Equal Pay Day Lohngleichheit in Europa: Deutschland steht nicht gut da

Am Sonnabend ist Equal Pay Day, doch von gerechter Bezahlung kann bundesweit noch keine Rede sein. Für Frauen sind neben den Lohnunterschieden, auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt ein Problem.
17.03.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Lisa-Maria Röhling

Am Sonnabend ist Equal Pay Day, doch von gerechter Bezahlung kann bundesweit noch keine Rede sein. Für Frauen sind neben den Lohnunterschieden, auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt ein Problem.

77 Tage. Rechnete man die durchschnittliche Bezahlung von Männern und Frauen auf ein Kalenderjahr hoch, würden Frauen genau 77 Tage nicht bezahlt werden. Denn der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen liegt in Deutschland bei 21 Prozent. Das ist die sogenannte Gender Pay Gap, also der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern.

Die Organisation BPW Germany rief deshalb vor zehn Jahren den Equal Pay Day, also den Tag für die gleiche Bezahlung, ins Leben, um auf die ungleiche Bezahlung zwischen Männern und Frauen aufmerksam zu machen. Dieses Jahr fällt der Tag auf den 18. März.

Die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen haben sich bundesweit verbessert. So auch in Bremen, wo der Lohnunterschied allerdings nach wie vor im Vergleich mit anderen Ländern noch hoch ist: 24 Prozent waren es laut Arbeitnehmerkammer 2015. Nur im Saarland und in Baden-Württemberg war die Lohnschere größer.

Ein Lohnunterschied von 21 Prozent

Frauen haben in Deutschland im vergangenen Jahr 16,26 Euro pro Stunde verdient, Männer verdienten 20,71 Euro. Und damit 21 Prozent mehr. Die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen wird dabei sowohl in unbereinigten als auch bereinigten Zahlen verglichen. Hinter den unbereinigten Zahlen verbirgt sich der Gesamtvergleich aller Arbeitnehmer unabhängig von ihrem Beruf. Die bereinigten Zahlen vergleichen Männer und Frauen, die die gleiche Tätigkeit ausüben und die gleichen Qualifikationen haben. Diese Lohnlücke liegt in Deutschland bei sechs Prozent.

Dabei zeigt ein Vergleich aller Männer und Frauen ein großes Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt: Drei Fünftel der Minijobber und 81 Prozent der Teilzeitbeschäftigten waren 2015 Frauen. Viele von ihnen sind außerdem im Einzelhandel oder in Erziehungs- und Pflegeberufen tätig – all das sind Tätigkeiten, die grundsätzlich schlechter bezahlt werden.

Und je weiter man die Karriereleiter hinaufschaut, desto weniger Frauen sind vertreten: Gut ein Viertel der Aufsichtsräte waren weiblich, bei Vorständen und Geschäftsführern waren es nur 9,6 Prozent. Genau deshalb klafft die Lohnschere so weit auseinander.

Traditionelle Frauenberufe werden zu schlecht bezahlt

Für Kritiker ist das ein Anlass, zu behaupten, die Lohnverteilung sei gar nicht so ungerecht. Frauen würden nicht viel schlechter bezahlt – sie seien einfach in anderen Branchen tätig. So erklärt es die Referentin für Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik der Arbeitnehmerkammer Esther Schröder.

Genau da sieht Schröder das Problem: Traditionelle Frauenberufe würden schlichtweg viel zu schlecht bezahlt und nicht genug geschätzt. Und ironischerweise verdienten selbst in diesen Branchen die Männer immer noch mehr als die Frauen. „Da ist in unserer Gesellschaft etwas schief“, sagt Schröder.

Das sieht auch Andrea Quick von der Bremer Zentralstelle der Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) so. Frauen seien in Bremen besonders oft in diesen schlecht bezahlten, traditionellen Frauenbranchen zu finden. Dazu komme die ohnehin niedrige Erwerbstätigkeit, die speziell bei Alleinerziehenden in Bremen sehr hoch sei, erklärt Quick.

Mindestlohn hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun

Dass sich die Lohnverteilung in Deutschland verbessert habe, hänge vor allem mit dem Mindestlohn zusammen. Denn davon, so Quick, hätten hauptsächlich Geringverdiener und Minijobber profitiert. Und das seien nun mal in vielen Fällen Frauen. „Das hat nichts mit mehr Gleichberechtigung zu tun“, sagt sie.

