Am Anfang war das Löschpapier Melittas weltgrößte Kaffeerösterei steht in Bremen

Eine halbe Million Packungen Kaffee produziert Melitta täglich in Bremen. Die Kaffeerösterei hier ist die weltgrößte für das Unternehmen. Was dessen Geschichte mit Löschpapier aus Schulheften zu tun hat.
19.07.2019, 19:06
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Melittas weltgrößte Kaffeerösterei steht in Bremen
Von Florian Schwiegershausen

Bis vor Kurzem hat hier noch der gute Morgen gewohnt – so konnte es zumindest jeder lesen, der vom Flughafen auf der A 281 in Richtung B 6 entlang fuhr. Das Werbeschild hat Melitta von seiner Rösterei in der Bremer Neustadt abgenommen. Doch das heißt nichts. Wer zur richtigen Zeit vorbeifährt, wird dort weiter den Duft von geröstetem Kaffee wahrnehmen.

In diesen Tagen feiert das Familienunternehmen Melitta das 111-jährige Firmenjubiläum. So ein richtig runder Geburtstag ist es ja nicht, aber immerhin hat er drei „Einsen“ und drei Mal ist ja auch Bremer Recht. Die Rösterei in der Bremer Neustadt an der Dortmunder Straße ist zwar jünger, aber für Melitta hat sie eine elementare Bedeutung.

Sitz der Europa-Zentrale

Denn in Bremen hat auch die Europa-Zentrale von Melitta ihren Sitz, während weseraufwärts in Minden der Hauptsitz der gesamten Unternehmensgruppe liegt. „Für uns ist die Rösterei in Bremen weltweit die größte innerhalb des Unternehmens“, sagt Sprecherin Tanja Wucherpfennig. In dieser Europa-Zentrale gibt es 200 Mitarbeiter. Das Geschäft hat im vergangenen Jahr einen Anteil von 330 Millionen Euro gehabt bei einem Gesamtumsatz von 1,5 Milliarden Euro. Hier in Bremen werden jeden Tag 500.000 Packungen Kaffee produziert. Mehrheitlich handelt es sich um Filterkaffee, in den vergangenen Jahren hat der Anteil an Ganze-Bohne-Produkten jedoch zugenommen. Schließlich haben sich viele Verbraucher einen Kaffeevollautomaten zugelegt, der die Bohnen mahlen kann.

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Die Rösterei gehörte nicht immer zu Melitta. Das Unternehmen übernahm sie im Jahr 1966, indem sie den Kaffeeproduzenten Carl Ronning aufkaufte. Ronning war damals einer der größten Konkurrenten für Jacobs- und Eduscho-Kaffee in Bremen. Nachdem Ronning im Jahre 1949 starb, übernahm sein Sohn Otto die Geschäfte. Er war es auch, der das Unternehmen 1966 an Melitta verkaufte.

Kaffee gehört bei Melitta seit 1962 zur Produktpalette. Schon damals wurde er gemahlen und vakuumverpackt verkauft – laut Unternehmensangaben als erster Anbieter in Deutschland überhaupt. Das Ursprungsprodukt, das im Jahre 1908 zur Firmengründung von Melitta führte, war jedoch die Filtertüte. Dabei handelt es sich übrigens um ein eingetragenes Warenzeichen, weshalb sonst kein anderer Hersteller diesen Begriff verwenden darf. Die Firmengründerin Melitta Bentz durchlöcherte damals einen Messingtopf und legte ein Stück Löschpapier aus den Schulheften ihrer Kinder herein. Damit war in Dresden der Filtertopf und die Filtertüte geboren. 1929 kam dann der Wechsel von der Elbe an die Weser: Da das Unternehmen immer weiter wuchs, siedelte es in dem Jahr nach Minden in eine ehemalige Schokoladenfabrik um.

Damals begann die Firma auch, Butterbrotpapier herzustellen. Daraus ist über die Jahrzehnte hinweg eine Produktpalette von Gefrier- bis hin zu Staubsaugerbeuteln entstanden. Gleichzeitig werden an die Gastronomie Kaffeeautomaten verkauft. Außerdem stellt Melitta Spezialpapiere und Vliese für Industriepartner her sowie industrielle Verpackungsfolien für die Lebensmittelindustrie. Weitere Röstereien besitzt Melitta in Nord- und Südamerika. Die produzieren nur für die Länder auf dem eigenen Kontinent. Vertriebsfirmen und Produktionen hat das Unternehmen mit seinen weltweit 4500 Mitarbeitern in mehr als 40 Ländern, darunter inzwischen auch in Japan und China.

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Noch in der großen Zeit des Filterkaffees warb für Melitta ein für Bremer bekanntes Gesicht. Denn in den Werbespots trat als „Melitta-Mann“ von 1989 bis 1999 der Darsteller Egon Wellenbrink auf. Zuvor arbeitete er für das Bremer Regionalmagazin „Buten un Binnen“, indem er als „Egon Wetterbring“ die meteorologischen Vorhersagen machte.

Mehr Innovationen anvisiert

Längst ist Kaffee heute ein Lifestyle-Produkt geworden. Im Kampf um die junge Zielgruppe stellt Melitta auch Erfrischungsgetränke her mit einem Mix aus kaltem Kaffee und Frucht. Damit weitere Innovationen folgen, hat Melitta vor vier Jahren einen Prozess angestoßen, um die Unternehmenskultur zu erneuern. Jero Bentz, persönlich haftender Gesellschafter der Melitta-Gruppe und Mitglied der Unternehmensleitung, sagt dazu: „Wir wollen, dass in allen unseren Unternehmensbereichen und Abteilungen ein hoher Innovations- und Gestaltungswille besteht, und dass jeder ermutigt wird, neue Ideen zu verfolgen, umzusetzen und eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen.“

René Korte, der 2016 die interne Innovationsabteilung gründete, äußerte sich in der Vergangenheit dazu: „Wir haben festgestellt, dass wir relativ wenig gewachsen sind in den letzten Jahren.“ Melitta habe eher bereits existierende Produkte weiterentwickelt, aber zu wenig Neues erfunden. Inzwischen ist Korte Geschäftsführer von Melittas Innovationstochter 10X.

Mehr nachhaltig zertifizierter Kaffee

Melitta will zudem die Nachhaltigkeit voranbringen, so Sprecherin Wucherpfennig: „Der Anteil an nachhaltig zertifizierten Kaffees liegt bei Melitta-Kaffee inzwischen bei mehr als einem Drittel, hat sich Jahr für Jahr erhöht, und soll weiter ausgebaut werden.“ Ebenso will die Firma bei der Produktion und Nutzung der Produkte den ökologischen Fußabdruck verringern. Das Unternehmen arbeitet auch daran, die Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern. Hilfe bei der Kinderbetreuung und Organisation von Kita-­Plätzen gehören schon länger dazu.

Bleibt noch die Frage, womit Melitta die Bremer Rösterei versehen wird. Welchen Ersatz gibt es für die Reklame? „Wir überlegen uns gerade eine Alternative“, so die Sprecherin. Schließlich sollen die Menschen ja wissen, warum es auf der A 281 in Richtung B 6 nach frisch gerösteten Kaffeebohnen duftet.

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