Förderprogramm des Bundes

Wie Bremer Langzeitarbeitslose vom Teilhabechancengesetz profitieren

Die Arbeitslosigkeit sei wie ein Labyrinth ohne Ausweg gewesen, erzählt Altan Ugrar. Dass er nun eine Perspektive hat, verdanke er einem Förderprogramm des Bundes.
22.06.2020, 05:00
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Wie Bremer Langzeitarbeitslose vom Teilhabechancengesetz profitieren
Von Stefan Lakeband
Wie Bremer Langzeitarbeitslose vom Teilhabechancengesetz profitieren

Neue Chance hinter Akten: Altan Ugrar war 15 Jahre ohne Arbeit. Über ein Förderprogramm hat er eine Stelle in der Bremer Verwaltung bekommen.

Frank Thomas Koch

Mehr als 15 Jahre war Altan Ugrar in einem Labyrinth gefangen. Egal in welche Richtung er lief, überall waren Wände, die ihn aufhielten. Hartz IV, Maßnahmen, Ein-Euro-Jobs. „Man will da raus, weiß aber nicht wie.“ Die Tage alle irgendwie gleich, gleich bedeutungslos. „Ich bin aufgewacht und habe mich gefragt, warum ich aufstehen sollte.“ Ugrars Labyrinth hieß Langzeitarbeitslosigkeit.

12.607 Menschen geht es in Bremen so oder so ähnlich. Sie alle werden zu den Langzeitarbeitslosen gezählt, haben also ein Jahr oder länger keine Arbeit mehr. Viele haben aufgegeben oder werden aufgegeben. Je länger jemand arbeitslos ist, das zeigt die Statistik, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er eine Stelle findet. Viele sind das, was man wohlwollend arbeitsmarktfern nennt und was eigentlich nichts anderes bedeutet als: chancenlos.

Verschiedene Führerscheine gemacht

„Ich kenne viele Leute, denen es so geht“, sagt Ugrar. Auch er hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass es nochmal klappen würde – mit ihm und der Arbeit. Dabei wollte er unbedingt. „Ich bin gelernter Automechaniker, war Berufskraftfahrer, habe gebacken, gekocht“, erzählt der 47-Jährige. In etlichen Fortbildungen habe er verschiedene Führerscheine gemacht: „Ich darf alles fahren, was sich bewegt.“

Doch Probleme mit der Gesundheit, erzählt er, schränkten ihn ein, machten es schwer, eine richtige Stelle zu finden. Zuletzt war er Ein-Euro-Jobber bei der Bremer Tafel, hat Essen eingesammelt und verteilt. Wie die Faust aufs Auge habe das gepasst. Bleiben habe er trotzdem nicht können, leider.

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Dass Ugrar nun doch noch einen Weg aus diesem Labyrinth gefunden hat, verdankt er einem Programm, das sich im sperrigen Verwaltungsdeutsch Teilhabechancengesetz nennt. Seit Anfang 2019 soll es dabei helfen, Langzeitarbeitslose in Jobs zu vermitteln – allem voran durch große finanzielle Anreize für Arbeitgeber. Wer mehr als zwei Jahre arbeitslos war, für den bezahlt der Staat 75 Prozent des Lohns. Wer jemanden einstellt, der für mindestens sechs Jahre der vergangenen sieben Jahren Hartz IV bekommen hat und älter als 25 ist, der bekommt den Lohn in den ersten zwei Jahren zu 100 Prozent ersetzt. Laut Bundesregierung wurden bislang 500 Millionen Euro dafür ausgegeben.

Auch Ugrars Lohn wird nicht von seinem Arbeitgeber bezahlt, obwohl er bei Performa Nord angestellt ist, einem Eigenbetrieb des Landes Bremen, der Personal an die Verwaltung vermittelt. Ugrar bearbeitet, scannt und kopiert Akten, bekommt dafür den Tariflohn. Denn – auch das sieht das Teilhabechancengesetz vor – die ehemaligen Langzeitarbeitslosen müssen nach dem im Betrieb geltenden Tarifvertrag bezahlt werden beziehungsweise den Mindestlohn bekommen.

