Offshore-Branche Mächtig Gegenwind für Bremerhaven

In der Seestadt ist nur noch ein Hersteller von Windkraft-Anlagen übriggeblieben - und der hat Probleme. Was dem Offshore-Standort Bremerhaven gut täte, wäre die Ansiedlung eines weiteren Anlagen-Herstellers.
15.05.2018, 18:55
Lesedauer: 4 Min
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Mächtig Gegenwind für Bremerhaven
Von Peter Hanuschke

Die Seestadt galt jahrelang als Hochburg der Offshore-Windindustrie in Deutschland. Doch inzwischen hat sich viel geändert in Bremerhaven: So wurde die Produktion beim Offshore-Turbinen-Hersteller Adwen im vergangenen Jahr eingestellt. Außerdem machte das Werk von Power-Blades dicht, eines Rotorblattherstellers für Windanlagen.

Offen ist auch die Zukunft der Muttergesellschaft Senvion - dem letzten noch verbliebenen Hersteller von Windkraft-Turbinen. Ungeachtet dieser Entwicklung kommen in diesen Tagen prominente Vertreter der Offshore-Branche in der Seestadt zusammen: Auf dem Windforce-Kongress, der seit Dienstag und an diesem Mittwoch stattfindet, treffen sich etwa 230 Windenergie-Experten aus zehn Nationen.

Dass Bremerhaven in Sachen Offshore immer noch im Geschäft ist, zeigt sich daran, dass auch Zulieferer und Dienstleiter wie beispielsweise BLG Logistics, Eurogate und Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in der Seestadt tätig sind. Laut der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung (BIS) sind derzeit ungefähr 1500 Arbeitsplätze direkt der Offshore-Windindustrie zuzuordnen.

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In den Hochzeiten waren es mit 3000 Beschäftigten allerdings schon wesentlich mehr. Der Trend zeigt, dass das ursprüngliche Ziel – in der Offshore-Windbranche einmal 8000 Arbeitsplätze am Standort Bremerhaven zu haben – immer unrealistischer wird. Was die Zukunft des Senvion-Gondelwerks in Bremerhaven angeht, gibt es eine Vereinbarung zwischen den Mitarbeitern und der Hamburger Konzernleitung für eine Standortsicherung bis Ende 2019.

Auf Nachfrage will sich das Unternehmen nicht dazu äußern, inwieweit der international tätige Konzern, der mehrheitlich zum US-Investmentfonds Centerbridge gehört, darüber hinaus Pläne mit dem Werk hat. Gefertigt werden in Bremerhaven sowohl Offshore- als auch Onshore-Anlagen. Letzere machen das Kerngeschäft bei Senvion aus.

Was dem Offshore-Standort Bremerhaven gut täte, wäre die Ansiedlung eines weiteren Anlagen-Herstellers. Doch das scheint momentan unrealistisch zu sein. Zwar werden weltweit immer mehr Windkraftanlagen gebaut, auf hoher See ebenso wie an Land. Der jährliche globale Ausbaupfad liegt bei 50 bis 60 Gigawatt Leistung, das sind mehr als 10.000 Windkraftwerke.

Preisdruck sorgt für Personalverschlankung

Allerdings steht die Branche unter enormen Preisdruck, weil die öffentlichen Subventionen insgesamt rückläufig sind. Auch wenn die meisten Unternehmen mehr Aufträge bekommen, reichen die bereits vorhandenen Produktionskapazitäten dafür aus. Hinzu kommt, dass der Preisdruck in der Branche teilweise für eine Personalverschlankung sorgt – verstärkt bei den Herstellern, die sich beispielsweise im Offshore-Bereich hinter dem Marktführer Siemens oder einer der Branchengrößen wie Vestas bewegen.

Außerdem ist der Markt dabei, sich zu konsolidieren: Die ehemals mittelstandsgeprägte Branche wird zunehmend von großen Konzernen dominiert. Die Folge ist, dass die Zahl der Hersteller sinkt. Vor allem Investitionen in neue Produkte sind für kleinere Unternehmen deutlich schwieriger als für Großkonzerne.

