Neues Geschäftsfeld für Bremer Traditionsunternehmen

Lürssen kauft die Norderwerft

Bremen/Hamburg . Deutschlands älteste Werft, die Hamburger Sietas-Gruppe, wird zerschlagen. Die drei Unternehmensteile werden einzeln an Investoren aus der Schiffbaubranche verkauft. Die Norderwerft geht an die Bremer Lürssen-Gruppe.
29.06.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Krischan Förster
Lürssen kauft die Norderwerft

Die Sietas-Gruppe wird nach der Insolvenz der Stammwerft zerschlagen: Alle drei Einzelunternehmen sollen an verschiedene

dpa

Bremen/Hamburg . Deutschlands älteste Werft, die Hamburger Sietas-Gruppe, wird zerschlagen. Die drei Unternehmensteile werden einzeln an Investoren aus der Schiffbaubranche verkauft. Die Norderwerft geht an die Bremer Lürssen-Gruppe.

Nun haben die Lürssens doch noch ihre Werft in Hamburg bekommen. Eigentlich hatten sie im vergangenen September die zivile Werftsparte von Blohm+Voss, der anderen Hamburger Traditionswerft, übernehmen wollen. Doch ihr Angebot wurde vom damaligen Eigentümer ThyssenKrupp und dem Betriebsrat gleichermaßen als "unmoralische" Offerte abgewiesen, verkauft wurde schließlich an den britischen Finanzinvestor Star Capital.

Nur zwei Monate später, im November 2011, musste die Sietas-Werft Insolvenz anmelden. Sie war nach der Wirtschaftskrise 2008 in Schwierigkeiten geraten. Der Eigentümer Hinrich Sietas hatte zu lange am Bau kleinerer Containerschiffe und an überholten Produktionsmethoden festgehalten. Die beiden anderen Betriebe der Werftengruppe, die Neuenfelder Maschinenfabrik (NMF) und die Norderwerft waren zwar von der Sietas-Pleite nicht betroffen, doch Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann offerierte die drei Firmen möglichen Investoren im Paket. Er wolle, hatte der Rechtsanwalt mehrfach betont, die Werften-Gruppe gern erhalten.

Mehrere Investoren waren bei Brinkmann vorstellig geworden, einige hatten fürs Ganze, andere nur für eines der Unternehmen geboten, darunter auch die Lürssen-Cousins Friedrich und Peter. Sie hatten ein Auge auf die Norderwerft geworfen, gegründet 1906 am Hamburger Reiherstieg. Diese Werft mit ihren drei Docks sei eine gute Ergänzung für das Service-Geschäft, sagte Friedrich Lürssen schon vor zwei Wochen.

Gestern nun hatte Insolvenzverwalter Brinkmann alle Angebote für Sietas gesichtet und dem Gläubigerausschuss präsentiert. Dort fiel dann die Entscheidung: Weil die Einzelangebote für die drei Unternehmen in der Summe höher gewesen seien als das von einem Investor stammende Gesamtangebot, wird die Gruppe nun doch zerschlagen und meistbietend verkauft.

Verkauf für zweistellige Millionen

Die Norderwerft mit ihren 94 Mitarbeitern geht an Lürssen. Kaufsummen werden in solchen Fällen nicht genannt, Insolvenzverwalter Brinkmann sprach gestern jedoch von einem "zweistelligen Millionen-Betrag", der für die Aktiva (Anlagevermögen, Finanzmittel) der Norderwerft und den dazugehörenden Docks der Sietas-Werft gezahlt worden sei. Lürssen habe sich zudem bereit erklärt, weitere 40 Beschäftigte von der Sietas-Werft zu übernehmen.

Den Zuschlag für die Sietas-Werft, die sich auf den Bau von Spezialschiffen etwa für die Offshore-Industrie spezialisiert hat, soll die niederländische Veka-Schiffbaugruppe erhalten, auch sie hatte wie Lürssen das höchste Angebot abgegeben. Um die Neuenfelder Maschinenfabrik (NMF) mit 134 Mitarbeitern tobt noch ein Bieterwettstreit zwischen zwei verbliebenen Interessenten. Wer hier zum Zuge kommt, soll spätestens in vier Wochen entschieden werden.

"Eine gute Ergänzung"

Die Lürssen-Gruppe, bekannt für den Bau von Militärschiffen und Mega-Jachten, vergrößert das Firmenreich mit der Hamburger Norderwerft nicht nur um einen sechsten Standort, sondern auch um ein neues Geschäftsfeld. "Eine Reparaturwerft für Handelsschiffe ist für uns eine gute Ergänzung zu den anderen Aktivitäten", sagte gestern Friedrich Lürssen dieser Zeitung. Hamburg sei zudem ein interessanter Standort mit einem großen Hafen, "dort fällt immer etwas an", so Lürssen.

Die Norderwerft solle daher in ihrem Bestand erhalten bleiben. Eine Konkurrenz zu Blohm+Voss Repair, der Reparatur- und Umbausparte der benachbarten, größeren Werft in Hamburg, sehe er nicht. "Deren kleinstes Dock ist immer noch größer als das größte der Norderwerft." Es gebe auch keine Nachteile für andere Lürssen-Standorte wie etwa die ehemalige Rolandwerft in Berne, "eher erhoffen wir uns Synergieeffekte", sagte der Lürssen-Chef gestern.

Nach dem positiven Votum des Gläubigerausschusses müssen jetzt noch die Verträge unterschrieben werden. Während mit Lürssen alles klar scheint, kündigte Brinkmann gestern an, auch die Verhandlungen mit der Veka-Gruppe schnell abschließen zu wollen. Bei der Sietas-Werft sollen aufgrund der aktuellen Auftragslage nur 300 von derzeit noch 400 Arbeitsplätzen erhalten bleiben, die 134 Mitarbeiter der Neuenfelder Maschinenfabrik hätten dagegen ihre Jobs sicher.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+