Die E-Motion-Factory zeichnet für den Kultursender Arte Konzert- und Schauspielaufführungen auf

Kunst auf Film gebannt

Wenn Roland Mayer, Geschäftsführer der E-Motion-Factory, mit seiner Partnerin Barbara Thiel für den Kultursender Arte Inszenierungen an der Hamburgischen Staatsoper oder am Thalia Theater aufzeichnet, dann staunen die Hamburger nicht schlecht. Denn über das Know-how der Bremer Film- und Fernsehproduktionsfirma verfügt in ganz Europa mal gerade eine Handvoll von Unternehmen. Auch für das Musikfest Bremen arbeiten Mayer und Thiel regelmäßig. Darüber hinaus drehen sie Image-Filme für die bremische Wirtschaft .
24.06.2012, 05:00
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Von Sigrid Schuer

Wenn Roland Mayer, Geschäftsführer der E-Motion-Factory, mit seiner Partnerin Barbara Thiel für den Kultursender Arte Inszenierungen an der Hamburgischen Staatsoper oder am Thalia Theater aufzeichnet, dann staunen die Hamburger nicht schlecht. Denn über das Know-how der Bremer Film- und Fernsehproduktionsfirma verfügt in ganz Europa mal gerade eine Handvoll von Unternehmen. Auch für das Musikfest Bremen arbeiten Mayer und Thiel regelmäßig. Darüber hinaus drehen sie Image-Filme für die bremische Wirtschaft .

Bremen. "Wir sind vor zwanzig Jahren mit dem Konzept angetreten, Inhalte zu produzieren und nicht nur Dienstleister zu sein. Wir haben nie nur nach dem schnellen Geld geguckt, sondern gerade auch die Jobs realisiert, die uns Spaß machen", sagt Roland Mayer. "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit", dieses geflügelte Wort von Karl Valentin trifft die Arbeitsrealität der E-Motion-Factory ziemlich genau.

Eine der größten Herausforderungen, die sie in der Firmengeschichte zu bewältigen hatten, war die Live-Schaltung zwischen 17 verschiedenen europäischen Standorten für das hundertjährige Jubiläum des Unternehmens Burmah Oil, die sie im Musical Theater am Hamburger Hafen realisierten: "Da hatten wir hundert Leute im Einsatz", erinnert sich Mayer. Ein weiterer Kraftakt war ein Mitschnitt von acht Konzerten für einen Privatfernsehsender in nur 23 Tagen. Zwar war dieser Auftrag unter dem Strich kein wirtschaftlicher Erfolg, aber der Norddeutsche Rundfunk zeigte sich so beeindruckt vom Einsatz der E-Motion-Factory-Crew, dass er sie unter Vertrag nahm.

Bei Konzertmitschnitten und bei der Aufzeichnung von Opern- und Theaterproduktionen für das Fernsehen ist ein Höchstmaß an Fingerspitzengefühl gefragt. "Ganz häufig stoßen wir erst mal auf Skepsis", erzählt Barbara Thiel. "Das schönste Kompliment ist es dann für uns, wenn man uns auf der Premierenfeier sagt: ’Euch hat man ja gar nicht gespürt’". In Kiel, wo sie gerade für ein Arte-Feature die von Jugendlichen komponierte Oper "Kalif Storch" aufzeichneten, habe man sie nach dem Dreh regelrecht vermisst.

Ob die Protagonisten in Jette Steckels Inszenierung von Schillers "Don Carlos" am Hamburger Thalia Theater oder eben das Ensemble im "Kalif Storch", immer sind alle Künstlerinnen und Künstler, von der Dirigentin bis zur Regisseurin, verkabelt. "Sie müssen es hinnehmen, dass das Film-Team um sie herumtanzt. In Kiel haben wir allein 22 Interviews geführt", erzählt Barbara Thiel.

Sie und Roland Mayer wissen, wie Künstler ticken, denn sie kommen selbst aus dem künstlerischen Bereich. "Das gibt dann weniger Stress mit den Leuten vor Ort", sagt Mayer. Bis 1989 studierte er das Fach Freie Kunst. "Ich hätte mir allerdings auch vorstellen können, Schriftsteller zu werden", erzählt der Geschäftsführer. Doch 1984, bei seinem ersten Einsatz als Kabelhilfe bei der ZDF-Show "Wetten dass ...?", leckte er sozusagen Blut. Er richtete sein Kunststudium auf den Schwerpunkt Film aus und lernte die Berufsfelder Kameramann, Cutter, Aufnahme- und Produktionsleiter von der Pike auf.

