Bremens erste Wirtschaftssenatorin

Kristina Vogt: Die linke Pragmatikerin

Kristina Vogt genießt in der Wirtschaft ein hohes Ansehen – Skepsis gibt es aber teils deutlich gegenüber ihrer Partei. Wie gut ist Vogt mit den Unternehmen und Verbänden verdrahtet?
09.08.2019, 20:55
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Kristina Vogt: Die linke Pragmatikerin
Von Lisa Boekhoff
Kristina Vogt: Die linke Pragmatikerin

Kristina Vogt draußen vor ihrer neuen Wirkungsstätte im Wirtschaftsressort an der Schlachte. Zum Auftakt will sie vor allem aber auch Unternehmen besuchen.

Frank Thomas Koch

Und dann taucht es wieder auf. Natürlich. Es ist das Wort, das in allen Gesprächen über Kristina Vogt irgendwann fällt: pragmatisch. Bremens künftige Wirtschaftssenatorin beschreibt sich selbst gerne so – schon im Wahlkampf für die Bürgerschaft hat sie das getan. Zu ihrer neuen Aufgabe passt die Eigenschaft.

Vertretern der Wirtschaft scheint die pragmatische Herangehensweise Vogts besonders wichtig zu sein – vielleicht gerade, weil sie Politikerin der Linkspartei ist. Zu einigen Unternehmen und Verbänden hat Kristina Vogt bereits einen persönlichen Draht. Vorbei sind die Zeiten der Berührungsängste, in denen Vogt wegen ihrer Partei zu Veranstaltungen in Bremen nicht eingeladen wurde.

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„Ich habe keinen Zweifel, dass wir gut zusammenarbeiten werden“, sagt Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Lande Bremen, der Kristina Vogt schon öfter getroffen hat. Vogt werde sich Zeit nehmen für Gespräche, Meinungen abwägen und kluge Entscheidungen treffen. „Ich schätze sie als Person uneingeschränkt. Die künftige Wirtschaftssenatorin ist pragmatisch und kann zuhören.“ Wer schon zu Vogt in Verbindung stehe, der erlebe sie als angenehme Gesprächspartnerin. Sein persönlicher Eindruck sei allerdings, dass viele in der Wirtschaft sie noch nicht kennen. Die seien deshalb noch in abwartender Haltung: „Na, wir schauen mal, was kommt.“

Einen positiven Eindruck hat auch Birgit van Aken gewonnen. „Ich habe gemeinsam mit Bremer Unternehmerinnen Frau Vogt als eine sehr pragmatische und authentische Politikerin kennengelernt, die die Anliegen der Wirtschaft hört und versteht“, sagt die Vorsitzende des Verbands deutscher Unternehmerinnen Bremen-Weser-Ems. „Wir vertrauen daher darauf, dass die aktuelle Regierung im Sinne der Bürger und Unternehmen für einen wirtschaftsfreundlichen Rahmen sorgen wird.“

Auf den Posten als Wirtschaftssenatorin vorbereitet

Zufall ist es nicht, dass die Politikerin gerade Wirtschaftssenatorin wird. Vogt hat sich, wie es ihr oft nachgesagt wird, auch in diesem Fall vorbereitet. Schon in der vergangenen Legislaturperiode habe sie sich intensiv etwa mit der Digitalisierung und den Chancen und Risiken für die Bremer Wirtschaft beschäftigt, sagt Vogt. Im Herbst vergangenen Jahres stellte die Linkspartei Ideen für den Standort Bremen vor. Ganz selbstverständlich lud Vogt dazu nicht nur ihren Amtsvorgänger Martin Günthner (SPD) ein, sondern auch den damaligen Präses der Handelskammer, Harald Emigholz.

Im Wahlkampf ließ Vogt immer wieder mal durchblicken, dass sie sich die Aufgabe als Wirtschaftssenatorin vorstellen kann – und gerade nicht die als Bildungssenatorin. „Es ist kein Geheimnis gewesen, dass ich durchaus Ambitionen habe, in diesem Bereich als Senatorin tätig zu sein.“ Bisher habe sie gerade zu kleinen und mittelgroßen Unternehmen sowie deren Verbänden Kontakt gehabt. Was sie daraus mitgenommen hat: „Wir werden hier zu wenig wahrgenommen“, erzählt Vogt. Zu den großen Industrieunternehmen Bremens habe es tatsächlich derzeit weniger einen Draht gegeben – eher zu deren Belegschaft oder Betriebsräten. „Das wird sich aber auch ändern. Klar werde ich in der ersten Zeit ganz viele Besuche unternehmen und das Gespräch suchen.“ Antrittsbesuche bei Airbus und OHB stünden zum Beispiel an.

