Laufkundschaft bleibt jedoch aus

Nachfrage nach Markenartikeln steigt auch in Bremen an

Nicht nur wegen der gesenkten Mehrwertsteuer suchen Verbraucher auch in Bremen gezielt nach hochwertigen Möbeln und Unterhaltungstechnik. Gleichzeitig bleibt die Laufkundschaft in den Innenstädten weiter aus.
16.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Florian Schwiegershausen und Erich Reimann
Nachfrage nach Markenartikeln steigt auch in Bremen an

Geschäften mit Schuhen und Accessoires fehlt weiterhin das Laufpublikum, während die Kunden gezielt ihr ursprüngliches Urlaubsgeld für hochwertige Waren ausgeben.

Fabian Wilking

Es ist ein zweigeteiltes Bild, das sich derzeit im Einzelhandel abzeichnet. Auf der einen Seite rechnet der Handelsverband Deutschland (HDE) angesichts der Corona-Krise mit einer langen Durststrecke. Voraussichtlich werde erst 2022 wieder das Umsatzniveau des Vorkrisenjahres 2019 erreicht, prognostizierte am Mittwoch HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth: „Der Einzelhandel wird sich erholen, aber es wird eine langsame Erholung sein, nicht das schnelle Aufleben des Konsums.“

Auf der anderen Seite zeichnet sich ab, dass gerade Geschäfte mit hochwertigen Markenartikeln und dem entsprechenden Preis seit Anfang Juli eine hohe Nachfrage verzeichnen können. Dazu sagt vom Fernseh- und Hifi-Fachgeschäft Peter Horn der Geschäftsführer Joachim Horn: „Es kann gut sein, dass das der beste Juli in unserer Firmengeschichte werden wird. In den ersten vier Tagen haben wir sehr gut verkauft – da waren auch Geräte dabei mit einem Preis von 3000 Euro.“ Da habe sich die Mühe mit der Umzeichnung der Preisschilder wegen der gesenkten Mehrwertsteuer gelohnt.

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Aber nicht nur das sei ein Grund für das Kaufinteresse, wie Horn feststellt: „Einige Kunden lassen es mit dem Jahresurlaub sein und dafür wollen sie es sich daheim schöner machen, beispielsweise auch mit hochwertigen Musikanlagen auch für die Terrasse.“ Horn sagt, dass manche Hersteller auf diese Nachfrage gar nicht vorbereitet gewesen seien. Außerdem hätten einige auf teure Lagerhaltung in den vergangenen Corona-Monaten verzichtet.

„Ein Hersteller kann mir erst im November wieder liefern“, ergänzt Horn. Das sei aber wichtig, weil er zum Jahresende, bevor die Mehrwertsteuer wieder steigt, nochmals eine große Nachfrage erwartet. Gleichzeitig merkt er aber, dass sich Kunden bei kleineren Reparaturen erst melden, wenn es wirklich nicht mehr geht. Das werde aber durch Großaufträge, die er von Krankenhäusern erhalten hat, wieder ausgeglichen.

Die Beobachtung, die Horn macht, deckt sich mit der aktuellen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg. Demnach planen 29 Prozent der Konsumenten in Deutschland, allein wegen der gesenkten Mehrwertsteuer Anschaffungen vorzuziehen. Gleichzeitig sagten 30 Prozent, dass sie in den kommenden zwölf Monaten mit einer Verschlechterung ihrer finanziellen Situation rechnen werden.

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Das mit der Kaufbereitschaft stellt auch der Geschäftsführer von Flamme Möbel im Bremer Viertel, Harald Sennebogen, fest. Es sei ebenso eine Mischung aus gesenkter Mehrwertsteuer und dem Trend, dass das Geld, das für den Urlaub gedacht war, nun zur Verschönerung des Zuhauses verwendet werde: „Die Kunden interessieren sich für Einbauküchen. Aber insgesamt sind es vor allem hochwertige Möbel, nach denen die Kunden fragen, bei denen es wirklich um Investitionsgüter geht.“

Für die deutschen Fußgängerzonen und Shoppingcenter insgesamt malt der Handelsverband Deutschland dagegen ein düsteres Bild. Die Verbraucher seien im Krisenmodus: Die Sparquote steige, der private Konsum breche weg. Viele Verbraucher hätten angesichts der drohenden Rezession ihr Einkaufsverhalten grundlegend verändert. 2020 werde voraussichtlich „das Jahr mit dem stärksten Wirtschaftsrückgang in der Geschichte des Einzelhandels seit dem Zweiten Weltkrieg“.

