Zwischen Kurzarbeit und Großaufträgen

Labore sehen sich nicht als Gewinner in der Corona-Krise

Medizinische Labore, die keine Infektionsdiagnostik anbieten, haben derzeit weniger zu tun. Alle anderen haben viel riskiert und investiert, Personal eingestellt, um die Coronatests zu bewältigen.
22.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gregor Bauernfeind und Justus Randt
Labore sehen sich nicht als Gewinner in der Corona-Krise

Die Corona-Pandemie beschert vielen Laboren reichlich Arbeit – aber das Virus hat auch geschäftliche Einbrüche verursacht.

Uwe Anspach /dpa

Neues Personal, teure Labortechnik, Materialvorräte: Viele Labore haben seit März kräftig investiert, um die Ausweitung der Teststrategie in der Corona-Pandemie stemmen zu können. Auf Bundesebene haben spezialisierte Labore von der gestiegenen Nachfrage profitiert. Die Betreiber Bremer Labore beurteilen die Lage zurückhaltender. Bei manchen war zwischenzeitlich auch Kurzarbeit angesagt – weil Arztpraxen und Krankenhäuser weniger Patienten mit anderen Krankheiten behandelten.

Um Tests auf das Coronavirus anbieten zu können, hätten viele schon frühzeitig zusätzliches Personal eingestellt und sechs- bis siebenstellige Beträge in die notwendige Ausrüstung investiert, heißt es vom Verband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM), dem auch der Laborverbund „Dr. Kramer und Kollegen“, LADR, angehört. „Auch wir haben drei Wochen Kurzarbeit gemacht, weil sich die Auftragslage verschoben hat“, sagt Professorin Mariam Klouche, die ärztliche Leiterin und Geschäftsführerin des Bremer LADR-Labors.

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„Wir sind schon immer spezialisiert auf Infektionserkrankungen, versorgen acht Krankenhäuser und die Hälfte der niedergelassenen Ärzte in Bremen. Der Vorteil ist, dass wir schnell Corona-Diagnostik machen konnten.“ Der Nachteil: „Wenn Corona morgen zu Ende ist, habe ich eine Rieseninvestitionssumme, die sich nicht trägt.“ Die Belegschaft für die Spezialdiagnostik sei schließlich auf das Zweieinhalbfache vergrößert worden.

Allein in den Monaten März bis April sind laut ALM bundesweit die Testkapazitäten um das Neunfache gesteigert worden. Die Ausweitung der Teststrategie etwa in Bayern und die Testpflicht für Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten haben den Testbedarf demnach weiter erhöht – innerhalb von wenigen Wochen um mehr als 40 Prozent. Die Auslastung der Labore ist laut ALM rasch auf 67 Prozent der kurzfristig verfügbaren Maximal-Test-Kapazität gestiegen.

Normales Laborgeschäft um die Hälfte eingebrochen

Für Andreas Gerritzen, ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des Medizinischen Labors Bremen, eines weiteren ALM-Mitgliedes, ist klar: „Einen Boom gibt es nur, was die Corona-Analyse betrifft. Das ganze normale Laborgeschäft ist um die Hälfte eingebrochen.“ Im Mai und Juni sei kurzgearbeitet worden. „Allmählich pendelt sich das wieder ein, aber wir kommen aus einem sehr tiefen Tal und haben große wirtschaftliche Verluste erlitten“, sagt Gerritzen. 30 Prozent mehr Personal seien eingestellt worden.

150 niedergelassene Labore in Deutschland werteten derzeit Corona-Tests aus, sagt Theo Stein, stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Laborärzte (BDL). „Dem einen oder anderen Labor dürfte Corona einen Gewinnzuwachs bringen.“ Die Lage sei jedoch uneinheitlich: Während sich einige Labore auf Corona-Tests spezialisiert hätten, verfügten rund 30 Prozent von ihnen nicht über die notwendige Technik. Gerade kleinere Labore schreckten vor den hohen Investitionen zurück.

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„Wir haben enorm investiert, haben Externe eingestellt, Interne umstrukturiert“, sagt Professorin Mariam Klouche. „Unsere Intensivpatienten beschäftigen uns mehr als die Urlaubsheimkehrer. Es gibt weltweit nicht genug Kapazitäten, um alle, für die das politisch gewollt ist, zu testen. Es sind die gleichen Laborreagenzien wie für andere genetische Virusbestimmungen – zum Beispiel Hepatitis B und C und HIV.“ Auch Gerritzen spricht von „erheblichen Lieferengpässen“ bei den Reagenzien.

Vor allem am Anfang der Pandemie mussten Labore Kurzarbeit anmelden oder ihre Mitarbeiter Überstunden abbauen lassen. Grund dafür sei, dass Arztpraxen bis zu 70 Prozent weniger Patienten behandelt hätten. Dementsprechend sei auch der Bedarf an Labordiagnostik stark zurückgegangen, sagt BDL-Vertreter Theo Stein. Staatliche Hilfen würden einen Teil der Verluste ausgleichen. Mariam Klouche beklagt die Folgen davon, dass sich viele offenbar nicht in die Praxen getraut hätten: „Das hat dazu geführt, dass viele wichtige Krankheiten heute unterdiagnostiziert sind. Wir haben zum Beispiel mit schweren bakteriellen Lungenentzündungen zu tun, weil Leute nicht beim Arzt waren.“

Absenkung der Vergütung für Corona-Tests

Ähnlich wie Stein vom Bund der Laborärzte sieht der ALM-Verband die Absenkung der Vergütung für Corona-Tests kritisch. Der Bewertungsausschuss unter anderem aus Vertretern der gesetzlichen Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hatte die Preise zum 1. Juli neu festgelegt. Seitdem erhalten Labore für Corona-Tests, die von niedergelassenen Ärzten bei der Behandlung veranlasst werden, rund 39 Euro. Zuvor waren es 59 Euro. Krankenhäuser erhalten für die Labordiagnostik 42 Euro inklusive Transportpauschale.

„Wir haben einen sachgerechten Preis gefunden, der die Entwicklung in den Laboren von vereinzelten Tests hin zu Massentestungen widerspiegelt“, hatte Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen, im Juni gesagt. Nach Ansicht von ALM ist die Kürzung der festgelegten Vergütungen um rund 30 Prozent „ohne Kalkulationsgrundlage“. Wie sich die Pandemie in wirtschaftlicher Hinsicht auf die Labore auswirke, die Corona-Diagnostik eingeführt haben, lasse sich wohl erst Ende 2020 sagen.

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