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Während es für Vogt Anerkennung für ihr Auftreten gibt, ist auch Skepsis oder sogar Furcht gegenüber ihrer Partei zu vernehmen. Extreme Positionen zur Verstaatlichung von Unternehmen oder zur Mietpreisbremse bereiten einem Vertreter der Bremer Wirtschaft, der nicht genannt werden will, nach eigener Aussage Angst: „Da gehen bei mir alle Warnlampen an.“ Gegen Vogt sei als Person nichts zu sagen. „Aber sie ist auch Mitglied einer Partei.“

Dass es auf Vogt einen anderen Blick als auf ihre Partei gibt, das meint auch der Unternehmer und ehemalige Präses der Handelskammer Christoph Weiss. Die Wirtschaft sei offen gegenüber Vogt. „Das steht aber im diametralen Gegensatz zur Erwartung an die Partei.“ Kristina Vogt sei sehr engagiert und versuche, mit der Wirtschaft ins Gespräch zu kommen, beobachtet Weiss. „Sie macht einen authentischen Eindruck.“ Und weiter: „Pragmatismus ist immer besser als Ideologie.“ Ob sie sich am Ende aber durchsetzen könne? Weiss, der in die neue Bürgerschaft als Abgeordneter für die CDU einzieht, ist sich da nicht sicher. Kommentare der Linkspartei zur Ausbildungsumlage lösten bei ihm Unbehagen aus.

Keine linke Politik gegen die Wirtschaft

Dagegen zeigt sich Neumann-Redlin optimistisch: „Der Bürgermeister und die Senatorin werden nicht in die Falle tappen, linke Politik gegen die Wirtschaft zu machen.“ Nichtsdestotrotz geht er davon aus, dass es auch grundlegende Meinungsverschiedenheiten geben wird – gerade weil es eine große Erwartungshaltung in der Basis der Linkspartei gebe. Der Chef der Unternehmensverbände ist jedoch sicher: Vogt werde keine Maximalpositionen vertreten. In seiner Wahrnehmung gibt es keine Ängste, weil nun eine linke Politikerin Wirtschaftssenatorin sei.

„Es gibt eine gesunde Skepsis bei mir persönlich und den Unternehmen“, fasst Jens Lütjen, geschäftsführender Gesellschafter des Immobilienunternehmens Robert C. Spies, seinen Blick auf Kristina Vogt zusammen. Genauso gebe es aber eine Offenheit gegenüber der Politikerin, „die wir in der Bremer Wirtschaft grundsätzlich haben“. In der Vergangenheit sei es „desillusionierend“ gewesen, welche Bedeutung die Regierung der Wirtschaft beigemessen habe – womit er aber ausdrücklich nicht Martin Günthner oder den Staatsrat Ekkehart Siering meine. Die Wirtschaft habe sich teils als „nützliches Übel“ empfunden. Lütjen sieht nun die Chance für einen Neuanfang: „Ich hoffe auf einen stärkeren Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft. Es geht nur im Miteinander.“

Kristina Vogt freut sich nach vielen Gesprächen und nach viel Vorbereitung auf ihren Amtsantritt. „Es fängt langsam richtig an zu kribbeln. Ideen gibt es genug.“

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Erste Aufgaben

Als neue Wirtschaftssenatorin will Kristina Vogt das Thema Ausbildung schnell angehen. Sofort müsse der Dialog mit der Wirtschaft aufgenommen werden. „Die Bremer Vereinbarung ist im Grunde gescheitert“, konstatiert Vogt. Es gebe in Bremen zwei Probleme: Einige Betriebe – gerade im Handwerk – suchten händeringend Auszubildende, fänden aber keine qualifizierten Bewerber. Außerdem kämen zugleich zu viele Jugendliche von der Schule nicht in die Ausbildung. Wenn für diese Probleme im Gespräch mit den Unternehmen und der Arbeitsagentur keine Lösung gefunden werde, sei der Ausbildungsfonds von allen drei Koalitionspartnern gewollt.

„Vorher ist noch jede Menge Zeit für Gespräche“, sagt Vogt jedoch. Sie setze auf eine freiwillige Vereinbarung. Als neue Wirtschaftssenatorin will Kristina Vogt daneben die Förderung von Gründerinnen im Starthaus gezielter angehen. „Dafür braucht es auch eine andere Ansprache.“ Vorbereitet werden müsse zudem schon zügig, kleine und mittelgroße Unternehmen bei der Digitalisierung zu unterstützen. „Dieses Digitalisierungsprogramm war uns als Linke sehr wichtig.“

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