Geringfügige Beschäftigung

Bremer Minijobber leiden unter Corona

In der Pandemie sind vor allem in der Gastronomie tausende Stellen weggebrochen. Die Arbeitnehmerkammer kritisiert die Art der Anstellung generell.
13.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Minijobber leiden unter Corona
Von Stefan Lakeband
Bremer Minijobber leiden unter Corona

Vor Corona bestand mehr als die Hälfte der Stellen in der Bremer Gastronomie aus Minijobs. Die Krise hat gerade hier Spuren hinterlassen.

Sebastian Kahnert

Die Zahl der Minijobs in Bremen ist während der Corona-Krise stark gesunken. Im Juni gab es rund 13 Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor. Das geht aus Daten der Minijob-Zentrale hervor. Besonders deutlich war der Rückgang in der Gastronomie und der Hotelbranche. Im Juni 2019 verzeichnete die Behörde für Bremen 61 481 geringfügig entlohnte Beschäftigungen, so der offizielle Name für diese Art der Anstellung.

Wie die Daten zeigen, wurden es mit Beginn der Corona-Pandemie immer weniger. Im März waren es noch knapp 59 600, im Juni dann nur noch 53 310. Mit einem Minus von 40 Prozent sind die meisten Stellen in der Hotellerie und der Gastronomie weggefallen. Die Zahl sank von 9579 auf 5780. Bremen liegt damit über dem bundesweiten Durchschnitt: Hier betrug der Rückgang in der Gastronomie 36 Prozent. In Niedersachsen verschwanden während der Pandemie ebenfalls rund 40 Prozent der Minijobs in der Gastronomie und Hotellerie.

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Dass in dieser Branche viele Minijobs weggefallen sind, dürfte mit den Corona-Maßnahmen zusammenhängen. Viele Kneipen und Restaurants konnten ihrem Geschäft teils gar nicht oder nur in verringertem Umfang nachgehen. Dementsprechend brauchten sie weniger Personal. Allein zwischen März und Juni verzeichnete die Gastronomie im Vergleich zum Vorjahr nach Angaben des Branchenverbandes Dehoga Umsatzeinbußen von 17,6 Milliarden Euro. Im gesamten ersten Halbjahr gingen die Erlöse um nahezu 40 Prozent zurück.

Ähnliches gilt für den Einzelhandel: Hier arbeiten ebenfalls viele Hilfskräfte auf 450-Euro-Basis, etwa als Verkaufs- oder Kassenpersonal. Wegen der bundesweiten Schutzmaßnahmen mussten viele Einzelhändler ihre Geschäfte jedoch für mehrere Wochen schließen. Für viele Betroffene dürfte der Wegfall ihrer Stelle ernste Folgen haben. Laut Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik bei der Bremer Arbeitnehmerkammer, sind Minijobs „schlecht geschützte Arbeitsverhältnisse“. Denn anders als Personen, die sozialversicherungspflichtig angestellt sind, haben Minijobber keinen Anspruch auf Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld. „In Krisenzeiten wie jetzt zeigt sich, wie schwierig das ist.“

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Für Arbeitgeber sind Minijobs vor allem wegen ihrer Flexibilität interessant. Wenn es viel zu tun gibt, können Minijobber kurzfristig und unkompliziert angestellt werden. Das Unternehmen zahlt lediglich eine pauschale Abgabe vom Arbeitsentgelt in die Sozialversicherung. Für Schülerinnen und Schüler, Studierende und Menschen im Rentenalter ist eine geringfügige Beschäftigung oft eine gute Gelegenheit, sich etwas dazuzuverdienen. Von ihrem Lohn gehen keine Sozialabgaben mehr ab.

Geraedts weist allerdings auch darauf hin, dass trotz der Flexibilität das Arbeitsrecht nicht außer Kraft gesetzt sei. „Minijobber haben auch Anspruch auf bezahlten Urlaub und genießen Kündigungsschutz“, sagt sie. In der Praxis sei das nicht jedem bekannt – sowohl Arbeitnehmern als auch Arbeitgebern. Auch bei Kündigungen in der Krise müssten die Betriebe das geltende Recht beachten.