Und die Windparkbetreiber, die teilweise Ausschreibungen gewonnen haben, weil sie bei ihren künftigen Projekten ganz ohne öffentliche Subvention auskommen, verlangen nach leistungsfähigeren Anlagen: Auf See rücken schon Anlagen mit einer Leistung von mehr als zehn Megawatt in Sichtweite. Aktuell liegen die leistungsfähigsten Windkraftwerke bei 8,5 Megawatt.

In Deutschland hat die Bundesregierung den Ausbau der Windenergie auf See durch Deckelung gedrosselt – sehr zum Unmut der Branche und der fünf Küstenländer, die mehrfach schon eine Rücknahme der Deckelung verlangt haben. Auch im Vorfeld der Windforce hatten die Landesregierungen ihre Forderung bekräftigt.

Es sei eine deutliche Erhöhung des Offshore-Ausbauvolumens notwendig, so Bremens Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne). Die Regierung hatte unter anderem die Ausbauziele 2014 im Rahmen des novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) wegen der zunächst hohen Kosten von 25 auf 15 Gigawatt (GW) bis zum Jahr 2030 herabgesetzt. Die Branche und auch die fünf Küstenländer wollen 20 GW bis 2030 und 30 GW bis 2035 durchsetzen.

Ein wachsender Markt

Dass Bremerhaven weiterhin ein wichtiger Player im Bereich Offshore bleiben wird, davon geht Nils Schnorrenberger aus. Denn die Offshore-Windenergie stehe am Anfang ihrer weltweiten Etablierung, so der Wirtschaftsförderer der Stadt. Die Energiewende sei notwendig, und sie beginne gerade erst in den etablierten Industriestaaten. Ohne Offshore-Windenergie sei diese Wende nicht möglich.

Es gebe also einen wachsenden Markt. Bremerhaven verfüge über europaweit einzigartige wissenschaftliche Einrichtungen in diesem Sektor und habe zum Teil bereits passende Infrastruktur, die noch durch den Offshore-Terminal optimiert werden müsse. Und damit habe Bremerhaven gute Perspektiven, was die Ansiedlung von neuen Offshore-Firmen angehe.

Ob Offhore-Unternehmen die Einschätzung von Schnorrenberger teilen, wird sich zeigen. Unabhängig davon hat Offshore-Energie noch viel Luft nach oben, legt man den Strommix in Deutschland 2017 zugrunde: Die erneuerbaren Energien waren mit 36,2 Prozent der wichtigste Energieträger zur Stromproduktion – Offshore-Wind trug dazu nur 2,7 Prozent bei.

Umsatzeinbruch bei Senvion

Die Hersteller von Windkraftanlagen kämpfen mit Preisdruck und rückläufigen Subventionen. Die Quartalsberichte der beiden deutschen Hersteller Nordex und Senvion, die am Dienstag in Hamburg vorgelegt wurden, sind nicht wirklich gut. Bei Senvion stürzte der Umsatz geradezu ab, um fast 35 Prozent von 392 Millionen Euro im gleichen Zeitraum des Vorjahres auf nunmehr 256 Millionen Euro.

Nicht viel besser sah es bei Nordex aus: 25 Prozent Umsatzrückgang von 648 auf 488 Millionen Euro. Insgesamt sieht es für die Zukunft der Windenergie aber nicht schlecht aus. Durch Kostensenkungen und höhere Leistung der Windräder wird Windstrom an vielen Standorten konkurrenzfähig zu konventionellen Kraftwerken. So ist der Ausblick für Senvion und Nordex gar nicht negativ: "Wir konnten eine starke Zunahme der Auftragseingänge in den ersten drei Monaten zeigen", so Senvion-Chef Jürgen Geißinger.

Tatsächlich legte der Auftragseingang um 37 Prozent zu; das Polster reicht bis weit in das kommende Jahr. Auch Nordex-Chef José Luis Blanco gibt sich zuversichtlich: "Unsere Produktstrategie stimmt." Der Nordex-Auftragseingang allein für Neubauprojekte stieg von 333 auf 820 Millionen Euro. Fast alle Aufträge kamen aus dem Ausland.

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