Europäische Raumfahrt

"Milliardäre gibt es nicht an jeder Ecke"

Im Interview spricht Thomas Jarzombek, Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, über Defizite der Branche in Europa und was sie von US-Unternehmen lernen kann.
28.06.2018, 18:12
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Lakeband Moritz Döbler
"Milliardäre gibt es nicht an jeder Ecke"

"Raumfahrt kommt nicht ohne staatliche Hilfe aus", sagt Thomas Jarzombek, Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt.

Frank Thomas Koch

Herr Jarzombek, wenn Sie morgen eine bemannte Rakete losschicken könnten. Welches Ziel würden Sie wählen? Mond oder Mars?

Thomas Jarzombek : Um zum Mars zu kommen, müssen wir erst einmal am Mond vorbeifliegen. Und der Mond wäre auch ein guter Ausgangspunkt für eine Marsmission. Ich finde aber beide Ziele sehr spannend.

Was kann die europäische Raumfahrt dazu beitragen?

Wir müssen uns die Frage stellen, wo unsere Stärken sind. Die europäische Weltraumorganisation Esa hat ein Budget, das nur ein Viertel so groß ist wie das der Nasa. Wir werden daher nie all das tun können, was die Nasa macht. Wir müssen Schwerpunkte setzen.

Wo sehen Sie die europäischen Stärken?

Klarer Schwerpunkt sind Satelliten und Anwendungen. Hier haben wir gezeigt, dass Deutschland weltweit auf einem Toplevel agiert. Deswegen habe ich auch Bremen besucht.

Sie sind seit einigen Wochen mit Ihrer Aufgabe betraut. Bis dato sind Sie aber nicht als Luft- und Raumfahrtexperte aufgefallen.

Ich bin jetzt im neunten Jahr im Verkehrsausschuss des Bundestages und mit einer Reihe der Themen gut vertraut, etwa den Satellitenprogrammen Galileo und Egnos. Auch viele Luftfahrtthemen habe ich auf der regulatorischen Ebene begleitet. Jetzt finde ich es spannend, auf die industriepolitische Seite zu gehen. Und beruflich komme ich aus der IT. Die Digitalisierung ist auch ein maßgeblicher Treiber für die Luft- und Raumfahrt.

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Sehen Sie Defizite in der Branche?

Die Digitalisierung bringt in viele Branchen Disruption, also grundlegende Veränderungen. Ein gutes Beispiel ist New Space. Hier haben Vertreter der Internetwirtschaft die Raumfahrt umgekrempelt. Darauf müssen wir in Europa die richtige Antwort finden.

Haben die Europäer überhaupt eine Chance, bei New Space mitzuhalten? Mit Jeff Bezos und Elon Musk treiben schließlich Milliardäre diese Projekte voran, die nicht erst Gremien und Ausschüsse befragen müssen.

Bei SpaceX habe ich nachgerechnet: Das Unternehmen hat insgesamt etwa drei Milliarden Dollar staatliche Förderung von den USA bekommen. Aber ja: Die Entscheidungswege in diesen Unternehmen sind sehr kurz. Auch in Europa haben wir die Ariane 6 auf den Weg gebracht. Wir müssen aber weitergehen und agiler werden. Gleichzeitig ist die Esa aber ein internationales Konstrukt, in dem wir sicherstellen müssen, dass Mittel nach Deutschland und nach Bremen fließen.

Europäische Unternehmen, allen voran der Raketenbauer Ariane Group, kritisieren, dass die USA, China und Russland ihren Markt vor ausländischen Unternehmen schützen – Europa aber nicht. Kann sich Europa das leisten?

Darüber werden wir in der Regierung sprechen müssen. Auch, wie wir für institutionelle Starts viel stärker auf eigene Raketen setzen. Allerdings wäre es gefährlich, die Probleme nur auf staatliche Subventionen und Protektionismus zu reduzieren. Denn es gab tatsächlich Sprünge in der Technologie, auf die wir reagieren müssen, etwa wiederverwendbare Raketenstufen.

