Weserport

Der Satellit als Lagerist

Das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB entwickelt mit Satellitendaten ein digitalen Zwilling vom Außengelände des Seehafendienstleisters Weserport im Industriehafen. Damit sollen Logistikprozesse optimiert werden.
04.12.2020, 06:00
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Der Satellit als Lagerist
Von Peter Hanuschke

Bremen. Stahl-Coils mit Gewichten zwischen 20 und 30 Tonnen lagern auf dem Außengelände vom Seehafendienstleister Weserport im Industriehafen. Sie werden später per Schiff oder Bahn zum Kunden transportiert. Beim Optimieren des Umschlagvorgangs setzt Weserport – ein Joint Venture zwischen der Rhenus-Gruppe und dem Bremer Stahlwerk Arcelor-Mittal – nicht auf neuartige Maschinen, sondern auf Digitalisierung. Federführend ist dafür OHB verantwortlich. Dabei zum Einsatz kommen anderem Satelliten beziehungsweise deren Daten aus dem Hause des Bremer Raumfahrtunternehmens.

„Wir haben für die effizienteren Logistikprozesse das Außenlager von Weserport eins zu eins digital nachgebaut – alle relevanten Gegenstände werden dort abgebildet“, sagt Projektleiter Arne Gausepohl von der OHB Digital Services GmbH, einem Tochterunternehmen der OHB-Gruppe. „Für die Lagerhaltung werden Satellitendaten genutzt.“

Bislang sei es so, dass die Lagerhaltung viel Personaleinsatz erfordere – etwa beim papierbasierten Protokollieren der Materialbewegungen. „Um zu wissen, welche Coils auf welches Schiff verladen werden sollen, werden sie beispielsweise farblich markiert – mit dem digitalen Zwilling entfällt das“, sagt Gausepohl. OHB geht davon aus, dass die Ressourcen bis zu 30 Prozent gesenkt werden können. Durch implementierte Verladechecks dürfte die Fehlerquote bei null liegen. Hinzu komme, dass die Stauung der Schiffe effizienter erfolgen werde.

Die verwendete Technologie lasse sich einfach nachrüsten, berücksichtige individuelle Prozesse und könne kostengünstig umgesetzt werden, so der Projektleiter. Das Anwendungsgebiet erstrecke sich weit über die Hafenlogistik hinaus – etwa auf Großbaustellen oder Flughäfen. Die Investition wird sich nach Unternehmensangaben bereits nach zwei Jahren amortisieren.

Da die Margen in der Logistikbranche gering seien, werde man darauf verzichten, jedes Coil mit einem Tracker zu versehen, sagt Gausepohl. Der Kontakt zwischen Coil und Satellit erfolge bei der Anlieferung. Die Greifarme bei der vollautomatischen Aufnahme der Coils oder der Multifunktionsheber sind dafür mit Sensoren ausgestattet. Durch diesen digitalen Fingerabdruck zeige der Lager-Zwilling in Echtzeit und mit einer Genauigkeit von unter zwei Zentimetern an, wo sich die Coils befinden. Der effiziente digitale Logistikprozess basiere auf einer Kombination von künstlicher Intelligenz, smarten Sensoren und Satellitendaten. An dem Projekt, das mit EU- und Landesmitteln gefördert wird, sind neben OHB und Weserport auch die Universität Bremen und das Bremer Unternehmen Ubimax beteiligt. Ubimax programmiert Software für Augmented-Reality-Anwendungen.

„Wir werden mit dem Projekt im nächsten Jahr richtig starten und es auch für andere Warengruppe modellieren“, sagt Rudolf Egbert, Geschäftsführer von Weserport. Die große Herausforderung für eine umfassende Digitalisierung in der Logistik sei, dass man es mit vielen verschiedenen Waren und vielen Partnern zu tun habe. Anders als Industrie sei Logistik sehr heterogen. „Jedes der Coils ist beispielsweise ein Unikat und nur für einen bestimmten Kunden gedacht.“ Eine weitere Herausforderung sei, die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine so hinzubekommen, dass etwa der Fahrer nur so viele Informationen per Datenbrille bekomme, die seine Arbeit erleichtern und den Prozess beschleunigen, ihn aber nicht ablenken. Außerdem müsse generell in der Logistikkette daran gearbeitet werden, wie die Flut an Begleitpapieren künftig durch Digitalisierung entfalle.

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