Energie-Agentur-Chef Kohler zum Konflikt um neue Stromleitungen und zu den Kosten für Verbraucher Lange Verfahren behindern den Netzausbau

Um den Anteil der Ökoenergie an der deutschen Stromversorgung bis 2025 auf knapp 40 Prozent zu erhöhen, müssen in Deutschland Tausende Kilometer neue Leitungen installiert werden, hat die Deutsche Energie-Agentur dena ermittelt. Petra Sigge sprach mit dem dena-Geschäftsführer Stephan Kohler über die Kosten für die Verbraucher und die Widerstände in der Bevölkerung.
04.12.2010, 05:00
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Um den Anteil der Ökoenergie an der deutschen Stromversorgung bis 2025 auf knapp 40 Prozent zu erhöhen, müssen in Deutschland Tausende Kilometer neue Leitungen installiert werden, hat die Deutsche Energie-Agentur dena ermittelt. Petra Sigge sprach mit dem dena-Geschäftsführer Stephan Kohler über die Kosten für die Verbraucher und die Widerstände in der Bevölkerung.

Zehn Milliarden Euro würde nach Ihrer Netzstudie die günstigste Variante kosten. Dazu müssten 3600 Kilometer Freileitungen gebaut werden - gegen die sich viele betroffene Bürger wehren. Gibt es Alternativen?

Stephan Kohler: Das Problem ist, dass die Windenergie, um die es ja vorrangig geht, hauptsächlich im Norden und künftig offshore in Nord- und Ostsee erzeugt wird. Sie muss zu den Verbrauchern transportiert werden, die vor allem im Ruhrgebiet und in Süddeutschland sitzen. Dazu reichen die vorhandenen Leitungskapazitäten aber bei Weitem nicht aus. Nimmt man für den Ausbau keine Freileitungen, sondern Hochtemperaturleitseile, bräuchte man nur 1700 Kilometer neu. Am Ende stünden allerdings deutlich höhere Kosten von rund 17 Milliarden Euro. Die teuerste Variante ist die Verlegung der Kabel unter die Erde. Das wären Ausgaben zwischen 22 und 29 Milliarden Euro. Wir sollten aus diesen Alternativen die kostengünstige Variante auswählen, die auf die größte Akzeptanz trifft.

Kosten, die sich am Ende ja auf der Rechnung der Verbraucher wiederfinden werden. Können Sie sagen, in welcher Höhe?

Je nachdem, ob man die günstigste Variante oder die teuren Erdkabel wählt, sind es 0,2 bis 0,5 Cent pro Kilowattstunde - bei einem Gesamtstrompreis von derzeit 24 Cent je Kilowattstunde für Haushaltskunden. Die Industriestrompreise liegen natürlich deutlich niedriger.

Kritiker bemängeln, dass es heute schon Netzengpässe gibt und Windstrom außen vor bleibt, weil Atomkraft die Leitungen verstopft. Wird mit der Laufzeitverlängerung dieses Problem nicht noch verschärft?

Dieses Argument halte ich für nicht stichhaltig. Laut Gesetz müssen die Atomkraftwerke wie auch die anderen konventionellen Kraftwerke zurückgefahren werden, um vorrangig Strom aus Wind- und Solarkraftanlagen einspeisen zu können. Und genau das haben wir auch in unserer Studie unterstellt.

Aber in der Praxis funktioniert das offenbar nicht immer. Es ist doch auch heute schon so, dass nicht der komplette Windstrom eingespeist werden kann und die Netzbetreiber deshalb Entschädigungen an die Windmüller zahlen müssen. Geld, das wiederum auf die Stromrechnung aufgeschlagen wird.

Es stimmt, dass derzeit in bestimmten Regionen ungefähr zehn Prozent der möglichen Windstromproduktion abgeregelt werden - aber nicht wegen der Atomkraftwerke, sondern weil die Netze nicht vorhanden sind. In den neuen Bundesländern etwa steht kein einziges Kernkraftwerk, gleichzeitig wird dort aber jede Menge Windenergie zugebaut. Viel mehr als dort verbraucht wird. Deshalb muss das Leitungsnetz in großem Umfang ausgebaut werden, um den Strom vom Osten in den Westen zu transportieren.