„Die Minijobber werden gebraucht“, sagt Nathalie Rübsteck, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Bremen. Sie vertritt rund 550 Restaurants, Cafés und Hotels in der Hansestadt – ein Großteil beschäftigt auch Minijobber. Laut Rübsteck ist vielen Verbandsmitgliedern in den vergangenen Monaten kaum etwas anderes übrig geblieben, als sich von Minijobbern zu trennen – eben weil sie anders als sozialversicherungspflichtig angestellte Beschäftigte nicht in Kurzarbeit geschickt werden können.

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Manche Minijobber hätten ihren Vertrag auch selbst aufgelöst und sich eine andere Beschäftigung gesucht. Laut Rübsteck war das der Fall, wenn der Betrieb seinen Angestellten nur weniger Stunden – und damit auch weniger Bezahlung – als üblich garantieren konnte. Das habe bereits dazu geführt, dass einigen Gastronomiebetrieben zuletzt Personal gefehlt habe.

Laut Arbeitnehmerkammer waren vor Beginn der Corona-Krise mehr als die Hälfte der Stellen im Bremer Gastgewerbe Minijobs. Nach Angaben von Nathalie Rübsteck hätten viele Unternehmen auch keine andere Wahl, um auf Zeiten mit viel Gästeaufkommen zu reagieren – etwa an einem sonnigen Wochenende, wenn viele Menschen in die Cafés und Biergärten drängten. Die Dehoga-Chefin glaubt daher auch, dass es perspektivisch wieder mehr Minijobs in Gastronomie und Hotellerie geben wird, sobald sich abzeichnet, dass sich die Corona-Pandemie langsam legen wird.

Erste Zahlen geben ihr recht. Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, sagte kürzlich, dass sich die Lage für Minijobber stabilisiere. Im Juli sei die Zahl der Minijobs im Vergleich zum Juni bundesweit insgesamt um 54 000 gestiegen. „Insbesondere das Gastgewerbe hat damit einen Großteil der Erholung der Minijobs mit ausgelöst.“ Die Bundesagentur hat errechnet, dass im Juni und Juli sogar deutlich mehr Minijobs wieder neu hinzugekommen sind, als dies im Sommer 2019 der Fall war.

Info

Zur Sache

Streit über Anhebung der Lohngrenze bei Minijobs

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) lehnt eine Anhebung der Verdienstgrenze bei Minijobs ab. Das machte ein Sprecher des Ministeriums am Montag klar. Er reagierte auf Vorschläge der Union, die Anhebung der Grenze für sozialversicherungsfreie Minijobs von 450 Euro auf 600 Euro pro Monat zu erhöhen. Mit Blick auf eine koalitionsinterne Arbeitsgruppe sagte der Sprecher Heils, der Vorschlag der Union zum Bürokratieabbau werde nun geprüft. Die Forderung nach einer Anhebung der Entgeltgrenze sei nicht neu. Das Arbeitsministerium lehne eine solche Anhebung weiter ab. Für das Ministerium stehe der soziale Schutz von Geringverdienenden im Vordergrund. In „den vergangenen Monaten mussten viele geringfügig Beschäftigte schmerzhaft erfahren, dass sie keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben und bei Jobverlust kein Arbeitslosengeld erhalten“.

Hintergrund der Forderung ist ein steigender Mindestlohn. Der Mindestlohn liegt derzeit bei 9,35 Euro pro Stunde und soll bis Mitte 2022 schrittweise auf 10,45 Euro pro Stunde steigen. Wegen der festen 450-Euro-Grenze bei Minijobs reduzieren sich bei jeder Mindestlohnerhöhung die Stunden, die ein Beschäftigter im Rahmen eines Minijobs arbeiten darf.

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