Treibhausgase Klimakiller Tourismus

Reisen ist laut einer neuen Studie für acht Prozent des Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich. Der zentrale Grund: Der technische Fortschritt – hält mit dem Wachstum der Reisetätigkeit nicht Schritt.
10.08.2018, 22:04
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Klimakiller Tourismus
Von Stefan Sauer

Einfach zu Hause bleiben wäre wohl das Vernünftigste. Auf Rhodos, Mallorca und Antalya verzichten, stattdessen mit dem Rad zum Badesee, Picknicken im Stadtwald, Urlaub auf Balkonien, zum Wohle der Umwelt, zum Schutze des Klimas. Schließlich trägt der Tourismus weltweit immer stärker zum steigenden Ausstoß von Treibhausgasen bei.

Einer aktuellen Studie der Universität Sydney zufolge gehen rund acht Prozent des globalen, von Menschen verursachten Ausstoßes von Kohlendioxid und Methan auf das Konto von Reisen aller Art. Manfred Lenzen, Mitautor der Studie und Professor für Nachhaltigkeitsstudien in Sydney, beziffert den globalen CO₂-Ausstoß, der 2013 durch Ur­laubs-, Privat- und Geschäftsreisen verursacht wurde, auf 4,5 Milliarden Tonnen. Bis 2025, schätzt der Wissenschaftler, könnte die Menge auf 6,5 Milliarden Tonnen wachsen.

Mehr Flugpassagiere

Zentraler Grund: Der technische Fortschritt – effizientere Triebwerke, verbesserte Aerodynamik, sparsamere Motoren – hält mit dem Wachstum der Reisetätigkeit und insbesondere des Tourismus nicht Schritt. Im vergangenen Jahr wurden weltweit mehr als 1,3 Milliarden Touristen gezählt. Dabei war erst 2013 die Milliardengrenze erstmals überschritten worden

. Auch in Deutschland wächst die Reiselust. Unternahmen 2010 erst 50 Prozent aller Bundesbürger mindestens eine Urlaubsreise von fünf und mehr Tagen Dauer, stieg der Anteil bis 2017 auf den Rekordwert von 58 Prozent. Allein die Zahl der Flugpassagiere in Deutschland wird sich nach Berechnungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt von 110 Millionen im Jahr 2014 bis 2030 auf 175 Millionen erhöhen.

Dabei geht es nicht allein um Masse. Ziele und Verkehrsmittel haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zuungunsten des Klimas gewandelt. Verbrachte 1954 nicht einmal jeder sechste Deutsche einen Urlaub im Ausland, sind es mittlerweile fast drei Viertel. Der Anteil der Fernreisen hat sich allein seit 2010 auf mehr als 13 Prozent verdoppelt.

Laut einer Allensbach-Umfrage nutzten 2014 rund 43 Prozent der Urlauber mindestens einmal das Flugzeug als Transportmittel und damit doppelt so viele wie noch 1980. Inzwischen trägt der globale Flugverkehr nach Angaben des BUND etwa fünf Prozent zur menschengemachten Klimaerwärmung bei, die Klimaschutzorganisation Atmosfair kommt auf 6,5 Prozent.

Fernzüge und Reisebusse schneiden am besten ab

Wie extrem klimaschädlich das Fliegen ist, zeigt Atmosfair mit einem CO₂-Rechner für Flugverbindungen. Ein Hin- und Rückflug von Frankfurt nach New York zum Beispiel verursacht pro Passagier im Schnitt 3652 Kilogramm Kohlendioxid. Damit ist die Jahresmenge von 2300 Kilogramm pro Kopf und Jahr, die laut Atmosfair noch eben klimaverträglich ist, um fast das Doppelte überschritten.

Zum Vergleich der Straßenverkehr: Bei einer Jahresfahrleistung von 12.000 Kilometern in einem durchschnittlichen Mittelklassewagen werden „nur“ 2000 Kilo CO₂ freigesetzt. Am besten schneiden Fernzüge und Reisebusse ab. Allerdings haben gerade diese beiden Transportmittel seit 1980 Anteile verloren: Damals nutzten 14 Prozent den Bus und 22 Prozent die Bahn im Urlaub, 2014 waren es nur mehr zehn und 13 Prozent.

Lesen Sie auch

Auf Urlaub und Reisen verzichten werden die Menschen gewiss auch in Zukunft nicht. Und das ist gut so. Der Tourismus ist an vielen Orten der Welt ein zentraler Wirtschaftsfaktor und Entwicklungsmotor. Auch die Hoffnung, Reisen möge Herz und Verstand bilden, scheint nicht völlig unbegründet. Sowieso können Regierungen den Menschen das Reisen nicht einfach verbieten, und wenn sie es doch versuchen, fällt irgendwann die Mauer. Was also tun, um Klimaschutz und Reiselaune unter einen Hut zu bringen?

Die eine große Lösung gibt es nicht. Man könnte ja klein anfangen, und umweltschädliche Subventionen wie die Befreiung des Kerosins von der Mineralölsteuer beseitigen. Das fordern Umweltorganisationen und die Bahn seit Jahren. Denn mit der Steuerbefreiung wird der Flugsprit gegenüber Diesel um gut 47 Cent pro Liter bevorteilt.

Eine zweite Subvention betrifft die Flughäfen. In einer Studie konnten acht deutsche Umweltorganisationen zeigen, dass 2014 nur sechs der 16 internationalen deutschen Flughäfen schwarze Zahlen schrieben. Die zehn übrigen sowie weitere 19 Regionalflughäfen machten dagegen dauerhaft Verluste. Viele von ihnen kamen nur dank großzügiger Zuschüsse aus dem Steuersäckel über die Runden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+