Konkurrent Mars übernimmt Spagetti-Marke / Im Werk Bad Fallingbostel rund 50 Arbeitsplätze bedroht Kraft Foods verkauft Mirácoli

Kraft Foods trennt sich von einer seiner populärsten Marken, dem Nudel- und Soßensortiment Mirácoli. Hergestellt wird Mirácoli im Werk in Bad Fallingbostel. Dort hat Werkleiter Carsten Boldt der Belegschaft gestern mitgeteilt, dass Mirácoli künftig vom Konkurrenten Mars produziert wird. Die Maschinen werden bis Ende des Jahres abgebaut. Damit fallen in Bad Fallingbostel voraussichtlich etwa 50 Arbeitsplätze weg.
02.08.2012, 05:00
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Von Annemarie Struss-v. Poellnitz

Kraft Foods trennt sich von einer seiner populärsten Marken, dem Nudel- und Soßensortiment Mirácoli. Hergestellt wird Mirácoli im Werk in Bad Fallingbostel. Dort hat Werkleiter Carsten Boldt der Belegschaft gestern mitgeteilt, dass Mirácoli künftig vom Konkurrenten Mars produziert wird. Die Maschinen werden bis Ende des Jahres abgebaut. Damit fallen in Bad Fallingbostel voraussichtlich etwa 50 Arbeitsplätze weg.

Bremen. Kinder sind bekanntlich wählerisch, was das Essen angeht. Aber Nudeln mit Tomatensoße, das geht eigentlich immer. Wer nicht selber kochen will, greift da gerne zur Fertigpackung, inklusive Soße, Kräutermischung und geriebenem Parmesan. Mirácoli ist in diesem Segment Marktführer. Die gesamte Produktion für den deutschen Markt, mit Ausnahme einiger Soßenbestandteile, kommt bisher aus dem Kraft-Foods-Werk in Bad Fallingbostel. Dort werden außerdem noch Frischkäsemischungen unter der Marke Philadelphia und die Milchzusätze für den Automatenkaffee Tassimo hergestellt.

Gestern nun teilte Werkleiter Carsten Boldt der überraschten Belegschaft mit, dass Mirácoli an den Konkurrenten Mars verkauft wurde. Mars Deutschland ist ein Tochterunternehmen des amerikanischen Familienunternehmens Mars. Sitz der Mars-Holding Deutschland ist Verden. Dort stellt das Unternehmen auch eine seiner wichtigsten Produktlinien her: Heimtiernahrung mit so bekannten Marken wie Whiskas und Pedigree. Mars betritt mit dem Erwerb von Mirácoli aber keineswegs Neuland. Neben Snacks wie Balisto, Twix oder Mars und der Kaugummi-Marke Wrigleys gehören auch Fertigprodukte wie Uncle Ben’s Reis schon lange zum Sortiment. "Wir sind sehr gespannt auf die Möglichkeiten, die sich durch die Integration der Mirácoli-Marke in Mars Foods ergeben werden und freuen uns darauf, die Kategorie italienischer Gerichte weiterzuentwickeln", teilte Cyrille Balmes, General Manager für Mars Food Deutschland gestern mit. Mehr allerdings auch nicht, mit Hinweis auf das Kartellamt, das dieses Geschäft noch genehmigen muss.

Das Sortiment wird neu sortiert

Kraft Foods bestätigte auf Nachfrage lediglich, dass der Vertrag mit Mars gestern unterschrieben wurde. Warum sich der Konzern von der 1961 eingeführten und bisher recht erfolgreichen Marke trennt – dazu kein Wort, lediglich die Andeutung, es handle sich um eine "Portfoliobereinigung". Mirácoli gehört anders als Milka, Jacobs Kaffee und Philadelphia-Käse nicht mehr zu den Kernmarken.

Für die Belegschaft ist das bitter, denn Bad Fallingbostel verliert damit eine wichtige Produktlinie. Da es keinen Ersatz für den Verlust der Marke gibt, müssen voraussichtlich 50 Arbeitsplätze in Bad Fallingbostel abgebaut werden, sagt der Betriebsratsvorsitzende Gerd Siewert. Die Belegschaft habe geschockt reagiert. Allerdings habe man sich schon gewundert, warum es im letzten Jahr, zum 50-jährigen Jubiläum der Marke Mirácoli, keine verstärkten Marketing-Aktivitäten gegeben habe. "Wir müssen jetzt klären, wie die Zukunft des Werkes aussieht", so Siewert.

