Made in Bremen

Messer und Gabeln für Generationen

Seit 1829 produziert Koch & Bergfeld Silberbesteck in Bremen. An der Herstellungsweise hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum etwas verändert. Warum dies Deutschlands Botschafter zu schätzen wissen.
06.10.2018, 18:48
Lesedauer: 4 Min
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Messer und Gabeln für Generationen
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Die Zeit scheint in dem teilweise denkmalgeschützten Gebäude stehen geblieben zu sein. Die Werkhalle strahlt den Charme vergangener Jahrhunderte aus. Obwohl die Maschinen in der 1885 erbauten Manufaktur noch Tag für Tag in Betrieb sind, wirken sie wie Exponate in einem Museum. Seit fast 190 Jahren stellt Koch & Bergfeld in Bremen Silberbestecke her. Moderne Produktionstechnik kommt dabei nicht zum Einsatz.

Passend zur Werkstatt stammen auch die Vorlagen für die heute produzierten Silberbestecke aus früheren Zeiten. „Wir berufen uns auf unsere Entwerfer und Zeichner, die zwischen 1890 und 1930 Dekore und Modelle entworfen haben“, sagt Geschäftsführer Klaus Neubauer. Damit sind noch heute Bestecke im Sortiment, die das Unternehmen bereits vor 100 Jahren verkauft hat.

Etwa 20 unterschiedliche Designs mit 47 Stücken je Besteckset stellt Koch & Bergfeld derzeit her. Um die einzelnen Teile produzieren zu können, benötigen die Handwerker spezielle Werkzeuge. Diese sogenannten Prägestempel werden in Eigenregie hergestellt und gewartet. Dadurch werde sichergestellt, dass ein heute gekaufter Löffel nicht von einem vor 80 Jahre produzierten Besteckteil zu unterscheiden sei.

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Doch bis aus einem Silberblech etwa ein fertiger Löffel entstanden ist, muss er im Laufe des Produktionsprozesses 30 Mal in die Hand genommen werden. „Es gibt viele Detailarbeiten, etwa am Dekor des Löffels, die wir von Hand machen. Das kann uns keine Maschine abnehmen“, sagt der 61-Jährige. In der Manufaktur in der Bremer Neustadt werden nicht nur Gabeln, Messer oder Löffel produziert.

Zu den hergestellten Produkten zählen auch außergewöhnliche Besteckteile, wie Kaviarschaufeln, Auster- oder Hummergabeln. Wirtschaftlich ist die Produktion solcher Güter allerdings nicht, da sie nur von wenigen Kunden gekauft werden. „Deshalb muss etwa die Austerngabel mehr oder weniger in Einzelfertigung hergestellt werden. Aber in der Preislage, in der wir produzieren, ist es einfach notwendig, dass wir das mit anbieten“, sagt der Lilienthaler. Übrigens gibt es in der Überseestadt auch Koch & Bergfeld Corpus, die die Fußballpokale herstellen.

Die sind jedoch seit mehr als 20 Jahren ein eigenständiges Unternehmen. Große Besteckmengen werden bei Koch und Bergfeld nicht hergestellt, 100 Stück eines Artikels seien schon viel. Schließlich kostet ein Löffel gut 250 Euro. Ein Besteckset für zwölf Person liegt somit bei etwa 15 000 bis 20 000 Euro. Von einem Luxusgut will Klaus Neubauer aber trotzdem nicht sprechen. „Es sind Gebrauchsgegenstände.“

„Die schnelllebige Zeit nimmt uns Kunden weg“

Diese Gebrauchsgegenstände werden unter anderem in Sternerestaurants oder auf Jachten benutzt – oder manchmal auch zu Hochzeiten verschenkt. „Außerdem beliefern wir exklusiv die deutschen Botschaften im Ausland mit Silberbestecken“, sagt Neubauer. Bei solchen sogenannten Objektgeschäften werden Bestecke gleich für bis zu 50 Personen geordert. Kürzlich erreichte Koch & Bergfeld sogar eine Anfrage aus dem Oman. Der Betreiber einer Seafoodbar erwägt, bis zu 1000 Teile in Stearlingsilber in Auftrag zu geben.

