Interview

„Wir brauchen jetzt grünen Wasserstoff“

Extreme Wetterereignisse sind auch in Norddeutschland zu erwarten. Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut Melanie Bergmann erklärt, was Bremen dagegen tun kann.
25.09.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
„Wir brauchen jetzt grünen Wasserstoff“
Von Frank Hethey
„Wir brauchen jetzt grünen Wasserstoff“

Bremerhaven ist besonders gefährdet bei einem steigenden Meeresspiegel.

Karsten Klama

Schnee im Winter: Werden wir den in Norddeutschland künftig nicht mehr haben?

Melanie Bergmann: Das ist nicht auszuschließen. Schon in den letzten Wintern haben wir sehr wenig Schnee gehabt. Es steht zu befürchten, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren verstetigen wird, wenn die Wintertemperaturen weiter so mild bleiben.

Sind längere Dürrezeiten zu erwarten?

Für die Zukunft lautet die Prognose so, auch weil sich Wetterlagen durch die Veränderungen im Jetstream insgesamt verlängern. Erinnert sei an den Dürresommer 2018, auch dieses Jahr hatten wir geringe Niederschlagsmengen, davon haben sich die Böden noch immer nicht erholt, was Land- und Forstwirten Sorgen bereitet.

Müssen wir künftig mit mehr Hochwasser und Sturmfluten rechnen?

Die Prognosen des Weltklimarats zeigen, dass mehr extreme Wetterereignisse zu erwarten sind. Hurrikans und Taifune werden nicht unbedingt häufiger, aber ihre Heftigkeit nimmt zu, wie zuletzt bei Laura.

Steigt die Unwettergefahr für Norddeutschland?

Das Risiko für Hochwasser steigt insgesamt für die nordeuropäischen Küsten, genau wie die Unwettergefahr für Europa. Im Zuge des Klimawandels ist zu befürchten, dass sogar Portugal und Island künftig von atlantischen Hurrikans heimgesucht werden können.

Was macht die Politik falsch?

Es wird nicht über das verbleibende CO2-Budget gesprochen, die Treibhausgasmengen, die wir noch ausstoßen können, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens einhalten wollen. Die Politiker verstehen scheinbar noch immer nicht die gebotene Eile, denn mit der Physik lässt sich nicht verhandeln! Dabei haben wir die Folgen des Klimawandels klar vor Augen. Die Zeichen, dass Kipppunkte überschritten werden, mehren sich. Es ist uns Forschenden, die wir die Fakten aus erster Hand vor Augen haben, völlig unbegreiflich, dass wir weitermachen wie bisher.

Was kann Bremen tun?

Bremen liegt an der Küste, ist bei steigendem Meeresspiegel durch die beschleunigte Gletscherschmelze also besonders gefährdet. Es ist schön, dass wir ein Stahlwerk haben – aber nicht, wenn es unter Wasser liegt. Deshalb brauchen wir grünen Wasserstoff jetzt, nicht erst in zehn Jahren. Und wir müssen unverzüglich aus den fossilen Energieträgern wie Kohle und Gas aussteigen. Um den Druck zu erhöhen, arbeiten einige Menschen aktuell an einem Klimaentscheid für Bremen bei der nächsten Bundestagswahl.

Das Interview führte Frank Hethey.

Info

Zur Person

Melanie Bergmann (49)

arbeitet als Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, gegenüber dem WESER-KURIER äußert sie sich als Scientist For Future/AWIs4Future.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+