Der Verband rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatzminus von 40 Milliarden Euro in diesem Bereich. Rund 50 000 Geschäfte seien durch die Krise in ihrer Existenz bedroht. Bereits im Herbst könne es zu einem spürbaren Anstieg der Insolvenzzahlen kommen, sagte Hauptgeschäftsführer Genth. Bekanntes Beispiel aus dem Bremer Viertel ist das Bekleidungsgeschäft Ilse-Moden. Im Schaufenster hängt ein großes Schild „Zu vermieten“. Damit hat das Viertel wieder ein Stück Tradition verloren. Jetzt wäre eigentlich das 50-jährige Jubiläum gewesen.

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Denn 1970 eröffnete Ilse Koch-Günther das Geschäft mit der hochwertigen Kleidung für gediegene Feste. Ihr Sohn Helmut Koch führte es weiter und übergab es aus Altersgründen 2017 an Martina Oelke, die bereits in Oslebshausen zwei Geschäfte für Brautmoden hatte. Die zuständige Insolvenzverwalterin Natalia Leo sagte: „Zum 31. Mai wurde der Geschäftsbetrieb eingestellt.“ Denn durch die Corona-Krise sei auch in den Monaten danach nicht mit mehr Kunden zu rechnen gewesen, da Hochzeiten und Feste weiterhin ausfallen.

Für diejenigen, die bereits ihr Brautkleid angezahlt hatten, hatte Leo den Kontakt zwischen Kundin und Hersteller vermittelt, damit sie nicht auch noch in Sorge um ihren großen Tag sein müssen. In der Innenstadt fehle immer noch die Laufkundschaft, wie der Hauptgeschäftsführer vom Einzelhandelsverband Nordwest, Jan König, sagt: „Den Menschen ist immer noch nicht nach Flanieren zumute. Es geht ihnen eher um den Bedarfskauf.“

Entsprechend beobachtet der HDE, dass Modehändler, Schuhgeschäfte und andere innenstadttypische Anbieter massiv unter den coronabedingten Ladenschließungen litten und auch nach der Wiedereröffnung der Geschäfte noch immer die Kaufzurückhaltung der Bundesbürger zu spüren bekommen. Gleichzeitig nahmen die Umsätze im Lebensmittelhandel und im E-Commerce seit Krisenbeginn deutlich zu. Der HDE rechnet auch damit, dass der Online-Handel seinen Anteil an den Einzelhandelsumsätzen in diesem Jahr noch einmal kräftig erhöhen werde.

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Einkaufsstraßen und Shoppingcenter leiden dagegen nach Angaben des HDE darunter, dass der Erlebniseinkauf in Zeiten von Maskenpflicht und Hygienekonzepten beim Shoppen nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Bei einer aktuellen Umfrage des Instituts für Handelsforschung (IFH) gaben 84 Prozent der Konsumenten an, vor allem gezielte Einkäufe vorzunehmen. Nur noch sieben Prozent der Befragten suchten das Einkaufserlebnis in der Innenstadt.

„Damit wird dem Handel die Umsatzgrundlage entzogen, denn nur durch gezielte Bedarfseinkäufe kann er nicht überleben“, klagte der HDE. Jan König vom Einzelhandelsverband Nordwest hofft zumindest für die Region ein wenig auf den Tourismus: „Wir sind hier nah an der Nordsee, und Tagestouristen haben schon in den letzten Jahren Umsatz gebracht.“ Wenn das Wetter für den Strand zu schlecht ist, zieht es sie zum Tagesausflug in die Städte. Die Händler in der Bremer City hätten nichts dagegen.

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