In der letzten Studie von 2005 war die dena noch von einem Trassenbedarf von 850 Kilometern bis 2015 ausgegangen. Bisher sind davon aber gerade mal 90 Kilometer realisiert. Woran liegt's?

Die 850 Kilometer benötigen wir für einen Anteil von 20 Prozent regenerativer Stromerzeugung bis zum Jahr 2015. Das Hauptproblem ist der massive Widerstand in der Bevölkerung. Da gibt es eben viele - was man ja auch verstehen kann -, die die Masten und Leitungen nicht vor der Nase haben wollen. Deshalb ziehen sich die Genehmigungsverfahren in der Regel über acht bis zehn Jahre hin.

Und warum verlegt man die Kabel dann nicht gleich unter der Erde, wenn der Unterschied im Endpreis für die Verbraucher gerade mal 0,3 Cent ausmacht?

Unterirdisch verlegte Leitungen sind nicht nur teuer, sondern stellen auch einen Eingriff in die Natur dar und sind auch deutlich störanfälliger. Deshalb empfehlen wir, Erdkabelsysteme nur dann zu nutzen, wenn es unbedingt notwendig ist. An bestimmten neuralgischen Punkten wird das auch gemacht. Zum Beispiel am Rennsteig in Ostdeutschland, einem landschaftlich besonders schönen Gebiet.

Hätte der Gesetzgeber denn die Möglichkeit, die Verfahren zu beschleunigen?

Es gibt ja schon das Energieleitungsausbaubeschleunigungsgesetz. Indem man einfach eine Gerichtsstufe gestrichen hat, wurde das Verfahren im Schnitt um ein Jahr verkürzt. Ich halte aber nichts von Vorschlägen, wie sie politisch diskutiert werden, die Bürgerbeteiligung zu reduzieren. Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist, sondern wir müssen Überzeugungsarbeit leisten und klarmachen: Wenn wir das regenerative Zeitalter wollen, müssen wir auch die nötige Infrastruktur bereitstellen.

Überzeugen müssen Sie offenbar auch die Umweltverbände, die Ihr Szenario für den Netzausbau kritisieren und für überzogen halten.

Also wenn ich mit den Vorsitzenden vom BUND oder anderen Umweltverbänden spreche, dann gestehen alle zu, dass wir neue Netze brauchen. Nur die Landesverbände oder die Ortsgruppen, in deren Regionen die Leitungen dann installiert werden sollen, sind oftmals dagegen. Da sehen wir schon ein Auseinanderklaffen zwischen den politischen Forderungen auf Bundesebene und der konkreten Situation vor Ort. Ich wundere mich immer nur, welche großen Arien auf das Desertec-Projekt gesungen werden, bei dem Sonnenstrom in der Wüste erzeugt werden soll. Und wenn wir das dann mal nachrechnen und den Leuten sagen, dass dafür Tausende Kilometer von Stromleitungen gebaut werden müssen, will das keiner hören. Dann sind wir die Bösen. Wenn man eine hundertprozentige Stromversorgung über regenerative Energien fordert, muss man aber auch die entsprechende Infrastruktur akzeptieren und darf sich dabei nichts vormachen und nur die schöne heile Welt versprechen.

Von wem reden Sie?

Da ist zum Beispiel das Umweltbundesamt oder auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die Bundesregierung berät. Beide verkünden mit großen Zahlen: Eine Stromversorgung mit hundert Prozent erneuerbaren Energien ist möglich. Im Gutachten des Umweltbundesamtes gibt es zum Thema Netze nur einen ganz kurzen Absatz. Einzige Aussage: Es wird unterstellt, dass ein barrierefreies Netz vorhanden ist. Da wird nichts berechnet, nichts analysiert - so kann man es sich natürlich sehr leicht machen.

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