Prüfung durch DLR-Verkehrsforscher Funktionierende Lieferketten, aber schlechter Umgang mit LKW-Fahrern

Laut DLR-Verkehrsforschern funktionieren die Lieferketten in Deutschland größtenteils. Der Verein Bremer Spediteure warnt aber auch vor Engpässen und kritisiert, wie die Fahrer zum Teil behandelt werden.
02.04.2020, 22:00
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Funktionierende Lieferketten, aber schlechter Umgang mit LKW-Fahrern
Von Peter Hanuschke

Wer hamstert, der hat offenbar Ängste, dass er in den nächsten Tagen oder Wochen vor leeren Regalen steht. Ja, es kommt vor, dass das eine oder andere Produkt gerade nachmittags nicht mehr wie vor Corona-Zeiten vorhanden ist. Die vergangenen Tage haben aber gezeigt: Für Nachschub wird gesorgt.

Und das wird nach derzeitigem Stand auch so bleiben: Für den Großteil der Artikel stehen die Lieferketten. Zu dieser Erkenntnis kommen Verkehrsforscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), die die Auswirkungen des Covid-19-Virus auf die Logistikbranche untersucht haben.

Der Verein Bremer Spediteure warnt aber auch vor Engpässen und kritisiert, wie die Fahrer zum Teil behandelt werden. Die größte Herausforderung stellt laut DLR demnach derzeit die Verfügbarkeit von Fahrern und Lkw dar. Deshalb sei nicht auszuschließen, dass es in den nächsten Wochen zu Ausfällen in den Transport- und damit den Logistikketten komme.

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Gang zur Toilette verboten

„Besonders problematisch ist vielerorts der Umgang mit den Lkw-Fahrern“, kritisiert Robert Völkl, Geschäftsführer vom Verein Bremer Spediteure. Sie seien momentan die wahren Helden der Logistik. „Trotzdem werden sie an manchen Be- und Entladestellen im Inland wie Aussätzige behandelt. Sie dürfen ihr Fahrzeug nicht verlassen. Selbst Toilettengänge oder nur die Möglichkeit, sich die Hände zu waschen, werden Ihnen vielerorts verwehrt. Diese Behandlung ist unmenschlich und nicht akzeptabel.“

Positiv sei, dass auf Drängen der Speditionsverbände die Politik es möglich gemacht habe, dass Fahrer und Lagerpersonal einer Firma mit zu wenig Aufträgen kurzzeitig in anderen Firmen mit erhöhtem Bedarf arbeiten können. „Die zu Recht strikten Regelungen der Arbeitnehmerüberlassung kommen hier nicht zur Anwendung“, so Völkl.

20 Prozent mehr Lebensmittel als sonst

Aktuell sind laut der DLR-Forscher die Transportwege so intakt, dass die Lkw 20 Prozent mehr Lebensmittel transportiert. „Positiv ist, dass derzeit alle Lieferketten aufrechterhalten werden können und dass kein Bereich identifiziert wurde, bei dem die Logistik einen echten Engpass darstellt“, so Gernot Liedtke, Abteilungsleiter für Wirtschaftsverkehr beim DLR.

„Die Mitarbeiter in den Märkten, den Logistikzentren und den Zentralen machen bundesweit einen extrem guten Job, genauso wie die Lkw-Fahrer fremde wie eigene“, sagt Andreas Krämer, Sprecher der Rewe Group, auf Nachfrage des WESER-KURIER. Es gebe sowohl im stationären Handel als auch beim Rewe-Lieferservice eine deutlich erhöhte Nachfrage nach lang haltbaren Lebensmitteln, Nährmitteln, Konserven und Drogerieartikeln. „Die Frequenz der Belieferung der insgesamt etwa 5500 Rewe- und Penny-Märkte haben wir entsprechend erhöht.“

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Probleme durch Grenzkontrollen und Quarantäne

„Die für die deutsche Wirtschaft so wichtigen nationalen und internationalen Stückgutnetze können im Moment noch einigermaßen ausgelastet werden“, sagt Völkl. Es sei aber in diesen Verkehren mit erheblichen Mindermengen zu rechnen. „Die Netzbetreiber werden aber alles dafür tun, ihre Dienste für die Wirtschaft aufrecht zu erhalten.“ Stark verzögert werde der internationale Lkw-Verkehr durch gründlichere Grenzkontrollen, die auch Gesundheitschecks beinhalten.

