Ende einer langen Übernahmeschlacht Kraft schluckt Cadbury

London·Bremen. Fast ein halbes Jahr hat die Übernahmeschlacht gedauert. Jetzt ist Kraft Foods endlich am Ziel: Nachdem der US-Lebensmittelkonzern sein Angebot an den britischen Schokoladenhersteller Cadbury um eine Milliarde Euro aufgebessert hatte, gab Cadbury nach.
19.01.2010, 19:10
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Alexei Makartsev und Annemarie Struss-V.Poellnitz

London·Bremen. Fast ein halbes Jahr hat die Übernahmeschlacht gedauert. Jetzt ist Kraft Foods endlich am Ziel: Nachdem der US-Lebensmittelkonzern sein Angebot an den britischen Schokoladenhersteller Cadbury um eine Milliarde Euro aufgebessert hatte, gab Cadbury nach. Durch die Fusion wird Kraft die Nummer eins unter den Süßwarenherstellern, vor Mars-Wrigley und Nestlé. Die Arbeitnehmer befürchten wegen der hohen Kosten allerdings weitere Sparmaßnahmen.

Eine Kombination mit Cadbury biete bedeutende Möglichkeiten zur Kostenersparnis und für Synergien, von denen auch die Anteilseigner von Cadbury profitieren würden, teilte Kraft-Chefin Irene Rosenfeld gestern mit. Die Märkte der beiden Unternehmen würden sich ideal ergänzen. Durch die Übernahme werde man in wichtigen Zukunftsmärkten wie Brasilien, Russland, Indien und China eine führende Marktposition erreichen.

'Es ist großartig, dass Kraft Foods diesen Schritt gegangen ist', sagte die Sprecherin von Kraft Foods Deutschland, Silke Trösch. Mögliche Konsequenzen für die Deutschland-Tochter des US-Konzerns werden aber nicht kommentiert. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG), Franz-Josef Möllenberg, der auch im Aufsichtsrat von Kraft Foods Deutschland sitzt, begrüßte den Kauf ebenfalls, wandte sich aber entschieden gegen mögliche Pläne, die Beschäftigten über weitere Sparmaßnahmen den Preis dafür zahlen zu lassen (siehe nebenstehendes Interview). Noch ist der Deal nicht völlig in trockenen Tüchern. Konkurrent Hershey könnte Kraft überbieten, Kraft-Großaktionär Bershire Hatheway, die Investmentfirma von Warren Buffett, sich quer legen. Aber damit rechnet eigentlich niemand. Die Briten werden sich wohl damit abfinden müssen, dass Cadbury seine Selbstständigkeit verliert.

In einem Werbeclip des englischen Schokoladenherstellers trommelt ein Gorilla den Takt zu einem Hit von Phil Collins. Der Songtext 'Can you feel it coming in the air tonight?' passte perfekt zum aufregenden Finale einer sechs Monate langen britisch-amerikanischen Übernahmeschlacht um Cadbury, in der das 186-jährige Traditionsunternehmen aus Birmingham aller Voraussicht nach unter dem Kommando des US-Lebensmittelriesen Kraft Foods ein Stück seiner Identität aufgeben wird.

Sie fühlten es bestimmt am Montagabend 'in der Luft liegen', die Aktionäre von Cadbury, die mit Spannung das Ergebnis der nächtlichen Verhandlungen mit Kraft-Vertretern erwarteten. Die Gerüchte über eine großzügige Offerte für die erfolgreiche Schokofirma hatten sich gestern in den Morgenstunden in der Londoner City materialisiert. Kraft ist bereit, für jede Cadbury-Aktie 840 Pence zu bezahlen, davon 500 Pence in bar und den Rest mit eigenen Aktien. Das entspricht einem Angebot von 11,5 Milliarden Pfund (13,1 Milliarden Euro) für die Firma, die 45 000 Menschen in 60 Ländern beschäftigt.

Als Kraft im August 2009 seinen ersten feindlichen Übernahmeversuch von Cadbury gestartet hatte, war die 'Beute' den Amerikanern noch 10,4 Milliarden Pfund wert. Angesichts des neuen Preises gab das Cadbury-Management gestern seinen Widerstand gegen den Verkauf auf und empfahl den Aktionären, dem Deal zuzustimmen. Sollte er, wie erwartet, Anfang Februar über die Bühne gehen, bekommt der weltweit führende Lebensmittel-Konzern Nestlé einen neuen mächtigen Konkurrenten mit einem geschätzten Umsatz von 50 Milliarden Dollar, der den Schweizern insbesondere den Süßwarenmarkt streitig machen könnte.

Es war ein turbulentes Halbjahr für Cadbury, dessen Verwaltungsratschef Roger Carr das erste Angebot der US-Firma am 28. August als 'lächerlich' abgelehnt hatte. So groß war die Unmut der Briten darüber, dass die Fans der 'Dairy Milk'-Schokolade und des Trident-Kaugummis auf die Straße gingen, um Werbesongs von Cadbury zu trällern und gemeinsam kiloweise Schokoriegel zu verschlingen. Ein Dichter in Birmingham schrieb eine Ode an das bedrohte Unternehmen, die Gewerkschaftler sammelten Unterschriften unter einer Petition an Gordon Brown. Und im Westminster-Parlament versuchte ein Häufchen Abgeordneter gar ein Gesetz durchzusetzen, wonach die Regierung für Cadbury ein 'innovatives Unternehmen' in England finden sollte.

Der Widerstand gegen die Interessenten aus den USA war nicht nur deswegen so groß, weil die britische Schokofirma als ein profitables Unternehmen keinen 'Retter' braucht. Die Briten befürchten, dass der neue Eigentümer kein Verständnis für die starken philanthropischen Traditionen von Cadbury haben würde, wo sich die meisten Beschäftigten ehrenamtlich in sozialen Projekten engagieren. Der drohende Verlust von Arbeitsplätzen ist ein anderer Grund zur Sorge. Die Gewerkschaft Unite befürchtet, dass Cadbury nach der Übernahme gezwungen werden könnte, 7000 Jobs ins billigere Ausland zu verlagern.

'Wir sind entschlossen, Stellen zu sichern', sagt Premierminister Gordon Brown, und sein Wirtschaftsminister Peter Mandelson fordert baldige Verhandlungen über die Zukunft der zwei Cadbury-Standorte Bournville und Keynsham. Tatsächlich sind jedoch die Möglichkeiten der Politiker begrenzt. Zwar könnten noch die Aktionäre den Verkauf verhindern. Allerdings wird der neue Preis für die meisten wohl zu verlockend sein. Kraft muss Kredite in Höhe von sieben Milliarden Pfund aufnehmen, um die Übernahme finanzieren zu können. Manche Analysten glauben, dass der US-Konzern mit 98000 Beschäftigten in Zukunft Stellen kürzen wird, um die Schuldenlast zu mindern.

'Es ist entsetzlich', kommentierte gestern ein Mitglied der Cadbury-Familie die Nachricht vom möglichen Verkauf der Firma an die Amerikaner. Ein urenglisches, 'menschenfreundliches' Unternehmen habe mit einer 'Plastikkäsefirma' nichts gemeinsam, schimpfte Felicity Loudon.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+