Betriebsversammlung in Sebaldsbrück

Leiharbeiter bei Daimler bangen um ihre Jobs

Der neue Bremer Mercedes-Werkschef Markus Keicher hat sich erstmals den Mitarbeitern präsentiert. Sorgen machen sich vor allem Arbeiter, die nicht zur Stammbelegschaft zählen.
06.09.2018, 19:02
Lesedauer: 4 Min
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Leiharbeiter bei Daimler bangen um ihre Jobs
Von Florian Schwiegershausen
Leiharbeiter bei Daimler bangen um ihre Jobs

Die Produktion des GLC im Bremer Mercedes-Werk. Dieses SUV-Modell ist bei den Kunden derzeit sehr beliebt im Gegensatz zu anderen Modellen.

Jaspersen/DPA

Da steht also der neue Bremer Mercedes-Chef im Werk in Sebaldsbrück auf der Bühne. Es ist seine erste Betriebsversammlung in der Hansestadt, Markus Keicher hat den Posten zum 1. September angetreten. Er präsentiert sich der Belegschaft lässig in Jeans und mit Hemd ohne Krawatte – also ganz im Stil von Konzernchef Dieter Zetsche. Während er spricht, trägt er ein Kopfmikrofon, so dass er sich frei auf der Bühne bewegen kann. Seine erste Botschaft an die Bremer Mitarbeiter, mit leicht schwäbischem Zungenschlag: "Machen Sie sich keine Sorgen!"

Sorgen machen sich aber viele Leiharbeiter. Denn im Zuge der Betriebsversammlung am Donnerstag machte im Werk die Zahl 560 die Runde. So viele Leiharbeiter wolle Mercedes ab Januar nicht mehr am Standort beschäftigten, ist aus dem Werk zu hören. Wen es von den Leiharbeitern treffen wird, ist ungewiss. Es solle dabei nicht um Dauer der Beschäftigung bei Mercedes gehen sondern um die Leistung, die von den Leiharbeitern bisher erbracht worden sei, heißt es.

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In der Halle 93, in der aktuell die Coupés gebaut werden, soll die Logistik an eine Fremdfirma vergeben werden, wie der WESER-KURIER bereits berichtete. Hierzu dürfte der Transport von Material innerhalb der Halle zählen, aber auch der Transport fertiger Fahrzeuge. Bislang werden diese Aufgaben von Mitarbeitern übernommen, die direkt bei Mercedes angestellt sind. Ein Daimler-Mitarbeiter, der bereits seit fast 40 Jahren bei Mercedes in Sebaldsbrück arbeitet, bringt es so auf den Punkt: "Die Zulieferer rücken immer näher ans Band ran." Ob die künftig nicht mehr benötigten Leiharbeiter eine Chance hätten, beispielsweise bei der Fremdfirma unterzukommen, die die Werkslogistik dann übernimmt, ist ungewiss. Fakt ist, dass in der Logistikbranche niedrigere Löhne gezahlt werden als in der Automobilindustrie.

Produktion muss angepasst werden

Außerdem soll in Bremen die Jahresproduktion von 425.000 Autos auf 400.000 Einheiten heruntergefahren werden. Ein Beschäftigter sagte dazu: "In einigen Teilen muss die Produktion angepasst werden. Schließlich bauen wir im Bremer Werk ja auch den E-Coupé und das E-Cabrio. Und die Modelle bestellt momentan kaum einer. Dagegen läuft die Produktion vom GLC super, weil alle Leute momentan einen SUV fahren wollen."

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Welche Auswirkungen die niedrigere Produktion auf die Schichtmodelle haben wird, blieb am Donnerstag unklar. Wie aber aus dem Umfeld des Werks zu hören ist, konnten in der Zeit der Sommerferien zu manchen Schichten ohnehin nicht die angestrebten Produktionszahlen erreicht werden. "Die Arbeiten werden immer komplexer", sagte ein Mercedes-Mitarbeiter. Und das sei für die Werksstudenten und Werksschüler, die in den Sommerferien und Semesterferien ungelernt am Band arbeiten, nicht so einfach zu stemmen. Da seien so manche Nacharbeiten notwendig gewesen. Der Mitarbeiter ergänzte: "Wir sind froh, dass wie die Schüler und Studenten in der Ferienzeit haben. Denn dadurch können mehr ständige Werksmitarbeiter Urlaub machen. Aber es wird eben alles komplexer."

