Mercedes hofft auf zweites Halbjahr

In Bremen produzierter EQC verkauft sich schlecht

Eigentlich wollte Daimler mit dem Elektro-SUV EQC groß ins Elektrogeschäft einsteigen. Doch die bisherigen Zulassungszahlen deuten auf einen geringen Absatz des in Bremen gefertigten Autos hin.
26.05.2020, 11:43
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In Bremen produzierter EQC verkauft sich schlecht
Von Lisa Boekhoff
In Bremen produzierter EQC verkauft sich schlecht

Im Februar lief der erste EQC in Bremen vom Band.

Daimler AG

Vor gut einem Jahr startete der Verkauf des EQC von Mercedes – verbunden mit vielen Hoffnungen und Erwartungen. Allerdings gibt es hierzulande offenbar bisher keine große Nachfrage nach dem SUV. Darauf deutet eine Auswertung des Kraftfahrtbundesamts hin. Demnach gibt es für das Fahrzeugmodell, das im Bremer Werk angelaufen ist und zu Daimlers neuer Elektromarke EQ gehört, insgesamt bis April weniger als 700 Neuzulassungen. Das berichtet das "Handelsblatt", dem die Auswertung vorliegt.

Mercedes selbst kommuniziert die Absatzzahlen für den EQC nicht. Auf Anfrage teilte eine Sprecherin des Autoherstellers aber mit, in Deutschland hätten sich die Auftragseingänge für Plug-in-Hybride und den EQC seit Jahresbeginn mehr als verdreifacht im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Vor allem im zweiten Halbjahr erwarte man "signifikante Absatzeffekte" der Elektrooffensive: "Seit Ende April wird die Produktion des EQC im Mercedes-Benz Werk Bremen koordiniert wieder hochgefahren." Die aktuellen Zulassungszahlen, beispielsweise beim EQC, seien kein Indikator, um Rückschlüsse auf die Endkundennachfrage und die Absatzentwicklung des Gesamtjahres zu ziehen.

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Das "Handelsblatt" zitiert dagegen Führungskräfte, die wegen des geringen Absatzes des EQC von einem „Rohrkrepierer“ oder „totalen Desaster“ sprächen. In den ersten vier Monaten dieses Jahres soll es dem Bericht zufolge bundesweit knapp 280 Zulassungen gegeben haben. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer relativiert: Es müsse bei dieser Zahl eine Verzögerung von acht Wochen bedacht werden, weil es bis zur Auslieferung der Fahrzeuge in der Regel so lange dauere. "Das ist das Bild von zwei Monaten", sagt der Direktor des Center Automotive Research. Zwar habe er auch Stimmen gehört, dass der EQC nun kein "super Verkaufsschlager" sei. Doch es müsse noch abgewartet und beobachtet werden. Schon jetzt zu urteilen, sei aus seiner Sicht zu verfrüht. Zudem: "Es ist das erste große Modell von Daimler gewesen."

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Generell hält der Betriebsratschef des Bremer Werks, Michael Peters, fest: "Den ganz großen Run auf Elektroautos scheint es noch nicht zu geben." Jedoch habe er in Bezug auf den EQC von den Vertriebskollegen nach Ende des Lockdowns durchaus positive Rückmeldungen bekommen. Insgesamt seien aber in den vergangenen Wochen wegen Corona nicht viele Autos gekauft worden – auch keine EQC. Peters sieht jedoch auch Fehler bei der Automobilbranche selbst, weil sie zu früh die Diskussion um Autokaufanreize entfacht habe. "Das führt zu Zurückhaltung. Jetzt warten die Menschen. Das tut uns nicht gut." Eine Prämie für die Branche hält Peters aber grundsätzlich für richtig und sieht sie als wichtiges Signal: "Wir brauchen diesen Anreiz."

Schon jetzt steht fest: In Bremen soll ein weiteres Elektroauto gebaut werden. Das ist im Februar im Zukunftsbild des Werks festgehalten worden. Peters erwartet hierdurch Technologieschübe. "Das wird ein richtiger Sprung nach vorne", sagt der Betriebsratsvorsitzende. Die Modelle sollen auf eigenen Elektroplattformen gebaut werden. Das betrifft auch den EQS, der in Sindelfingen gebaut wird.

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Im Moment werden alle Antriebsarten, ob Diesel, E-Auto oder Benziner, in Bremen auf einer Produktionslinie hergestellt. Das hält Branchenkenner Dudenhöffer für einen Nachteil. Denn deshalb müssten Kompromisse eingegangen werden: "Das ist nicht das Optimale." Ein Verbrennungsmotor brauche etwa unter der Motorhaube viel Platz. Das sei beim E-Auto anders. Der Blick auf die Zulassungszahlen zeigt, dass Daimlers Wettbewerber ihre Elektroautos teils erfolgreicher verkaufen. Von Audis E-Tron wurden laut Bericht von Mai 2019 bis April 2020 rund 4500 Fahrzeuge zugelassen. Tesla kam auf 8700 Model 3.

Insgesamt ist die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen in den ersten vier Monaten dieses Jahres gestiegen. Zu diesem Ergebnis kam unlängst eine Untersuchung des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Die Experten um Studienleiter Stefan Bratzel führten den Zuwachs unter anderem auf die höhere E-Auto-Förderung zurück sowie auf CO2-Ziele für 2020: Einige Hersteller böten sehr günstige Konditionen für ihre E-Modelle.

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Ferdinand Dudenhöffer weist darauf hin, dass der SUV von Mercedes nur mit bestimmten Modellen verglichen werden könne: "Der EQC ist nicht das Model 3." Hier müsse man sich Teslas Model X anschauen, und das schneide in diesem Jahr bisher schlechter als der EQC ab, ebenso der Jaguar I-Pace. Stärker aber sei Porsche mit dem Taycan – ein Fahrzeug, das sehr gelobt werde. "Die Zahlen sind natürlich nicht schön, aber es ist auch nicht so, dass Mercedes überall hinterherfährt", bilanziert Dudenhöffer. Überhaupt: Die nächsten drei bis vier Jahre werde entschieden, wie das Elektrozeitalter aussehe und wer darin gut sei. "Und nicht die nächsten drei Monate."

+++ Dieser Text wurde aktualisiert um 21:28 Uhr +++

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