Die Arbeitsplätze sollen "sozial verträglich" abgebaut werden. Gespräche dazu werden demnächst anlaufen. Betriebsrat und die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) haben erklärt, sie wollten möglichst viele Arbeitsplätze in Fallingbostel erhalten. Dieter Nickel von der Gewerkschaft geht davon aus, dass zunächst die Verträge der Leiharbeitnehmer und der befristeten Beschäftigten auslaufen. Entlassungen bei der Stammbelegschaft werde es wohl nicht geben. "Aber die Arbeitsplätze sind weg", sagt Nickel. "Was ist daran sozial verträglich?" Er befürchtet, dass die Position des Werkes Bad Fallingbostel innerhalb des Konzerns geschwächt wird, wenn es dort nur noch die Marke Philadelphia und die Milchprodukte für Tassimo produziert werden.

Kraft Foods hat allerdings im letzten Jahr insgesamt 20 Millionen Euro in sein größtes deutsches Produktionswerk investiert, vor allem für die Modernisierung der Frischkäseproduktion, was für die Zukunftsfähigkeit des Werkes spricht. Allerdings gibt es auch Gerüchte, die Herstellung von Flüssigmilch-Caps für Tassimo könnte eingestellt und durch Milchpulver ersetzt werden. Das würde dann nicht mehr in Bad Fallingbostel hergestellt. Zu solchen Spekulationen äußerte sich das Unternehmen nicht.

Klar ist auf alle Fälle: Mars wird die Maschinen für die Mirácoli-Produktion bis Ende des Jahres aus Bad Fallingbostel abziehen und Pasta und Soße künftig in einem eigenen Werk, möglicherweise in Holland, herstellen – wenn das Kartellamt nicht noch ein Veto einlegt.

Die großen Lebensmittelkonzerne sind seit einiger Zeit dabei, ihre Sortimente aufzuräumen. Dabei wird munter hin- und herverkauft. Kraft Foods hat in den letzten Jahren die Kekssparte LU vom französischen Konkurrenten Danone gekauft und die britische Schokoladenmarke Cadbury. Das eigene Pizzasortiment ging an Nestlé. Die Schweizer sind noch knapp vor Kraft die Nummer eins der weltgrößten Lebensmittelkonzerne. Kraft hat im letzten Jahr einen Umsatz von 54,4 Milliarden US-Dollar ausgewiesen. Der Gewinn schrumpft allerdings im Verhältnis zum Umsatz. Die Aktionäre sollen nun durch eine Aufspaltung des Konzerns wieder positiv gestimmt werden. Das US-Geschäft, das sich künftig ausschließlich um die herzhaften Lebensmittel kümmern wird, behält den Traditionsnamen Kraft Foods. Marken wie Milka, Jacobs und Phi-ladelphia soll nach der Aufspaltung den Fantasienamen Mondelez bekommen. Snacks und Süßwaren wie Oreo- und Lu-Kekse werden Mondelez International zugeschlagen. Die Umbenennung soll bis Ende dieses Jahres erfolgen und ist mit einer Neuordnung sämtlicher Markenrechte verbunden. Der Verkauf von Mirácoli habe mit der Aufspaltung aber nichts zu tun, versicherte eine Sprecherin.

Kraft Foods

n Kraft Foods ist nach Nestlé der zweitgrößte Lebensmittelkonzern der Welt, mit insgesamt 127000 Beschäftigten. Die Konzernzentrale liegt in Northfield in den USA. In Bremen ist die Zentrale für Deutschland, Österreich und die Schweiz betreibt. 1300 Mitarbeiter arbeiten hier für Kraft Foods. In Niedersachsen betreibt das Unternehmen ein Werk in Bad Fallingbostel. Zu Kraft Foods gehören unter anderem die Marken Milka, Jacobs Kaffee, Toblerone, Cadbury, Miracel Whip, Philadephia und bis gestern Mirácoli.

Kraft Foods verkauft Mirácoli

Konkurrent Mars übernimmt Spagetti-Marke / Im Werk Bad Fallingbostel rund 50 Arbeitsplätze bedroht

n Mars wurde 1911 in Tacoma, einer Hafenstadt im Westen der USA von dem Konditor Frank C. Mars gegründet. Firmensitz ist heute McLean in Virginia. Weltweit hat Mars 70000 Beschäftigte, davon 2200 in Deutschland, in den sechs Geschäftsbereichen Schokolade (Mars, Twix, Balisto), Heimtiernahrung (Whiskas, Pedigree), Lebensmittel (Uncle Ben’s) Getränke (Flavia), Kaugummi (Wrigleys) und Pflanzenpflege (Seramis). Produktionsstandorte sind in Verden, Minden, Viersen, Unterhaching und in Mogendorf.

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