Das größte Problem für berufstätige Frauen seien allerdings Erwerbsunterbrechungen: Frauen pausieren immer noch häufiger in ihrem Beruf für Elternzeiten. Diese Monate, in denen sie nicht arbeiten, verschlechtert sich ihre Bezahlung. Oft müssen sie sich, wenn sie in den Beruf zurückkehren, mit einer neuen, schlechter bezahlten Positionen zufriedengeben. Oder die Zeit wird als ihnen mangelnde Berufserfahrung ausgelegt, womit sich die Chancen von Frauen bei Beförderungen oder Gehaltserhöhungen automatisch verschlechtern.

Das ZGF setzt sich dafür ein, dass Frauen nach beruflichen Unterbrechungen so früh wie möglich wieder ihren Beruf aufnehmen können, damit sie auf dem Arbeitsmarkt den Anschluss nicht verpassen. Das hänge allerdings auch von der Kinderbetreuung ab – ein großes Problem in Bremen, sagt Quick.

Gute und gerechte Zukunftschancen

Es sei wichtig, dass Frauen auch in traditionellen Frauenberufen gute und gerechte Zukunftschancen haben, sagt Quick weiter. Außerdem dürften Teilzeitberufe sowie Pflege- und Erziehungszeiten nicht länger stigmatisiert und als „Karriere-Hemmer“ gesehen werden, findet sie. Außerdem seien flexible Arbeitszeitmodelle ohnehin mit dem digitalen Wandel immer gefragter. Das bedeute, dass eine passende Wertschätzung dieser Arbeitszeiten Unternehmen auch attraktiver machen könne – für Männer und Frauen.

Auf Bundesebene versucht man inzwischen, der Lohnlücke mit dem „Entgelttransparenzgesetz“ von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) entgegenzuwirken. Der Gesetzestext sieht vor, dass Arbeitnehmer in Betrieben ab 200 Mitarbeitern einen Anspruch auf Lohnauskunft haben.

Wenn dabei herauskommt, dass mindestens sechs Kollegen des anderen Geschlechts bei gleicher Leistung mehr verdienen, können sie eine Gehaltserhöhung verlangen. Bei mehr als 500 Angestellten werden die Betriebe zu einer regelmäßigen Überprüfung und Offenlegung des Entgeltes aufgefordert.

„Entgelttransparenzgesetz“ geht nicht weit genug

Quick begrüßt diesen Schritt der Bundesregierung, sagt aber auch, dass das Gesetz nicht weit genug geht. Denn gerade in kleineren Betrieben sei es auf dieser Gesetzesgrundlage unmöglich, Forderungen nach Lohngleichheit durchzusetzen. „Aber zumindest gibt es damit die Möglichkeit, sich überhaupt erst mal ungerecht behandelt zu fühlen“, sagt Quick.

Für sie wäre ein weiterer Schritt, dass tatsächlich nachgewiesene Lohnungleichheiten bei gleicher Qualifikation mit Sanktionen verbunden würden – um Unternehmen auch einen Anreiz zu geben, sich für mehr gerechte Bezahlung einzusetzen.

Schröder von der Arbeitnehmerkammer glaubt ebenfalls, dass die neue Gesetzgebung ein guter erster Schritt sei. Der Weg zur gleichen Bezahlung sei aber noch sehr lang.

Lohngleichheit in Europa
Deutschland steht im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn nicht gut da: Die europäische Lohnlücke zwischen den Geschlechtern lag 2015 laut der europäischen Statistikinstitution Eurostat bei 16,3 Prozent. Italien und Luxemburg haben mit 5,5 Prozent die niedrigste Lohnlücke, Estland mit 26,9 Prozent die höchste. Im „Global Gender Gap Report“ des World Economic Forum von 2015 steht Deutschland wiederum besser da und befindet sich unter 145 Ländern auf Platz elf. Bei dieser Untersuchung wurden neben den Lohnverhältnissen zwischen Männern und Frauen auch die Bildungschancen, die politische Teilhabe und die Gesundheit der einzelnen Länder verglichen. Deutschland liegt vor Frankreich (Platz 15), Großbritannien (Platz 18) und den USA (Platz 28). Auf Platz eins ist Island, wo zum Weltfrauentag am 8. März ein Lohngerechtigkeitsgesetz angekündigt wurde, mit dem Unternehmen ab 25 Mitarbeitern die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen nachweisen müssen.
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+