Daimler AG wird als Holding fungieren

Andere Mitarbeiter berichteten, dass Keicher in seiner Rede auch auf den Konzernumbau einging. So soll in Zukunft die Daimler AG als Holding fungieren, unter der es in Zukunft drei rechtlich selbstständige Sparten geben soll. Für Autos und Vans soll es von 2020 an die Mercedes-Benz AG geben. Bei der Daimler Truck AG wird das Geschäft mit Lastwagen und Bussen zusammengefasst. Die Finanzdienstleistungssparte als dritte Säule, die rechtlich eigenständig ist, soll schon 2019 in Daimler Mobility AG umbenannt werden. Den Mitarbeitern in Deutschland hat der Konzern zugesichert, ihre Jobs bis mindestens Ende 2029 zu erhalten.

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"Da wird dann also wieder etwas aufgespalten", sagte ein Beschäftigter. "Damit könnte dann etwas entstehen, womit man die Mitarbeiter stärker gegeneinander ausspielen könnte, so wie es jetzt immer wieder vorkommt beispielsweise mit den Werken in Sindelfingen und unserem Bremer Werk." Ein Beispiel: Während die Bremer Werksarbeiter nur eine Nachtschichtzulage von 15 Prozent erhalten in der Zeit von 20 bis 6 Uhr, erhalten die Kollegen in Baden-Württemberg in der Zeit von 19 bis 6 Uhr eine Schichtzulage in Höhe von 30 Prozent. Dies war auch Thema während der Tarifverhandlungen zum Jahresanfang. Im Gesamtverhandlungspaket konnte die IG Metall Küste am Ende jedoch nicht die Angleichung der Schichtzulage an das Niveau der Stuttgarter Kollegen durchsetzen. Jetzt befürchten manche Mitarbeiter, dass sie bei einer Aufspaltung in drei verschiedene Unternehmensteile neue Arbeitsverträge unterschreiben müssen. Ihre Sorge ist dabei, dass sie dadurch finanzielle Einbußen hinnehmen müssen.

Markus Keicher kommt gut an

Ansonsten kam der neue Chef Markus Keicher bei den Bremer Werksarbeiter offenbar gut an. Mitarbeiter der Frühschicht, die auf dem Weg in den Feierabend waren, sagten mehrheitlich, dass er nicht nur einen sympathischen Eindruck mache, sondern auch einen kompetenten. "Ich hoffe, dass er für unser Werk viel rausholen wird", sagte ein Beschäftigter zu der internen Konkurrenzsituation der Mercedes-Werke an den verschiedenen Standorten. Im Konzern wird genau gerechnet, welches Werk am günstigsten welches Auto herstellt. Einige Daimler-Mitarbeiter in Bremen sind in Sorge wegen des Baus eines weiteren Mercedes-Werks im ungarischen Kecskemét. Daimler investiert dort eine Milliarde Euro. Für den Standort ist es bereits das zweite Werk. Und dieses neue Werk stellt ein Spiegelbild der Modellpalette dar, die auch in Bremen vom Band läuft – direkte Konkurrenz also für die Werksarbeiter an der Weser.

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Auch dass drei Mal Bremer Recht ist, konnte der neue Werkschef Markus Keicher bei seinem Einstand vor der Belegschaft feststellen. Denn da die Betriebsversammlung während der Arbeitszeit stattfinden muss, gab es jeweils eine in der Frühschicht, eine zur Spätschicht und eine zur Nachtschicht. Diesen Versammlungsmarathon machte auch der Bremer Mercedes-Betriebsratschef Michael Peters mit. Er wollte sich am Donnerstag daher noch nicht öffentlich äußern – sondern erst die Mitarbeiter der Nachtschicht informieren.

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