Während ihres Studiums an der Hochschule für Künste Bremen lernten sich Roland Mayer und Barbara Thiel kennen. Die Autorin und Produktionsleiterin, die zunächst an der Universität Köln Philosophie, Politik und Geschichte studierte, bevor sie für ihr Aufbaustudium der Freien Malerei mit Schwerpunkt Film nach Bremen wechselte, hatte einen ganz ähnlichen Weg wie Roland Mayer eingeschlagen. Für beide birgt das Medium Film das größte Potenzial zum Gesamtkunstwerk: "Der Film kann einfach mehr, wenn gute Texte und gute Musik zusammenfließen. Der Film ist eine der komplexesten Künste überhaupt", sagt Barbara Thiel.

Dass das Filmproduktionsteam selbst künstlerisch tickt, wissen besonders Künstlerinnen wie die Ausnahme-Pianistin Hélène Grimaud zu schätzen, deren Auszeichnung mit dem Musikfestpreis in der Oberen Rathaushalle die E-Motion-Factory 2009 dokumentierte, oder auch die Opern-Diva Jessye Norman. "Die Künstler haben für uns absolute Priorität. Sie haben immer das letzte Wort. Wir nehmen sie ernst", betont Roland Mayer.

Unlängst begleitete die Film-Crew die französische Sopranistin Patricia Petibon, die an allen renommierten Opernhäusern große Erfolge feiert und am 2. September auch beim Musikfest Bremen als Susanna in Mozarts "Hochzeit des Figaro" zu erleben sein wird, für ein Arte-Porträt bei ihrem Auftritt in Lissabon.

Fingerspitzengefühl ist auch bei der manuellen Steuerung von Kameras gefragt. "Das ist ein großer Qualitätssprung im Vergleich zu der Arbeit mit einer fernbedienten Kamera via Joystick, die die deutlich langweiligeren Einstellungen einfängt", erklärt Roland Mayer. Gerade mal eine Handvoll Produktionsfirmen können das in ganz Europa, die E-Motion-Factory, die schwerpunktmäßig in Frankreich, Deutschland, Österreich und Norditalien arbeitet, ist eine davon.

Ihr Mitarbeiter-Stab, der vis à vis des Speichers XI sitzt, dem Domizil der Hochschule für Künste, umfasst im Kern eine ausgewählte, kleine Gruppe von acht Spezialisten. Tendenz steigend: "Wir wachsen", sagt Roland Mayer.

Ein Opern- oder Konzertmitschnitt muss in wochenlanger Arbeit akribisch vorbereitet werden. Denn am Set ist größte Genauigkeit trotz zeitlichen Drucks gefragt. Der Dreh, bei dem bis zu zwölf Kameras eingesetzt werden, muss in zwei bis drei Tagen im Kasten sein. Das lässt sich nicht immer mit der bordeigenen Crew realisieren. Für den nächsten Großauftrag, die Aufzeichnung der Puccini-Oper "Madame Butterfly" an der Hamburgischen Staatsoper, hat der Geschäftsführer deswegen eigens einen Regisseur eingekauft. Kameras dirigieren, eine Aufgabe, die Roland Mayer als Produktionsleiter sonst gern selbst übernimmt. "Dann habe ich mit einem Regie-Assistenten einen Partiturleser an meiner Seite. Opernpartituren, in die spezielle Anmerkungen für die Kameraführung hineingeschrieben werden, kann ich allerdings inzwischen auch selber lesen. Der Bildmischer entscheidet dann, welches Bild gesendet wird." Die Aufgabenverteilungen sind von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Oft übernimmt Barbara Thiel die Schnittregie und führt Interviews.

Stets sind die Spezialisten filmtechnisch auf der Höhe der Zeit. Die Veranstaltung "Respect", ein musikalischer Appell, mehr Toleranz in einer multikulturellen Gesellschaft zu zeigen, die in der Oberen Rathaushalle stattfand, wurde per Live-Stream direkt ins Internet übertragen. Ende Juni zeichnet die E-Motion-Factory-Crew die Jazz Baltica an der Ostsee per Stream für das Arte-Live-Web auf. Die Filmleute sind aber auch stets bei den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen dabei.

Wie in nahezu jedem erfolgreichen Unternehmen, gilt auch für die E-Motion-Factory: Die Mischung macht’s. Die Film-Produktionsfirma ist breit aufgestellt und dreht neben Spielfilmen und Wissenschaftsfilmen sowie einer Serie über die deutsche Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Piper Verlag, auch Schulungs- und Image-Filme für die bremische Wirtschaft, beispielsweise für EADS oder die Sparkasse.

Und auch ein weiterer Filmerfolg, der sich sehr gut verkaufte, geht auf ihr Konto: Das Porträt des legendären Bremer Varietés Astoria, das sie mal eben so spontan zwischendurch auf Low-Budget-Basis drehten.

Kunst auf Film gebannt

Die E-Motion-Factory zeichnet für den Kultursender Arte Konzert- und Schauspielaufführungen auf

Zitat:

"Die Künstler

haben immer

das letzte Wort"

Roland Mayer

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