Wegen Milliardenverlust

Airbus will Produktion noch weiter drosseln

Im zweiten Quartal musste der Flugzeugbauer einen Verlust von 1,4 Milliarden hinnehmen. Der Konzern will Stellen abbauen. Auch in Bremen sollen etwa 441 Stellen in der Verkehrsflugzeugsparte wegfallen.
31.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Julia Naue und Steffen Weyer
Airbus will Produktion noch weiter drosseln

Protest mit Corona-Abstand. Bei einem Aktionstag am 8. Juli hatten Airbus-Mitarbeiter bundesweit für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstriert. Der Konzern hatte zuvor angekündigt, weltweit 15.000 Stellen streichen zu wollen, davon allein mehr als 5100 in Deutschland.

Christian Charisius

Die Corona-Krise hat den Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus tief in die roten Zahlen gerissen. Weil die Zahl der Flugzeugauslieferungen einbrach, stand im zweiten Quartal unterm Strich ein Verlust von mehr als 1,4 Milliarden Euro, wie Airbus am Donnerstag in Toulouse mitteilte. Der Flugzeugbauer drosselt zudem die Produktion seines erfolgreichen Langstreckenjets A350 weiter. „Diese Ergebnisse spiegeln die Auswirkungen von Corona wider, die durch unsere Anpassungsmaßnahmen abgemildert worden“, sagte Chef Guillaume Faury und gab sich trotz Krise betont positiv.

Es handle sich um eine schwierige Situation mit viel Ungewissheit, so der 52-jährige Franzose, der seit knapp anderthalb Jahren an der Spitze von Airbus steht. „Mit den Entscheidungen, die wir getroffen und nun umgesetzt haben, glauben wir, dass wir uns in unserer Branche in einer angemessenen Position befinden, um diese herausfordernden Zeiten zu meistern“, sagte Faury in einer Telefonkonferenz.

Stellenkürzungen sind keine Überraschung

Airbus hatte bereits angekündigt, rund 15.000 Stellen weltweit streichen zu wollen, davon 5100 in Deutschland. Eine Überraschung war das nicht. Der Konzern hatte zuvor erklärt, für zwei Jahre die Produktion und Auslieferungen um 40 Prozent zu drosseln. Die Produktion des jüngsten Langstreckenjets A350 soll nun noch stärker zurückfahren werden als geplant. Statt sechs sollen nur noch fünf Maschinen des Typs pro Monat die Werkshallen verlassen. Das entspricht rund der Hälfte des Vorkrisenniveaus.

Bremen ist der zweitgrößte Standort des Flugzeugbauers in Deutschland. Dort sollen allein in der Verkehrsflugzeugsparte 441 Stellen von etwa 2400 Beschäftigten der Stammbelegschaft wegfallen. In Hamburg, dem größten Airbus-Standort in Deutschland, inklusive Fuhlsbüttel und Buxtehude sollen wegen der Folgen der Corona-Krise 2325 Stellen wegfallen. In Stade sind 365 Stellen betroffen und an weiteren Standorten 40. Außerdem ist bei der Airbus-Tochter Premium Aerotec ­bundesweit jeder dritte Arbeitsplatz ge­fährdet. In der Niederlassung in Bremen gibt es 415 Beschäftigte. Von 1100 Leiharbeitern hatte sich Airbus seit Beginn der Corona-Krise in den norddeutschen Werken bereits getrennt.

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Konzernchef Faury will nun vor allem den Geldabfluss im Konzern stoppen. Übernahmen und Finanzierungen für Kunden herausgerechnet, solle im zweiten Halbjahr unter dem Strich kein Geld mehr aus dem Konzern abfließen, kündigte der Manager an. Eine neue Prognose für Umsatz und Ergebnis im laufenden Jahr wagte er weiter nicht.

