Krise und kein Ausweg

Stellenabbau bei norddeutscher Metall- und Elektroindustrie droht

In der Metall- und Elektroindustrie in Norddeutschland dürften bis Ende des Jahres etliche Arbeitsplätze wegfallen. Zudem dürfte es nächstes Jahr weniger Ausbildungsplätze geben.
16.10.2020, 05:00
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Stellenabbau bei norddeutscher Metall- und Elektroindustrie droht
Von Stefan Lakeband

Die Corona-Krise und ihre Folgen zeigen sich am Arbeitsmarkt – und die kommenden Monate dürfte daran nichts ändern. So will sich etwa ein Viertel der Betriebe der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie bis Ende des Jahres von Mitarbeitern trennen. Das geht aus der Konjunkturumfrage von Nordmetall und des Allgemeinen Verbands der Wirtschaft Norddeutschland (AGV Nord) hervor, die dem WESER-KURIER vorab vorliegt.

Gleichzeitig hat sich der Anteil der Unternehmen, die bereits betriebsbedingte Kündigungen aussprechen mussten, im gesamten Norden seit Juni knapp auf jetzt 7,9 Prozent verdoppelt; in Bremen sind es sogar zehn Prozent. Kommendes Jahr dürfte sich der Stellenabbau weiter verschärfen. Laut Umfrage plant 2021 knapp ein Drittel der Unternehmen, die Zahl der Mitarbeiter zu verringern.

Wenig Besserung in Sicht

„Die Ergebnisse belegen, dass die Pandemie der Metall- und Elektroindustrie in Bremen weiter ernste Probleme bereitet“, sagt Lutz Oelsner, Vizepräsident von Nordmetall und ehemaliger Chef des Bremer Armaturenherstellers Gestra. Auch die anderen Daten der Konjunkturumfrage zeigen, dass sich die 192 befragten Unternehmen auf eine lange und schwierige Krisenzeit einstellen.

Im Frühjahr, unmittelbar zu Beginn der Corona-Krise, hatte die Auslastung der norddeutschen Betriebe noch bei 83 Prozent gelegen, nur um dann schlagartig auf 71,5 Prozent zu fallen. In den vergangenen Monaten hat sich dieser Wert kaum erholt. Die befragten Unternehmen gaben zuletzt an, zu etwa 76 Prozent ausgelastet zu sein. Den absoluten Spitzenwert gab es im Frühjahr 2018 mit einer Auslastung von 90 Prozent.

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Aktuell bewerten 40 Prozent ihre Geschäftslage als unbefriedigend oder schlecht. Immerhin: 50 Prozent bezeichnen ihre aktuelle Situation als befriedigend, zehn Prozent als gut. Auch der Blick in die Zukunft fällt eher düster aus. Denn Besserung, so zeigen es die Ergebnisse, erwarten viele Unternehmen erst einmal nicht. In Bremen gehen zehn Prozent der befragten Betriebe davon aus, dass die Produktion schon bis Jahresende den Vor-Corona-Stand erreichen wird. 20 Prozent erwarten die Rückkehr zur Normalität nicht vor Ende 2021; 70 Prozent können derzeit noch gar keine Prognose abgeben.

Der aktuelle Auftragsbestand reicht bei einem Großteil der Betriebe für die nächsten drei Monaten, teils eher kürzer. Besonders hart trifft es laut Oelsner in Bremen die Luft- und Raumfahrt. Hier dürften vor allem Airbus und Zulieferer die Folgen spüren. Der Flugzeugbauer hatte schon vor einiger Zeit angekündigt, mehr als 5000 Jobs in Deutschland abbauen zu wollen. Auch bei den Werften fehlen die Aufträge.

IG Metall: Nullrunde überzogen

„Der Erhalt von Arbeitsplätzen wird in den nächsten Monaten deutlich schwerer werden, wenn sich die Auftragslage nicht bessert. Wir appellieren an die Gewerkschaft, angesichts dieser Krisensituation in der kommenden Tarifrunde keine neuen Kosten für die Unternehmen zu verursachen“, sagt Oelsner. Einen Tag zuvor hatte sich bereits Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger für eine Nullrunde ausgesprochen.

Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, nennt diese Forderung am Donnerstag überzogen – zeigte sich aber verhandlungsbereit. „Wir wollen gemeinsam mit den Arbeitgebern durch die Krise und die Zukunft in den Betrieben gestalten“, sagt er. „Die Instrumente zur Beschäftigungssicherung müssen weiterentwickelt werden. Dabei geht es auch um die Möglichkeit einer Vier-Tage-Woche mit teilweisem Lohnausgleich.“ Er setze auf einen konstruktiven Dialog mit dem Arbeitgeberverband Nordmetall.

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Oelsner sieht auch die Politik in der Pflicht, die angeschlagene Branche zu unterstützen. Sie müsse neue Bürokratie und Regulierungen vermeiden. „Für komplizierte Lieferkettengesetze, eine Beschneidung des Werkvertragsrechts oder einen Anspruch auf Homeoffice ist jetzt überhaupt nicht die Zeit“, sagt der Nordmetall-Vize.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte bereits eine gesetzliche Regelung für einen Anspruch auf Homeoffice konzipiert, der Entwurf war vom Bundeskanzleramt zunächst gestoppt worden. Heils Plan sieht einen gesetzlichen Anspruch auf mobiles Arbeiten vor. Beschäftigte sollen bei einer Fünf-Tage-Woche demnach 24 Tage im Jahr mobil oder im Homeoffice arbeiten dürfen.

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Die aktuelle Lage der Branche trifft aber nicht nur die derzeit Beschäftigten, sondern auch Jugendliche, die gerne eine Ausbildung in einem Metall- oder Elektrobetrieb machen wollen. Denn angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage stellen viele Unternehmen das Thema Ausbildung hinten an. 60 Prozent der Bremer Betriebe gaben an, kommendes Jahr weniger ausbilden zu wollen. Im gesamten Bereich von Nordmetall sind es hingegen nur 25 Prozent, in nordwestlichen Niedersachsen 17. Auch hier zeigt sich die Lage im Flugzeugbau besonders schwerwiegend. Drei Viertel der befragten Firmen wollen weniger Lehrstellen anbieten. Bei den Werften sind es 40 Prozent, im Straßenfahrzeugbau 43.

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Zur Sache

Mehr Kurzarbeit in Bayern

Bayern und Baden-Württemberg kämpfen weiter mit besonders hohen Kurzarbeiterzahlen. Im Freistaat waren im September 14 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von Kurzarbeit betroffen, wie das Münchner Ifo-Institut auf Basis seiner Konjunkturumfrage ermittelt hat. Das sind rund 825 000. In Baden-Württemberg waren es 610.000 Menschen oder 13 Prozent.

Eine leicht unterdurchschnittliche Kurzarbeit gibt es dem Ifo zufolge in Bremen, Hessen, sowie den zusammengefassten Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein, die auf je zehn Prozent kommen. „In Ländern mit viel Metallverarbeitung, Maschinenbau, Autobauern und Zulieferern wird mehr Kurzarbeit gefahren als anderswo“, sagte Ifo-Arbeitsmarkt-Experte Sebastian Link zu den Zahlen. Insgesamt ist die Kurzarbeit aber weiter auf dem Rückzug.

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