„Außerdem laufen osteuropäische Fahrer Gefahr, bei Rückkehr in ihr Heimatland zunächst in zweiwöchige Quarantäne gezwungen zu werden. Sie stehen dann erst einmal nicht für weitere Fahrtätigkeiten in Deutschland zur Verfügung.“ Die Einschränkung des Wirtschaft- und Soziallebens durch das Coronavirus stelle die Logistikbranche insgesamt vor enorme Herausforderungen, so Völkl. In manchen Bereichen sei das Geschäft komplett zum Erliegen gekommen. Dies betreffe vor allem das Automotive-Geschäft, aber auch kleinere Segmente wie beispielsweise das Messegeschäft.

Die Auswirkungen auf die Mengen im Seetransport seien teilweise schmerzhaft, aber insgesamt noch überschaubar. „Die Importe aus Fernost waren in den letzten Wochen stark zurückgegangen, nun aber bewegen sich wieder mehr Containerschiffe aus Fernost auf die norddeutschen Häfen zu“, stellt Völkl fest, der auch Geschäftsführer des Bremer Rhedervereins ist. Der Export laufe derzeit noch überraschend gut, jedoch seien auch hier Mengenreduzierungen zu erwarten.

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Ein großes Problem seien die mangelnden Schiffskapazitäten in Richtung Fernost. „Kommen hier keine Schiffe an, können sie auch keine Ladung für den Export aufnehmen.“ Leercontainer für den Export vor allem im Inland und den östlichen Nachbarstaaten seien derzeit so gut wie gar nicht zu erhalten, so Völkl.

Welche Auswirkungen sich auf die Wertschöpfungsketten aufgrund fehlender Lieferungen aus China ergeben, werde sich frühestens in ein bis zwei Wochen bemerkbar machen, da sich derzeit noch Containerschiffe mit Waren auf dem Weg nach Deutschland befinden, stellt das DLR in seiner Untersuchung fest.

Besseres Miteinander zwischen Logistikern und Handel

Der Blick in den Logistikmarkt habe aber auch positive Effekte in Krisenzeiten aufgezeigt: So zeige sich insbesondere, dass die nationalen Logistiknetzwerke weiterhin stabil seien, ergänzt das das DLR. „Dienstleister im städtischen Lieferverkehr freuen sich darüber, dass es keine Staus mehr gibt, auch nicht in den Spitzenzeiten.“ Auch das Miteinander zwischen Dienstleistern und Empfängern sei einfacher geworden.

So berichten Logistik-Unternehmen, dass sich die Zusammenarbeit mit dem Handel besser gestaltet als vor der Krise: „Die Kunden werden flexibler und sind gesprächsbereiter. Wenn Anlieferungen sich verzögern, werden sie auch am nächsten Tag noch angenommen. So etwas war vor der Krise nicht denkbar.“ Darüber hinaus verhalten sich die Unternehmen laut DLR nicht abwartend, sondern reagieren aktiv auf die veränderte Situation. So würden beispielsweise Lieferkonzepte angepasst: Geliefert werden manche Konsumwaren nicht mehr über das Zentrallager des Einzelhandelskonzerns, sondern die Waren kämen direkt vom Hersteller in die Filialen.

Psychische Belastung

„Dennoch ist der 'Mensch' der kritische Faktor, von dem letztlich das System abhängt“, sagt DLR-Wissenschaftler Gernot Liedtke. So stellt die Verfügbarkeit von Fahrern und Lkw für die Logistiker flächendeckend eine große Herausforderung dar. „Es ist daher nicht auszuschließen, dass dies in wenigen Tagen oder Wochen zu Ausfällen in den Transport- und damit den Logistikketten führt“, ergänzt der Verkehrsforscher.

Dem höheren Frachtaufkommen im Lebensmittelbereich und der Notwendigkeit für ständiges Umplanen aufgrund verzögerter Ankünfte internationaler Lkw-Fahrten stünde in vielen Unternehmen eine sinkende Personalverfügbarkeit gegenüber. Das verursache zusätzlichen Stress bei den Mitarbeitern. Zudem wächst insgesamt die psychische Belastung deutlich: Es gebe kaum noch reibungslose Routine-Abläufe.

Eine langfristige Planung sei für die Spediteure zurzeit nicht möglich, weder in der Einschätzung, welche Mengen auf sie zukommen, noch, welche neuen Herausforderungen sich ihnen stellen, so Völkl. „Sie fahren 'auf Sicht'“ und entscheiden jeden Tag neu.“

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