Hohe Gebühren Wie Lieferando Bremer Restaurants und Kunden verärgert

In der Pandemie haben viele Restaurants angefangen, ihre Speisen über Plattformen wie Lieferando auszuliefern. Gleichzeitig ärgern sich Lokalbetreiber und Kunden über die Gebühren.
22.03.2021, 21:50
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Wie Lieferando Bremer Restaurants und Kunden verärgert
Von Stefan Lakeband

Trotz Lockdowns ist von Freitag bis Sonntag viel los im Muchos Más. Dann wird im spanischen Restaurant in der Bremer Innenstadt gekocht, gebraten und frittiert. Die Tische im Gastraum bleiben – wie in allen Restaurants – leer. Gegessen wird zu Hause. „Uns war wichtig, dass wir trotz des Lockdowns etwas zu tun haben und der Betrieb weiterläuft“, sagt Betriebsleiter Juan Carlos de la Cueva. Dafür, dass die Tapas vom Muchos Más zu den Kunden nach Hause kommen, sorgen die Fahrer von Lieferando.

Der Lieferdienst ist zweifelsohne einer der Profiteure der Corona-Pandemie. 2020 hat der Konzern in Deutschland seinen Umsatz um 75 Prozent gesteigert; 2,5 Milliarden Euro gaben Kunden über die Plattform vergangenes Jahr aus. Doch immer wieder steht Lieferando in der Kritik. Erst vergangene Woche hatte der Bringdienst viele Kunden verärgert, als er die Liefergebühr in einigen Städten fast verdoppelte – von 1,50 auf 2,90 Euro. Auch in Bremen müssen Kunden der Plattform nun mehr zahlen, wenn Restaurants keine eigenen Fahrer haben, sondern ihre Speisen von der Lieferando-Flotte bringen lassen.

Das Unternehmen verteidigt diesen Schritt: „Die Anpassung unserer Liefergebühren betrifft nicht einmal ein Prozent aller Bestellungen und dies nur in kleineren Städten, in denen die Logistik besonders unprofitabel ist“, teilt ein Sprecher auf Anfrage des WESER-KURIER mit. Selbst mit der Erhöhung würden die Ausgaben für die festangestellten Fahrer, deren Löhne nach eigenen Angaben über dem Mindestlohn liegen, sowie deren Ausstattung nicht gedeckt werden. Zudem seien in manchen Städten die Löhne erhöht worden. Der Sprecher verweist außerdem darauf, dass nur ein kleiner Teil aller Bestellungen über Lieferando von den Fahrern des Unternehmens ausgeliefert wird. In Bremen seien das weniger als 13 Prozent.

Lieferando: Hohe Kosten für Restaurants in der Kritik

Die erhöhte Liefergebühr ist aber längst nicht der einzige Punkt, der an Lieferando kritisiert wird. Denn um seine Plattform zu finanzieren, kassiert das Unternehmen bei den Restaurants. 30 Prozent werden fällig, wenn die Betriebe die Lieferando-Fahrer in Anspruch nehmen, zehn Prozent sind es, wenn das Essen abgeholt wird oder sie eigene Fahrer zu den Kunden schicken. Vielen Kritikern erscheint das zu hoch. „Für viele Restaurants ist das teuer erkaufter Umsatz“, sagt Nathalie Rübsteck, Chefin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Bremen. Der Verband warnte zuletzt seine Mitglieder sogar vor Diensten wie Lieferando und riet von einer Zusammenarbeit ab. „30 Prozent – da kann der Gastronom nicht existieren. Das geht gar nicht!“, sagte die Dehoga-Bundeschefin Ingrid Hartges Ende vergangenen Jahres.

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Auch Restaurants fühlen sich mit der Provision, die sie an die Plattform zahlen müssen, nicht wohl. Ein Bremer Gastronom, der für seine zwei Restaurants seit November die Plattform nutzt, klagt über die hohe Nutzungsgebühr. Aus Sorge, es könnte seinem Geschäft schaden, möchte er seinen Namen nicht in Verbindung mit Kritik an Lieferando bringen. Die Plattform nutze er, weil er durch den Lockdown keine andere Möglichkeit gesehen habe, seinen Betrieb fortzuführen und seine Kunden zu erreichen. Die 30 Prozent Provision, die er zahlen muss, da er keinen eigenen Lieferdienst hat, sind dabei schnell zu einem Problem geworden. „Ich verdiene so kein Geld“, sagt er. Also hat er die Preise für seine Speisen auf Lieferando angehoben. Kunden, die in der Nähe seiner Restaurants wohnen, empfiehlt er, direkt dort anzurufen und sich das Essen abzuholen. Das sei zwar etwas aufwendiger, Kunden und das Restaurant würden so aber sparen.

Lieferando wehrt sich gegen Vorwürfe

Kritik wie diese hört man aus Städten in ganz Deutschland. Lieferando hält dagegen. Restaurants würden dadurch Kosten für eigene Fahrer und Fahrzeuge sparen. Zudem verweist der Konzernsprecher auf die besonderen Angebote in der Pandemie. Im November habe man für die Restaurants im Bestand die Provision um 25 Prozent gekürzt; die Abgabe bei Selbstabholung sei bereits seit März 2020 ausgesetzt. Betriebe die sich neu anmelden, vermittle man für die ersten vier Wochen kostenfrei Bestellungen und liefere kostenlos über Lieferando-Fahrer aus. „Damit helfen wir insbesondere klassischen Bewirtungsrestaurants“, sagt der Sprecher.

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Genau daraus ergibt sich laut des Bremer Gastronomen aber ein weiteres Problem. Er habe es zuletzt mehrfach erlebt, dass die Bestellung über Lieferando bei ihm nicht möglich gewesen sei – weil es nicht genug Fahrer gegeben habe. „Wöchentlich kommen neue Restaurants hinzu“, sagt er, „obwohl es manchmal Probleme gibt, alle Bestellungen auszuliefern.“ Er überlege nun, einen eigenen Bringdienst aufzubauen.

Juan Carlos de la Cueva vom Muchos Más hatte das bereits vergangenes Jahr getan – nur um dann festzustellen, dass es sich für sein Restaurant nicht lohnt. Stattdessen lässt er jetzt alle Gerichte von den Lieferando-Fahrern bringen. Die hohe Provision spüre er auch, dennoch gehe die Rechnung für sein Lokal auf. „Wir sind zufrieden“, sagt de la Cueva über die Zusammenarbeit.

Info

Zur Sache

Im Jahr 2000 wurde die Mutter von Lieferando in den Niederlanden gegründet, 2007 folgte die Expansion nach Deutschland. Mittlerweile sind hier mehr als 26.000 Restaurants gelistet; Kunden haben über die Plattform vergangenes Jahr rund 112 Millionen Bestellungen abgegeben – im Schnitt für 22,67 Euro. Durch die Pandemie haben vor allem die Bestellungen zur Mittagszeit zugenommen, teilt das Unternehmen mit. Der Freitag hat sich zum zweitstärksten Tag für Essensbestellungen entwickelt; am häufigsten wird online geordert.

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