut Nageb arbeiten im Bundesland etwa 10 000 Beschäftigte in mehr als 250 Betrieben in der Nahrungs- und Genussmittelwirtschaft. Mit 7000 Jobs entfalle der Großteil auf Bremen, der Rest auf Bremerhaven. Frerich-Sagurna untermauert seine Aussagen mit einer Studie der Universität Bremen, die der Nageb in Auftrag gegeben hat. Sie zeigt: Die Branche unterliegt einem Strukturwandel. Sie abzuschreiben, wäre jedoch fatal.

So ist die Zahl der Angestellten, die in Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigt sind, zwischen 2008 und 2016 zwar um 1000 gesunken. Gleichzeitig wird ein großer Teil dieses Rückgangs von den kleinen Firmen wieder aufgefangen. Sie haben ihre Mitarbeiterzahl fast verdoppelt – auch weil die Anzahl der Unternehmen selbst deutlich gestiegen ist. „Die Lebensmittelwirtschaft ist stabil und wächst“, sagt Frerich-Sagurna.

Lesen Sie auch

Denn auch wenn größere Markenhersteller Bremen verlassen haben, viele Mitarbeiter sind in Bremen geblieben. Und damit auch wichtiges Know-how. In einer Zeit, in der etliche Branchen nach Fachkräften suchen, ist das ein entscheidender Standortfaktor.

Dass die Nahrungs- und Genussbranche vergleichsweise krisenfest ist, bricht Nageb-Schatzmeister Henry Lamotte auf einen einfachen Satz herunter: „Gegessen wird immer.“ Diese Gewissheit hat Lamotte aus der fast 100-jährigen Geschichte der gleichnamigen Unternehmensgruppe. Sie ist ein wichtiger Lieferant der Lebensmittelindustrie und des Handels, bietet tiefgefrorenes und konserviertes Obst und Gemüse an, aber auch Fisch. Außerdem importiert sie Öle, Wachse, Farb- und Aromastoffe, um sie an die Lebensmittelverarbeiter und die Kosmetikindustrie weiterzuverkaufen.

1925 wurde die Firma gegründet, als kleiner Import-Export-Handel in der Kornstraße, mittlerweile sitzt das Unternehmen mit 280 Mitarbeitern im Güterverkehrszentrum. Hier will Lamotte auch weiter expandieren. „Der Handel ist krisenfest, weil wir nicht auf Ressource angewiesen sind“, sagt Lamotte. Das sei eine Stärke der bremischen Lebensmittelwirtschaft. Sie macht laut Studie mehr als ein Viertel aller Importe in der Hansestadt aus.

Die Frage, was für ein Standort man sein möchte

Für den Nageb ist Bremen ein starker Standort. Aber auch einer, der noch besser werden kann. „Bremen hat sich lange Zeit unter Wert verkauft“, sagt Lamotte. Das soll sich ändern. Unternehmer sollten sich nicht fragen „Was soll ich denn in Bremen?“, sondern „Warum bin ich nicht in Bremen?“. Ohne Unterstützung aus der Politik gehe das aber nicht. So kritisiert Frerich-Sagurna etwa die Infrastruktur. Die Verkehrs- und Baustellenplanung ließen erkennen, dass es nicht in allen Teilen der Politik ein deutliches Bekenntnis zum Industriestandort gebe. Gleichzeitig müsse man sich überlegen, was für ein Standort man überhaupt sein möchte. „Wollen wir die rauchenden Schlote, die es früher einmal gab?“, fragt Frerich-Sagurna.

Auch Kriegsch hat sich solche Fragen schon gestellt. Sein Eindruck: Die Politik hat sich zu lange nur Gedanken über die großen Marken gemacht, anstatt zu schauen, was in Bremen sonst noch passiert. Zusammen mit anderen kleinen Firmen aus der Branche hat er daher die Bremer Stadtfabrikanten gegründet. Unter diesem Markendach wollen sie gemeinsam auftreten, jede Firma für sich alleine wäre wohl zu klein, um aufzufallen. Doch genau darum geht es Kriegsch: „Viele Bremer wissen gar nicht, was abseits der großen Marken noch alles in Bremen passiert, weil nicht darüber gesprochen wird.“

Lesen Sie auch

Ein klares Bekenntnis aus der Politik vermisst auch Frerich-Sagurna. Das macht er unter anderem daran fest, dass die Nahrungs- und Genussmittelindustrie keine große Erwähnung in den Ergebnisse der Zukunftskommission findet. Bremen sei daher aufgefordert, „dieser Branche weitaus größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen“, fordert der Nageb-Vorstand. Ein wichtiger Schritt sei etwa die Ausbildung. An der Hochschule Bremerhaven könne man schon jetzt Lebensmitteltechnologie studieren – bislang aber nur im Bachelor. Wer sein Wissen vertiefen will, muss Bremen verlassen. Die Chance, dass Absolventen daher nicht in der Hansestadt ins Berufsleben starten, sei hoch, glaubt Frerich-Sagurna. Das soll sich bald ändern: Die Planungen für einen weiterführenden Studiengang zur Lebensmitteltechnologie in Bremerhaven laufen bereits. In den kommenden Jahren sollen die ersten Studenten beginnen.

Für Kriegsch steht fest, dass er in Bremen bleibt. Er ist hier aufgewachsen, hat sein Unternehmen hier gegründet, und will damit auch weiter wachsen. 1000 Tonnen Kaffee im Jahr, das kann er sich vorstellen – mehr aber auch nicht. Ihm ist es wichtig, dass seine Kunden einen Bezug zum Produkt haben, vorbeikommen können, Fragen stellen oder sich auch persönlich beschweren können. So wie die großen Marken früher, will er nun mit seiner eigenen Firma sein: in der Stadt präsent und ein Aushängeschild der Wirtschaft.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+