Können Sie sich das auch für die europäische Raumfahrt vorstellen?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie setzen auf die gleiche Technologie wie der Mitbewerber. Dadurch sparen Sie Entwicklungskosten, kommen aber später an den Markt. Oder Sie machen die Technologiesprünge selbst. Wir erwarten, dass in Europa aus beiden Richtungen gedacht wird.

Raumfahrt ist ein europäisches Projekt. Gleichzeitig gibt es viele regionale Initiativen. Markus Söder (CSU) hat etwa erst kürzlich angekündigt, ein bayerisches Raumfahrtprogramm zu starten. Ist das nicht zu kleinteilig?

Nein, letzten Endes kommt Raumfahrt nicht ohne staatliche Hilfe aus. Daher ist es volkswirtschaftlich auch vollkommen in Ordnung, wenn die Bayern mehr machen wollen.

Ein Bundesland wie Bremen wird mit Bayern aber nie mithalten können, was die Förderung angeht.

Ich verstehe Ihre Sorge. Es darf natürlich nicht zu Verlagerungseffekten kommen. Wenn durch die Initiative in Bayern aber noch zusätzliche Dinge entstehen, ist das eine gute Sache.

Sie sind zuständig für Luft- und Raumfahrt. Können Sie beziffern, wie viel Prozent Ihrer Arbeit auf das eine, wie viel auf das andere entfallen?

Das lässt sich schwer sagen. Die Raumfahrt nimmt mit 1,5 Milliarden Euro den wesentlich größeren Teil im Haushalt ein. An der Luftfahrt hängen hingegen deutlich mehr Arbeitsplätze. Man kann ungefähr sagen: 100 000 Arbeitsplätze in der zivilen und militärischen Luftfahrt, rund 9000 Arbeitsplätze in der Raumfahrt.

Was empfinden Sie als die größte Herausforderung?

Wir müssen darauf achten, dass die starke Position des Mittelstands erhalten bleibt. Zwar haben wir mit Airbus und Ariane Group auch große Player, auf die wir stolz sein können. Wir müssen aber eine Balance finden.

Sie haben den Mittelstand angesprochen. Das sind vor allem Zulieferer, die unter Kostendruck am meisten leiden. Werden das alle Unternehmen überleben?

Kostendruck ist nicht immer negativ, man muss schließlich wettbewerbsfähig bleiben. Innerhalb der Esa haben wir einen Wettbewerb der Produktionsstandorte. Und in den USA haben Jeff Bezos oder Elon Musk ihre Firmen auf Effizienz getrimmt. Eine Welt, in der sich nicht alle noch ein Stück mehr anstrengen, wird es nicht geben. Das ist auch gut so.

Die Bundesregierung hat vor vier Jahren ihre Luftfahrtstrategie vorgestellt. Wie viel ist davon umgesetzt?

Die Strategie ist keine To-do-Liste, sondern beschreibt vielmehr, wo wir hinwollen.

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Sie übernehmen also auch die Strategien, die Sie vorgefunden haben?

Die Strategie ist eine wichtige Grundlage. Natürlich muss man sich stets fragen, wo wir Dinge weiterentwickeln oder konkretisieren müssen. Vor allem New Space ist eine Herausforderung, die vor einigen Jahren noch nicht so erkennbar war.

Ist das vor allem eine Herausforderung finanzieller Art?

Nein, das sehe ich nicht so. Wir geben schon sehr viel Geld in die Raumfahrt. Diese Mittel werden wir natürlich weiterentwickeln.

Sind Unternehmen wie SpaceX und Blue Origin kreativer als deutsche Firmen?

Das weiß ich nicht. Im Silicon Valley sind aber andere Firmen als bei uns entstanden. Sie bieten offene Plattformen für anderen Dienstleister an und schaffen damit ein Ökosystem. Ein solches Ökosystem brauchen wir auch. Wir müssen überlegen, wie wir externe Innovationen besser in die Raumfahrt integrieren können.