Der Flugverkehr war wegen der Corona-Pandemie zusammengebrochen, Faury hatte immer wieder von der schwersten Krise seit Beginn der Luftfahrtindustrie gesprochen. Derzeit parkt Airbus massenhaft fabrikneue Maschinen auf Flughäfen, weil die Kunden sie nicht abnehmen. Ziel sei es nun, die Auslieferungs- und Produktionsraten auf ein ähnliches Niveau zu bringen, sagte Finanzchef Dominik Asam.

Noch im vergangenen Jahr hatte es für Airbus rosig ausgesehen. Der Konzern verbuchte für das erste Halbjahr 2019 einen Gewinn von knapp 1,2 Milliarden Euro. Schließlich konnte Airbus dem US-Konkurrenten Boeing sogar den Titel als weltgrößter Flugzeugbauer abjagen.

„Wir glauben an eine lange und langsame Genesung“

Davon ist nun nicht mehr viel übrig – die Bestellflaute setzt dem Konzern massiv zu. Faury versucht dennoch optimistisch in die Zukunft zu schauen. „Wir bereiten weiterhin die Zukunft vor“, sagte er. Man schütze Schlüsselprojekte wie etwa den neuen Langstreckenjet A321 XLR. „Wir glauben an eine lange und langsame Genesung“, sagte er mit Blick auf die gesamte Branche.

Auch der Handelsstreit mit den USA be­lastet den Flugzeugbauer. Dieser dauert seit mehr als 15 Jahren an, die USA und die EU beschuldigen sich gegenseitig illegaler Beihilfen für die Luftfahrtkonzerne Airbus und Boeing. Die Welthandelsorganisation WTO hatte den USA Strafzölle auf europäische Exporte im Wert von bis zu 7,5 Milliarden Dollar pro Jahr genehmigt. Die USA machen davon kräftig Gebrauch – so gilt etwa auf Flugzeugimporte eine Sonderabgabe in Höhe von 15 Prozent.

Überraschend hatte Airbus in der vergangenen Woche einen Schritt auf die USA zu gemacht. Der Konzern hatte sich mit den Regierungen Frankreichs und Spaniens darauf ­geeinigt, Änderungen an den Verträgen über die rückzahlbare Startinvestition für den Langstreckenflieger A350 vorzunehmen. So will Airbus die USA dazu bewegen, einzulenken und die belastenden Strafzölle aufzuheben.

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Es gebe nun „absolut keinen Zweifel“ daran, dass man im Einklang mit den WTO-Regeln stehe, betonte Faury erneut. Man habe die Bedingungen sogar noch mehr erfüllt, als man es zuvor für nötig gehalten habe. „Das liegt daran, dass wir wirklich alles tun wollen, um diesen Konflikt zu beenden, den wir in der gegenwärtigen Umgebung für völlig unangebracht halten“, erklärte Faury.

Vor dem Hintergrund des angekündigten Stellenabbaus hatte Bremens Wirtschaftssenatorin ­Kristina Vogt (Linke) bei einer Wirtschaftsministerkonferenz auf eine Verlängerung der Kurzarbeitergeld-Regelung auf 24 Monate gepocht. „Wir haben wegen Airbus diese Forderung nach Berlin getragen“, erklärte Vogt nach dem Treffen mit ihren Länderkollegen. Es gebe Signale, dass dazu Anfang September eine positive Entscheidung fallen könnte, sagte die Senatorin in der Bremer Bürgerschaft.

In Bremen werden für alle Modelle die Flügel unter anderem mit Landeklappen ausgestattet. Bremen gilt als das Hochauftriebszentrum von Airbus. Langfristig müsse nun alles darangesetzt werden, den Standort fit für die Zukunft zu machen, forderte der SPD-Abgeordnete und IG-Metall Gewerkschafter Volker Stahmann in der Bürgerschaft. Der Bremer Standort sei keine Endmontagelinie, insofern müsse alles dafür getan werden, dass die Arbeit weiterhin unverzichtbar in der Produktionskette bleibe. Es gehe darum, den Ausbau des Bereichs Forschung und Entwicklung zu unterstützen, sonst könnten die Arbeitspakete auch irgendwann verlagert werden.

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