Privatinsolvenzen in Bremen

Mehr junge Bremer verschuldet

Bremen. Nirgendwo in der Bundesrepublik sind so viele junge Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren so hoch verschuldet wie in Bremen.Allein bei der Schuldnerhilfe Bremen werden junge 50 Männer und Frauen betreut.
24.09.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Britta Schlesselmann
Mehr junge Bremer verschuldet

Corina Lechner zeigt Schuldnerberatung für junge Erwachsene

Christina Kuhaupt

Bremen. Bremen ist Spitzenreiter – allerdings ist dieser erste Platz keine Auszeichnung: Nirgendwo in der Bundesrepublik sind so viele junge Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren so hoch verschuldet wie in Bremen. Diese Zahlen hat jetzt die Hamburger Wirtschaftsauskunftei Bürgel bekannt gegeben. Allein bei der Schuldnerhilfe Bremen werden junge 50 Männer und Frauen betreut.

Die Wirtschaftsauskunftei Bürgel liefert Bonitäts – und Wirtschaftsinformationen über Unternehmen und Privatpersonen. Sie beobachtete im ersten Halbjahr 2012 eine Zunahme der privaten Insolvenzen in dieser Altersklasse von mehr als 29 Prozent auf 5800 Fälle. Insgesamt ist die Zahl der privaten Pleiten im zweiten Jahr in Folge rückläufig. Im ersten Halbjahr meldeten knapp 65 600 Bundesbürger eine private Insolvenz an, das sind 4,7 Prozent weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum.

Ein Beispiel aus Bremen: Die junge Frau möchte ihren Namen nicht verraten. Mit ihren Schulden auch noch in der Zeitung zu stehen, das wäre ihr wirklich zu peinlich: Durch Handyschulden und Interneteinkäufe wuchsen die monatlichen Ausgaben immer mehr. Der Beitrag für eine Haftpflichtversicherung und eine Tierarztrechnung brachten ihr Konto schließlich so weit ins Minus, dass die Arbeitslose nicht einmal mehr Geld für tägliche Leben hatte. Die Situation erschien ihr ausweglos. Hilfe findet sie jetzt seit einem Jahr bei der Schuldnerhilfe Bremen.

"Das hätte ich nie gedacht, dass ich einmal zu ihnen kommen muss", diesen Satz hört Beraterin Corina Lechner fast immer als erstes. "Für unsere Arbeit ist es eigentlich gar nicht wichtig, die Geschichte der Menschen zu kennen", sagt sie, "aber die meisten wollen erstmal erzählen."

Nach ihren Erfahrungen verschulden sich gerade junge Menschen besonders häufig für einen Handyvertrag. Sie nutzen die angeblich günstigen Angebote, die auf handgeschriebenen Klapptafeln in der Innenstadt beworben werden. "Dabei haben die jungen Leute das Gefühl: dieses Angebot bekomme ich nur heute, ich muss sofort zugreifen. Dass sie damit oft für zwei Jahre eine Verpflichtung eingehen, machen sich viele nicht klar", hat die Schuldnerberaterin beobachtet.

Ihrer Meinung nach seien gerade Handyfirmen knallhart: Sobald ein Kunde seine Rechnungen nicht bezahlen kann, wird ein Inkassounternehmen beauftragt. Meist bekommt der Schuldner auch noch Post von einem Rechtsanwalt – und da alle Beteiligten mitverdienen, können sich die Schulden aus Handykauf und -rechnung rasch verdoppeln.

Eine weitere Schuldenfalle sieht Corina Lechner in technischen Anschaffungen: Ob Rechner, Spielekonsolen und Fernseher – die großen Märkte würden mit ihrer Werbung gezielt eine junge Zielgruppe ansprechen: "Da sieht man im Prospekt einen Fernseher und daneben steht 39 Euro, ganz klein darunter ist erst der echte Preis zu lesen – und noch kleiner die Bedingungen für einen Kreditvertrag." Corina Lechner meint, dass viele solche Verträge viel zu leichtfertig unterzeichnen.

Einkaufen im Netz ist für jeden über 18 Jahre ebenfalls eine Gefahr, sich zu verschulden: Nur ein paar Klicks und schon kommen Schuhe, Pullis und Jacken nach Hause. "Viele kaufen auf Raten, kaum ein Auszubildender kann die Rechnung auf einmal bezahlen", sagt die Beraterin.

Wer als Berufsanfänger, Azubi oder Schüler so viele Ausgaben anhäuft, der will dann oft am falschen Ende sparen. Nach dem Motto: Bus oder Straßenbahn fahren doch sowieso, da muss ich nicht noch für bezahlen. Also werde kein Ticket gekauft. So kämen zu dem Schuldenberg noch weitere Ausgaben hinzu: Schwarzfahren ist das Erschleichen einer Dienstleistung, kostet 40 Euro und wird unter Umständen auch von einem Inkassounternehmen eingefordert. Junge Erwachsene, die bereits in einer eigenen Wohnung leben, hätten durch die abgeschlossene Verträge oft kein Geld mehr, ihre Miete zu zahlen. "Viele kommen erst zu uns, wenn der Verlust der Wohnung droht", so Corina Lechner. In so einem Fall setzt sie sich mit den Vermietern zusammen und sucht nach einer Lösung.

"Wer zu uns kommt, der hat schon lange Zeit mit seinen Sorgen allein gekämpft", sagt die Beraterin. Beim ersten Gespräch fließen auch schon mal Tränen, aber dann erfolgt oft die Erleichterung: Viele haben seit Monaten erstmals das Gefühl, dass es einen Ausweg gibt.

Rechnungen werden sortiert, Gläubigerlisten angelegt und die Gläubiger angeschrieben. Ziel ist es, mit den Gläubigern zu vereinbaren, wie viel und über welchen Zeitraum der Betroffene abbezahlen kann. Diesen Weg hat auch die 25-jährige Bremerin gewählt, die durch eine Tierarztrechnung endgültig in der Zahlungsunfähigkeit landete. Für sie bedeutet das Abstottern der Schulden sehr viele Einschränkungen – aber sie wollte auf keinen Fall in die Privatinsolvenz.

Die Privatinsolvenz sei für diejenigen eine Möglichkeit, die so viele Schulden angehäuft haben, dass sie nicht mehr beglichen werden können. Den jungen Kunden der Schuldnerhilfe fehlen meist zwischen 3000 und 7000 Euro. Wer den Weg in die Insolvenz wählt, muss von einer geeigneten Stelle – wie der Schuldnerhilfe – bestätigt bekommen, dass versucht wurde, sich mit den Gläubigern zu einigen. Danach müssen die Schuldner ihr Vermögen offen legen und sechs Jahre lang so viel wie möglich zurückzahlen. Corina Lechner: "Ich finde das eine gute Möglichkeit, denn dadurch haben die Betroffenen wieder die Chance, bei Null anzufangen."

Wer die Hilfe einer Schuldnerberatung in Anspruch nehmen möchte, der sollte sich genau erkundigen, an wen er sich wendet – denn auch in dieser Branche gibt es schwarze Schafe. "Auf keinen Fall sollte man auf Anzeigen wie schufafreie Kredite hereinfallen, dahinter verbergen sich Kredithaie", warnt die Beraterin. Wichtig sei in jedem Fall die Anerkennung durch die Stadt Bremen – denn nur in dem Fall ist die Kostenübernahme gesichert. Außerdem seien seriöse Berater Mitglied in Wohlfahrtsverbänden. "Danach sollte man beim ersten Anruf unbedingt Fragen."

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