Regelmäßiges Coaching

2018 habe der Landesbetrieb den Auftrag des Senats erhalten, Langzeitarbeitslose in Bremer Behörden zu vermitteln – damals noch mit einem Förderprogramm namens Lazlo. Mittlerweile seien es mehr als 96, die so eine Perspektive gefunden hätten. Das erzählt Heidi Politai von Performa Nord, die bei den Auswahlgesprächen dabei war und die ehemaligen Langzeitarbeitslosen bei ihrem neuen Arbeitgeber betreut. Das ist ebenfalls eine Vorgabe des Teilhabechancengesetzes: Es endet nicht bei der Vermittlung auf eine Arbeitsstelle, sondern verlangt auch ein regelmäßiges Coaching. Das soll dafür sorgen, dass die Langzeitarbeitslosen sich in der neuen Welt zurecht finden.

Politai ist klar, dass man die Langzeitarbeitslosen nicht mit normalen Arbeitnehmer vergleichen könne. Zumindest nicht zu Anfang. „Zu Beginn machen sie den Dienststellen mehr Arbeit, als dass sie Erleichterung bringen.“ Für die 58-Jährige steht aber auch fest: Es lohnt sich.

869 Langzeitarbeitslose wurden bislang in Bremen durch das Teilhabechancengesetz auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Ein Erfolg sei das, sagt Thorsten Spinn, stellvertretender Geschäftsführer des Jobcenters Bremen. „Es geht hier um jeden Einzelnen, also um individuell maßgeschneiderte Lösungen für Menschen, die Arbeit für sich als Perspektive wiedergefunden haben.“ Man müsse allerdings abwarten, was passiere, wenn die maximale Förderdauer der finanzierten Jobs auslaufe. Ob die Teilnehmer dann eine Perspektive im Unternehmen bekämen oder ob sie wieder in die Arbeitslosigkeit abrutschten.

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Deutschlandweit haben laut Bundesregierung bislang knapp 50.000 Langzeitarbeitslose einen Job über das Teilhabechancengesetz gefunden, drei Viertel in der Privatwirtschaft. Auch in Bremen gibt es nach Jobcenter-Angaben mehr geförderte Jobs bei Unternehmen als in Behörden und Verwaltung. Deutlich wird aber auch, dass von solchen Maßnahmen nur ein kleiner Teil profitiert. In Deutschland sind insgesamt rund 800.000 Menschen Teil der Parallelwelt Langzeitarbeitslosigkeit.

Bis vor Kurzem gehörte ihr auch Irena Ballod an. Die 51-Jährige ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und Kauffrau. „So richtige, normale Arbeit hatte ich aber noch nie.“ Mit ihrem Migrationshintergrund und als alleinerziehende Mutter habe das einfach nicht geklappt. Ballod wollte nicht, dass das so bleibt. „Mein Kind sollte merken, dass aus ihm etwas werden kann.“

Dieses Gefühl kann sie ihrem Sohn jetzt geben, die Zeit des Hoffens und doch nur wieder Enttäuschtwerdens ist vorüber. Früher, wenn sie sich beworben habe, habe sie geglaubt, dass sie schon jemand zu einem Bewerbungsgespräch einladen werde. Je mehr Absagen kamen, desto größer wurde die Verzweiflung. „Irgendwann sagt man sich, dass das alles nichts bringt.“

Ziel Festanstellung

Ballod arbeitet jetzt in der Geschäftsstelle des Senators für Finanzen. Anfangs war sie wie Ugrar bei Performa Nord angestellt, mittlerweile hat sie einen richtigen Vertrag, direkt bei der Finanzbehörde – und damit das erreicht, was viele andere aus dem Programm hoffen: Weg von Maßnahmen und geförderten Jobs, hin zu einem normalen Arbeitsverhältnis. Ein Ziel, das sich auch Ugrar gesetzt hat – und das jetzt in greifbare Nähe rückt. „Wir dürfen Langzeitarbeitslose maximal fünf Jahre über das Teilhabechancengesetz beschäftigten“, sagt Heidi Politai von Performa Nord. Ziel sei es, dass alle früher oder später eine Festanstellung bekommen. Bei fünf Programmteilnehmern habe das schon geklappt. „Weitere Festanstellungen sind im Gespräch.“

Für Ugrar hat sich schon jetzt etwas geändert. Anders als bei Hartz IV bleibe am Ende des Monats noch Geld auf dem Konto übrig. Sparen, sagt der 47-Jährige, mache Spaß. Und noch etwas hat er jetzt wieder: einen Grund, morgens aufzustehen.

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