„Das ist eine sehr schöne Anfrage. Mal schauen, was daraus wird“, sagt Neubauer. Aufträge aus dem Nahen Osten sind eher selten. „Wenn sie aber kommen, sind sie sehr umfangreich“, sagt Neubauer. Das Unternehmen liefert vornehmlich nach Benelux, Skandinavien oder Frankreich. Der Großteil der in Bremen hergestellten Besteckteile bleibt allerdings in Deutschland. Etwa 20 Prozent werden ins Ausland geliefert. 20 Mitarbeiter arbeiten hier. Um 1900 waren es noch zwischen 800 und 1000 Beschäftigte.

„Früher haben Familien gemeinsam gegessen und legten sehr viel Wert auf schönes Porzellan und Silberbesteck. Das ist heute nicht mehr der Fall. Die schnelllebige Zeit nimmt uns so gesehen leider Kunden weg“, sagt Neubauer. Gut vier Jahrzehnte der Unternehmensgeschichte hat Geschäftsführer Klaus Neubauer selbst miterlebt. Angefangen hat er dort mit einer Ausbildung als Industriekaufmann.

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Als Villeroy & Boch das Unternehmen 1989 übernahm, war er für den weltweiten Vertrieb der Bestecke zuständig. Zehn Jahre später trennte sich der Keramikwarenhersteller wieder von Koch & Bergfeld, da Silberwaren nicht zum Portfolio von Villeroy & Boch passten. "Später wurde ich gefragt, ob ich das Unternehmen nicht eigenständig übernehmen möchte.

Die Aufgabe habe ich mir zugetraut und auch das Angebot war gut. So habe ich Koch & Bergfeld übernommen und mache das nun seit über zehn Jahren", sagt Neubauer. Wer sich heute noch für Silberbesteck interessiert, legt auch Wert auf eine individuelle Gestaltung mit Gravuren, Monogrammen oder Wappen. Bis ein solcher Auftrag fertig ist, vergehen etwa zehn Tage. Selten kommen auch Kunden, die ihr Besteck sofort mitnehmen wollen.

„Wegen der hohen Investitionskosten für Silber haben wir ein überschaubares Fertigwarenlager“, sagt Neubauer. Doch die Bestände reichen aus, um auch Sofortkäufe zu ermöglichen. Für solche Anfragen produziert das Unternehmen zwischen anderen Aufträgen, um Leerläufe zu vermeiden. Für das Lager werden ausschließlich Modelle gefertigt, die regelmäßig nachgefragt und somit binnen kurzer Zeit verkauft werden können.

Das Internet spielt eine immer größere Rolle

Neben der Produktion von Silberbestecken repariert und restauriert Koch & Bergfeld auch Silberwaren. Bundesweit gäbe es insgesamt nur drei Firmen, die solche Arbeiten ausführen würden. "Wir sind in der Lage, Modelle aus der gesamten Welt reparieren zu können", sagt Neubauer. Das sei für das Unternehmen in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal. "Deshalb werden Aufträge in diesem Bereich immer mehr."

Die Zukunft des Unternehmens sieht Neubauer positiv, obwohl die Nachfrage nach Silberbestecken im Einzelhandel stark nachgelassen hat. „Es gibt kaum noch Fachgeschäfte, die sich mit Silber beschäftigen. Deshalb müssen wir den Vertrieb selbst in die Hand nehmen“, sagt der Geschäftsführer. Neben dem Verkauf am Bremer Firmensitz spielt das Internet eine immer größere Rolle, insbesondere für Kunden aus dem Ausland. „Als kleines, mittelständisches Unternehmen werden wir entdeckt und wiedergefunden. So erreichen uns zahlreiche Anfragen, die wir gar nicht hätten, wenn es das Internet nicht gäbe.“

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