Gibt es denn genug Firmen, die dazu fähig sind?

Internetmilliardäre wie Jeff Bezos oder Elon Musk gibt es in Deutschland nicht an jeder Ecke. Deswegen müssen wir überlegen, wie wir junge Raumfahrtfirmen fördern können. Es ist sicherlich einfacher, einen Online-Shop zu gründen als eine Raketenfirma. Trotzdem gibt es vielversprechende Start-ups in der Raumfahrt. Und beim Wirtschaftsministerium haben wir auch entsprechende Programme, um junge Unternehmen abseits der abgetretenen Pfade zu fördern, wie etwa den Hightech-Gründerfonds.

Jeff Bezos, Gründer von Amazon und dem Raumfahrtunternehmen Blue Origin, hat angekündigt, nach Bremen zum International Astronautical Congress zu kommen. Sehen Sie das als Chance?

Das ist eine super Sache! Und es passt zu unserer Wahrnehmung, dass Bremen als Raumfahrtstandort sehr sichtbar ist. Dass nun auch Jeff Bezos kommen will, unterstreicht diesen Eindruck und wird Bremen sicherlich noch mehr Beachtung verschaffen.

Luft- und Raumfahrt hat auch viel mit Rüstung zu tun. Die Rüstungsausgaben sind gerade in der Diskussion. Halten Sie es mehr mit der Haushaltsdisziplin oder mehr mit dem Versprechen an die Bündnispartner?

In der CDU ist die Position von Ursula von der Leyen unumstritten. Das hat auch nichts mit der Förderung von Technologien zu tun, sondern mit der Bedrohungslage, die sich verändert hat. Vor dem Eindruck dessen, was in den USA passiert, ist es wichtig, dass wir ein Stück weit autark sind. Ohne Mehrausgaben wird das nicht gehen.

Über Ihre Vorgängerin, Brigitte Zypries wurde in der Branche gesagt, sie könne anpacken. Sehen Sie sich auch als Anpacker?

Wenn ich nicht anpacke, geht es nicht vorwärts. Ich schätze Brigitte Zypries sehr und kenne sie seit vielen Jahren. Ich werde aber natürlich jetzt auch neue Schwerpunkte setzen. Der Aufbau eines Ökosystems für Luft-und-Raumfahrt-Start-ups steht ganz oben auf meiner Agenda.

Das Gespräch führten Moritz Döbler und Stefan Lakeband.

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Zur Person

Thomas Jarzombek ist neuer Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt. Der CDU-Politiker ist seit neun Jahren Mitglied des Bundestags, stammt aus Düsseldorf und hat dort ein eigenes IT-Unternehmen gegründet.

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Zur Sache

Bremer Raumfahrtjahr

Anfang Oktober wird in Bremen der International Astronautical Congress (IAC) stattfinden – zum zweiten Mal nach 2003. Deswegen gibt es seit Jahresbeginn in der ganzen Stadt verteilt immer wieder Aktionen zum Thema Raumfahrt. Unter dem Motto „Sternstunden 2018“ soll es mehr als 100 Veranstaltungen geben – von den Raumfahrtunternehmen und Einrichtungen, aber auch aus der Bremer Kultur- und Kreativszene mit Ausstellungen, Wettbewerben und Mitmach-Aktionen. Dazu gehören etwa regelmäßige Führungen durch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, bei Airbus und bei OHB.

Bremen ist einer der wichtigsten Standorte für Raumfahrt in Europa. Vom 1. bis zum 5. Oktober wird die Hansestadt sogar im Fokus der weltweiten Branche stehen: Etwa 4000 Gäste werden in den Messehallen zum IAC erwartet – dem weltweit größten Branchentreffen. So hat etwa Jeff Bezos, Gründer von Blue Origin und Amazon, sein Kommen angekündigt. Vergangenes Jahr in Adelaide war unter anderem SpaceX-Gründer Elon Musk dabei.

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